Epidemien
Gegen die Pockenimpfung ist die Coronaimpfung ein Klacks

Mit der Impfung konnte eine tödliche Infektionskrankheit weltweit ausgerottet werden: die Pocken. Auch das ging nicht ohne Nebenwirkungen.

Bruno Knellwolf
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Die Pocken lösten einen Ausschlag am ganzen Körper aus, der Narben hinterliess, wenn die Person überhaupt überlebte. Im Bild: Eine Impfaktion in Schaffhausen 1962.

Die Pocken lösten einen Ausschlag am ganzen Körper aus, der Narben hinterliess, wenn die Person überhaupt überlebte. Im Bild: Eine Impfaktion in Schaffhausen 1962.

Keystone

Was wird über die Nebenwirkungen der Covid-Impfung gejammert. Der Arm schmerzt, Kopfweh, Fieber. So wie das aufgrund der klinischen Studien zu erwarten war – je nach Alter etwas mehr oder weniger. Nach spätestens zwei Tagen sind die Nebenwirkungen in der Regel vorbei. Die meisten haben den Stich bei der Covid-Impfung gar nicht oder kaum gespürt.

Das hat bei der Pockenimpfung noch anders ausgesehen. Gleichzeitig haben vier kleine Spitzen die Haut geritzt, um den Wirkstoff in den Körper zu bringen. Und die Impfung hat bei den meisten eine Narbe am Oberarm hinterlassen. Diese ist bei Menschen über 45 heute noch zu sehen. An die Nebenwirkungen kann sich aber kaum jemand noch erinnern. «Ich war noch ein Kind. So schlimm kann das nicht gewesen sein», sagt ein 76-jähriger Ostschweizer. Auch der Schreibende hat keine Erinnerung an seine Pockenimpfung.

Ein bis zwei Tote auf eine Million Geimpfte

Die historischen Daten zeigen, dass pro Million geimpfter Personen bei 1000 mit einer Nebenwirkung gerechnet werden musste. Darunter fielen 15 bis 50 schwere Nebenwirkungen und ein bis zwei Todesfälle pro Million Menschen.

Auch die anfangs erwähnte Narbe nach der Impfung wäre heute wohl ein No-Go. Nebenwirkungen werden weniger akzeptiert als früher. Allerdings stehen sie immer in Relation mit der akuten Bedrohung: Diese war bei den Pocken höher als bei Corona.

Die Krankheit, die durch das Variolavirus verursacht wird, ist leicht von Mensch zu Mensch übertragbar, sehr ansteckend und sehr tödlich. In einer nicht geimpften Bevölkerung sterben 30 bis 40 Prozent der Erkrankten. Allein in Europa forderten die Pocken im 18. Jahrhundert jährlich Hunderttausende Todesopfer. Im Verlauf der Krankheit bildet sich ein typischer Ausschlag mit Bläschen und Pusteln am ganzen Körper, der bleibende Narben hinterlässt – bis hin zu Pockengesichtern.

40 Nebenwirkungen bei harmloser Lutschtablette

Impfungen wie auch Medikamente haben meist Nebenwirkungen. Davon kann man sich leicht überzeugen, wenn man den Beipackzettel eines Medikaments liest. Die lange Liste bringt das Wesen eines Hypochonders in Schockstarre. Nur schon bei harmlosen Halsschmerz-Tabletten ist die Liste der Nebenwirkungen lang. Unterteilt sind diese in fünf Kategorien: von «sehr häufig», «häufig», «gelegentlich», «selten» bis zu «sehr selten», auch «Einzelfälle» genannt.

Das geht dann vom unangenehmen Gefühl im Mund zu Schläfrigkeit, zu Durchfall und Fieber, zu anaphylaktischen Reaktionen bis im schlimmsten Fall zu Blutarmut, Herzinsuffizienz und Leberentzündungen. Sogar bei einer Halsweh-Lutschtablette wie Strepsils werden ungefähr 40 Nebenwirkungen aus den fünf Kategorien aufgelistet.

Doch wie kommen diese vielen möglichen Nebenwirkungen überhaupt auf den Beipackzettel? «Die Packungsbeilagen folgen einem einheitlichen Schema, das die Gesundheitsbehörden vorgeben, in der Schweiz Swissmedic», erklärt Barbara Zimmermann für die Pharmafirma Bayer Schweiz AG. Swissmedic genehmigt am Schluss die Packungsbeilage. Die Packungsbeilagen werden regelmässig überprüft und an den neusten Stand der Forschung angepasst. Die Wegleitung der Swissmedic dazu umfasst 72 A4-Seiten.

Manche Nebenwirkungen fallen erst später auf

«Gemäss dem Heilmittelgesetz müssen schwerwiegende, bisher unbekannte unerwünschte Wirkungen Swissmedic gemeldet werden», sagt Zimmermann. Auch wenn eine Nebenwirkung in der Fachinformation des betreffenden Medikamentes ungenügend erwähnt worden ist, muss das gemeldet werden. Bei Swissmedic arbeitet ein sogenanntes Pharmacovigilance -Team, das die eingegangenen Meldungen nach neuen Risiken prüft. Das gilt auch für Rückmeldungen nach Corona-Impfungen.

Wie auf dem Beipackzettel des Halsweh-Lutschers werden die unerwünschten Wirkungen nach einer internationalen Klassierung nach absteigender Häufigkeit kategorisiert. Die Pharmafirma betreibt dazu laufend ein weltweites Monitoring der unerwünschten Wirkungen für seine Arzneimittel. Auf diese Weise werden sämtliche Meldungen von Nebenwirkungen von Patienten oder von medizinischen Fachpersonen, die an Swissmedic oder direkt an Bayer gelangen, in einer Datenbank gesammelt und medizinisch bewertet.

Die Meldungen zu den Nebenwirkungen werden nach verschiedenen Kriterien analysiert. Zum Beispiel, ob eine Zunahme von Ereignissen weltweit oder nur in bestimmten Ländern auftritt und ob die neuen Erkenntnisse die Nutzen-/Risiko-Profile auf der Packungsbeilage bestätigen oder nicht. Auf diese Weise sollte der Beipackzettel eines Medikaments à jour bleiben.

Eine 200 Jahre alte Erfolgsgeschichte

Die Pockenimpfung steht am Anfang der Impfgeschichte und ist einer der grössten Erfolge der Medizin. Der britische Landarzt Edward Jenner impfte 1796 seinen Sohn mit harmlosen Kuhpockenviren und war somit der Erste, welcher den Impfmechanismus nutzte.

Dank der Impfung konnten die Pocken 1980 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als ausgerottet erklärt werden. Die letzten Pockenfälle wurden 1977 in Somalia und 1978 im Umfeld eines Labors in England gemeldet. Es ist bislang der einzige Krankheitserreger, der komplett ausgerottet wurde. Das Virus existiert heute offiziell nur noch in zwei Hochsicherheitslaboratorien in Russland und in den USA und wird dort zu Forschungszwecken aufbewahrt.

Schweizerinnen und Schweizer, die bis Mitte der 1970er gegen Pocken geimpft worden sind, hätten wohl heute noch einen gewissen Impfschutz gegen die tödliche Infektionskrankheit. Ob dieser reichen würde bei einer Ansteckung, können die Fachleute nicht sagen.

Die Nebenwirkungen der Pockenimpfung waren zum Teil ähnlich wie jene der Covid-Impfung. Schmerzen an der Impfstelle gehörten dazu. Möglich waren eine Schwellung der nahegelegenen Lymphknoten, Juckreiz, eine lokale Rötung, Müdigkeit, leichtes Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen. Ganz selten kam es zu schwereren Nebenwirkungen wie einem Hautausschlag, einer Augen- oder einer Hirnhautentzündung. 

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