Erfahrungsbericht

Wie es ist, geschmacklos zu sein: TZ-Redaktorin berichtet über ein Covid-Symptom

Den Geschmacksinn zu verlieren ist derzeit ein fast sicheres Anzeichen dafür, an Covid-19 erkrankt zu sein. So ging es auch TZ-Redaktorin Sabrina Bächi. Eine unangenehme Erfahrung, plötzlich weder zu riechen noch zu schmecken. Wie das ist, erzählt sie im Erfahrungsbericht.

Sabrina Bächi
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Wenn das Essen weder fein riecht noch schmeckt, ist derzeit nicht der Koch sondern Corona Schuld. Geschmacksverlust ist ein häufiges Symptom der Viruserkrankung..

Wenn das Essen weder fein riecht noch schmeckt, ist derzeit nicht der Koch sondern Corona Schuld. Geschmacksverlust ist ein häufiges Symptom der Viruserkrankung..

Bild: Andrea Stalder (Weinfelden, 18. Oktober, 2020)

Ich bin geschmacklos. Und damit meine ich nicht, dass ich nicht das passende Oberteil für meine Hose finde oder ständig unpassende Sprüche von mir gebe. Nein. Aufgrund einer Coronainfektion leide ich seit ein paar Tagen an Geruchs- und Geschmacksverlust.

Zu beschreiben, wie sich das anfühlt und wie sich damit lebt, ist nicht einfach. Geschmack und Geruch sind extrem individuell, niemand weiss, wie das Gegenüber selbst Gerüche riecht oder Essen schmeckt. Zu beschreiben, was man selbst nun plötzlich nicht mehr riecht oder schmeckt ist in etwa das gleiche, wie Patrick Süskind in seinem literarischen Meisterwerk «Das Parfüm» getan hat – nur umgekehrt. Aber vielleicht ist es ein Versuch wert.

Der Alltag riecht nach Nichts

Zunächst einmal ist es ein sehr komisches Gefühl, plötzlich geschmackslos zu sein. Man wäscht sich die Hände mit Seife und riecht den süsslichen Duft einfach nicht. Man duscht und weiss nicht mehr, ob man sich jetzt gerade eben eingeseift hat, weil man es nicht gerochen hat. Wenn man erst mal nicht mehr riecht merkt man erst bewusst, was man alles so riechen kann. Die frische Luft, die Katze, die Kuscheldecke beim Sofa. Ja, sogar man selbst riecht. Und das Essen erst. Wie fein doch Essen riechen kann. Auch diese Freude bleibt einem verwehrt. Ganz zu schweigen davon, dass man auch nichts schmeckt, wenn man es im Mund hat.

Stellen Sie sich vor, wie ihr Lieblingsessen schmeckt. Wie die sämige Sosse über die Teigwaren tropft, wie es ist, das Fleisch anzuschneiden oder die Ravioli mit der Gabel zu zerteilen. Die Vorstellung davon, wie es riecht und schmeckt haben wir wohl alle. Doch steht das Essen erst auf dem Tisch schaltet das Hirn um und begibt sich von der Vorstellung in die Realität. Es kann den Geruch und Geschmack ja wahrnehmen. Die Krux an der Sache ist, dass sich bei der Geschmacklosigkeit das Hirn ebenfalls auf die Rezeptoren im Mund verlässt und die Vorstellung beiseite schiebt.

Sabrina Bächi, Leiterin Ressort Weinfelden.

Sabrina Bächi, Leiterin Ressort Weinfelden.

Bild: Andrea Stalder

Doch die Infos kommen nie im Hirn an. So schmeckt die Suppe, wie wenn man lauwarmen Rahm ohne Geschmack essen würde. Gnocchi sind einfach gummig und das Sauerkraut faserig. Der Zopf ist weich und der Apfel knackig. Einen Geschmack haben sie aber nicht. Vielmehr esse ich nun nach Konsistenz. Ich schmecke nicht, ich merke nur noch.

Schnaps ist Wasser und Knoblauch scharf

Unter anderem habe ich festgestellt, dass man auch salzig, süss und sauer im Mund merkt. Es regt andere Regionen im Mund an. Ich habe in einem Anfall von Übermut beispielsweise einen ganzen Löffel Essig gegessen. Und es war grausig. Es hat mir den Mund zusammen gezogen und ich musste husten. Geschmeckt habe ich allerdings nichts. Ich habe es auch mit einem Aceto versucht. Die gleiche Auswirkung, derselbe nicht vorhandene Geschmack. Ich merke Essig, schmecken kann ich ihn aber nicht.

Knoblauch schmeckt man selbst bei Geschmackverlust.

Knoblauch schmeckt man selbst bei Geschmackverlust.

Bild: PD/ fotolia

So habe ich auch in eine ganze Knoblauchzehe gebissen, in der Meinung, dass ich nichts schmecken würde. Das hat sich als falsch erwiesen. Ich habe sowohl einen ganz leichten Knoblauchgeschmack riechen als auch schmecken können. Allerdings eine wirklich sehr, sehr abgeschwächte Form dessen, was es sonst wohl wäre. Ich mag Knoblauch eigentlich nicht sonderlich. Der Geschmack ist mir zu intensiv. Vor allem auch noch Stunden danach schmecke ich den Knoblauch im Mund.

Nun aber habe ich herzhaft in die Zehe gebissen und gleich wieder ausgespuckt. Es war scharf. Eine ungute Schärfe. Nicht so wie Chili, sondern vielmehr so wie der Essig, nur weiter vorne im Mund. Nach etwa zehn Minuten hatte ich keinen Geschmack von Knoblauch mehr im Mund. Dank Isolation konnte ich auch niemanden küssen, den es dann gegraust hätte.

Auch Alkohol merkt man. Es brennt im Rachen. Sonst aber ist Schnaps wie Wasser. Ich habe sogar Appenzeller getrunken, den ich nur Zuhause habe, weil meine Mutter ihn so gerne trinkt. Ich aber mache normalerweise einen weiten Bogen um den Kräuterschnaps. «Mi cheerts» sage ich jeweils, wenn ich das nur schon rieche. Jetzt aber ist es einfach Wasser, das brennt im Hals.

Mit jedem Bissen vergeht der Appetit

Schokokuchen: Der Traum meiner geschmacklosen Tage.

Schokokuchen: Der Traum meiner geschmacklosen Tage.

Bild: Donato Caspari

So spannend diese Experimente sind, so mühsam ist das eigentliche Essen. In der Vorstellung weiss ich, wie gut es schmeckt, im Mund ist es nur noch eine Konsistenz. Mit jedem Bissen vergeht einem der Appetit. Meist stelle ich den Teller halbvoll beiseite. Ich habe einfach keine Lust mehr. Die Folge davon: Ich habe ständig Hunger. Und Gluscht habe ich ja auch. Auf Weissweinsuppe. Auf Blaukraut mit Chnöpfli. Auf so meeega feine Schokoküchlein, die innendrin noch flüssig sind.

Würde ich das essen, wäre die Enttäuschung immens. Ich habe auch keine Lust zu kochen. Der Aufwand lohnt sich einfach nicht. So ernähre ich mich derzeit hauptsächlich von Zopf. Ich mag die weiche Konsistenz und ich kann das Brot pro forma auch bestreichen. Mit Konfi, Nutella, Senf oder Mayonnaise. Eigentlich egal was, ich schmecke es ja nicht. Und: ich esse Äpfel. Das ist eigentlich das beste Lebensmittel. Es ist knackig, kühl und erfrischend. Ich würde sagen, Äpfel haben die beste Konsistenz.

Der Apfel isst sich ohne Geschmack am besten.

Der Apfel isst sich ohne Geschmack am besten.

Bild: Andrea Stalder

Aber ganz ehrlich – ich freue mich auf den Moment, in dem ich sagen kann, ich esse einen Apfel, weil er mir schmeckt.