Erna gibt nicht auf

Skifahren war schon in seinen frühen Zeiten nicht so einfach. In Hemberg gab gestern ein Skirennen auf Fassdauben und Ur-Ski viel zu lachen.

Michael Hug
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So schön kann Skifahren sein: Dame am Nostalgie-Skirennen in Hemberg. (Bild: Michael Hug)

So schön kann Skifahren sein: Dame am Nostalgie-Skirennen in Hemberg. (Bild: Michael Hug)

«Und jetzt laufen lassen!», schreits vielkehlig im Zielraum. «Gib alles!» ist die Aufforderung an die Läuferin, die offenbar selbst Einheimische erst beim zweiten Hinsehen erkennen. «Ist das Erna?», fragt eine Zuschauerin ihre Nachbarin.

Mit Stil und Eleganz?

Der Grund des Rätselratens: Erna Brunner steckt in Kleidern aus den Dreissigern des letzten Jahrhunderts. Aber auch an ihrem ungestümen Stil hat sie niemand erkannt. Die rüstige Rentnerin hat auf ihrer Fahrt rund ein Dutzend Bodenberührungen, sprich: Stürze.

Zum Sturzpech kommt noch ein Bindungsriss. «Ich gebe endgültig auf», ruft Erna ins Ziel, schultert sich den linken Ski und stolpert unter grossem Applaus des Publikums auf dem rechten aus dem Renngelände.

Stil und Eleganz sind am Nostalgieskirennen blosser Wunsch, wichtig ist das Herunterkommen noch am selben Tag. Auch geübte Carver gönnen sich mit den gekrümmten Holzdauben erst mal eine Probefahrt, und selbst das Beherrschen der kantenlosen Ur-Ski erfordert grosse Körperbeherrschung. Zu den Schwierigkeiten gehört die optimale Präparation der Piste.

Nostalgische Entschleunigung

Was den Fassdauben nämlich entgegenkommt, die tiefe Neuschneepiste, macht's für die Holzlattenfahrer nicht einfacher. Nach dreissig Läufern ist die Piste am Ende, sie besteht dann nur noch aus «Badewannen». Ein ordentlicher Stemmbogen wird fast unmöglich, «laufen lassen!» – schön wär's. Es geht nicht mehr um Sekunden, sondern, Stürze eingeschlossen, um Minuten. Doch den Zuschauern kommt die nostalgische Entschleunigung entgegen.

Fotografieren: Einfach wie nie

Bodenkontakte erfolgen absehbar und im Zeitlupentempo. Kein Problem auch für die Hobbyfotografen, einen spektakulären Einfädler mit einer Fotostrecke festzuhalten. Was auf der Lauberhornstrecke in Sekundenbruchteilen vorüberflitzt, der Rennläufer nämlich, nimmt sich hier unfreiwillig viel Zeit.

Zeit fürs Publikum, die ungelenke Höllenfahrt in allen Facetten auszukosten und dem Zeitnehmenden Ansporn auf den Weg zu geben: «Gib alles, Sepp!» Oder ihm

beim Wiedereinsteigen in die einstige Jahrhunderterfindung des Skisports, die Federzug-Bindung, zu helfen.

Ein nostalgischer Super-G ist keiner ohne entsprechendes Outfit. Selbstverständlich gehört zum Unterhaltungswert des traditionellen Hemberger Nostalgieskirennens auch die entsprechende Kleidung der Rennläufer. Der lange Rock ist bei den Damen angesagt und bei den Herren drängt sich Militärkleidung aus dem Fundus des Grossavaters auf.

Im Mund eine Brissago

Da hängt sich der eine den «Fellaff» über den «Kabutt», ein zweiter den Brotsack an die Schulter und das Bajonett an die Hüfte. Und im Mund manches Ski-Nostalgikers steckt schliesslich eine krumme Brissago, die selbstverständlich in Funktion ist und ebenso selbstverständlich auch beim spektakulären Überschlag nicht hergegeben wird.

Der offensichtliche Vorteil eines ausgesuchten Outfits: Es lenkt von einem nicht ganz so ausgesuchten Fahrstil ab. Nur der Skilift aus dem 21. Jahrhundert mag da nicht so recht reinpassen. Dafür erfolgt die Zeitnehmung noch mit der guten alten mechanischen Stoppuhr.

Erna Brunners Servicemann, sei angefügt, bot einen tadellosen Job und reparierte ihre Bindung noch auf Platz. Die Bindung hielt beim zweiten Start und ihre Sturzquote reduzierte sich um etwa die Hälfte. Mit der erzielten Zeit kam sie ins hintere Mittelfeld aller Teilnehmer.

Mit ihrer Fahrt aber holte sie sich die Sympathien des Publikums. Mitmachen und Spass haben dabei ist eben wichtiger als der Sieg. Alle Läufer sind übrigens durchgekommen, und zwar noch am selben Tag.

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