Ed Atkins reisst sich in seiner Kunst das Herz aus dem Leib

Der 36-jährige Brite Ed Atkins gehört zu den derzeit gefragtesten Multimedia-Künstlern. In seiner bislang grössten Einzelausstellung im Kunsthaus Bregenz fragt er sich: Was macht es mit uns, wenn wir uns zunehmend in virtuellen Räumen bewegen? In seinen Videoarbeiten findet er darauf gruselige Antworten. Und vergiesst viele virtuelle Tränen.

Christina Genova
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Das digitale Alter Ego des Künstlers erleidet Höllenqualen. (Bild: Ed Atkins)

Das digitale Alter Ego des Künstlers erleidet Höllenqualen. (Bild: Ed Atkins)

Das Foyer des Kunsthauses Bregenz ist entleert. Niemand wartet am Empfang, der Kassenbereich wurde ins Untergeschoss verlegt. Mitten im Raum steht einzig ein metallisch glänzender Portalkran, wie er in Montagehallen zum Einsatz kommt. Daran hängen drei Monitore. Unbehagen stellt sich ein und es wird nicht weniger beim Betrachten der Videoarbeit des britischen Künstler Ed Atkins mit Jahrgang 1982, die darauf zu sehen ist. Daran ändert auch der beschwingte Rhythmus von Ravels Bolero nichts, der dem Video den Takt vorgibt und sich immer hysterischer gebärdet.

Das Gepäckband dreht sich endlos

«Safe Conduct» lautet dessen Titel und er kann nur zynisch gemeint sein. Denn um «Sicheres Geleit» geht es darin nicht. Im Gegenteil muss der Protagonist, eine Art Alter ego des Künstlers, buchstäblich sein Innerstes nach aussen kehren. «Safe Conduct» spielt in einem anonymen Flughafenambiente. Das Gepäckband dreht sich endlos. Der Protagonist ist allein, ein Untoter mit fleckiger Haut und todtraurigem Blick. Alles, was er hat, legt er in Schalen, wie man sie von den Sicherheitskontrollen her kennt. Es sind nicht nur seine Habseligkeiten, sondern er reisst sich die Körperteile vom Leib und legt Herz, Hirn und Gedärme fein säuberlich auf das Band, das Blut schwappt nur so in die Schalen.

In der Falle der eigenen vier Wände

Atkins Avatar scheint gefangen in einem Loop, einer endlosen Schlaufe, wie Prometheus, dessen Leber immer wieder nachwächst, um vom Adler gefressen zu werden. Er ist verdammt, wieder und wieder Hand an sich legen. Als er es am Ende dennoch ins Flugzeug schafft, ist dies keine Erlösung, sondern eine neue Falle: Verzweifelt sieht man ihn aus dem Fenster starren, auf dem Flug ins Nirgendwo.

Die Monitore sind wie Fleischstücke in einem Schlachthof aufgehängt. (Bild: Kunsthaus Bregenz)

Die Monitore sind wie Fleischstücke in einem Schlachthof aufgehängt. (Bild: Kunsthaus Bregenz)

Ein Schlafzimmer voller Ikea-Möbel

Atkins Avatar ist auch der Protagonist einer weiteren Videoarbeit: In «Hisser» ist er auf die vier Wände seines mit Ikea-Möbeln vollgestopften Schlafzimmers zurückgeworfen. Er wirkt verloren und verwirrt, summt vor sich hin, wie um sich selbst zu beruhigen. Bis sich die Erde unter seinem Bett öffnet und ihn und seine kleine Welt in die Tiefe zieht. Das Video basiert auf der wahren Geschichte von Jeffrey Bush, der 2013 mit samt seinem Schlafzimmer in einer Senkgrube verschwand und nie gefunden wurde.

Ed Atkins hat für das Kunsthaus Bregenz zwar keine ganz neuen Werke geschaffen, präsentiert dort aber seine bisher grösste Einzelausstellung. Die Videoarbeiten sind 2014 bis 2017 entstanden. Der 36-Jährige arbeitet mit computergenerierten, hyperrealistischen Bildern, Computerspiele sind für ihn eine wichtige Inspirationsquelle. Er findet Bilder und Geschichten für die Fragen, die sich in unserer immer virtuelleren Welt auftun, und trifft damit einen Nerv der Zeit: Die renommiertesten Kunstmuseen weltweit stellen ihn aus.
Auch die Protagonisten der mehrteiligen Werkserie «Old Food» im ersten Obergeschoss sind in ihrer virtuellen Welt gefangen.

Ein Bub rennt durch die Natur und erinnert an Sysiphos. (Bild: Ed Atkins)

Ein Bub rennt durch die Natur und erinnert an Sysiphos. (Bild: Ed Atkins)

Ästhetik aus Mittelalter-Games

Die Ästhetik und Bildsprache ist Mittelalter-Games entliehen. Ein Bub in pseudohistorischer Kleidung rennt an einer Blockhütte vorbei durch idyllische Natur seine nie enden wollenden Runden; auch hier liegt die Assoziation zur Mythologie und dem ewig Steine rollenden Sisyphos nahe. Schliesslich spielt das Kind ein paar Takte auf einem Klavier – es ist eine Komposition des Aarauer Komponisten Jürg Frey. Das Video daneben erlaubt einen Blick ins Innere der Hütte. Im Fernseher läuft «Frankensteins Braut». Von diesem Horrorfilm aus den 1930er-Jahren sind Werktitel wie «Good wine» «Good bread» oder «Good smoke» inspiriert. Es geht um die berühmte Szene, in welcher sich der blinde Einsiedler Frankensteins Kreatur annimmt und ihr das Sprechen beibringt. Wie menschenähnlich kann künstliche Intelligenz werden? Kann ein Roboter nach moralischen Kriterien urteilen, ist er zu Mitgefühl fähig? Es sind hochaktuelle Fragen, die hier anklingen.

In weiteren Videos von «Old Food» lässt Atkins ein Baby, einen Buben und einen älteren Mann unaufhörlich weinen. Die Tränen kullern ihnen nur so über die Wangen. Der Reflex der Betrachter, den offensichtlich leidenden Menschen beizustehen, führt in die Irre. Denn wie soll man ein einzig virtuell existierendes Wesen trösten? Endgültig desillusioniert ist man, als am unteren Bildrand das Facebook-Logo aufscheint. Echte Menschen mit echten Gefühlen gibt es eben nur in der realen Welt. Sinnbild für die abwesenden Körper sind die tausenden Kostüme aus dem Fundus der Bregenzer Festspiele und des Vorarlberger Landestheaters, die in langen Regalen hängen.
Was Atkins davon hält, das wahre Leben auszusperren und sich ängstlich in virtuelle Welten zu flüchten, hängt als Zitat beim Eingang zum Kunsthaus Bregenz. Es stammt von der taubblinden Schriftstellerin Helen Keller: «Keine Angst. Das Vermeiden von Gefahren ist auf lange Sicht nicht sicherer als sich ihnen direkt auszusetzen. Das Leben ist entweder ein kühnes Abenteuer oder gar nichts.»

Bis 31.3., Kunsthaus Bregenz