Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Einzelkämpfer war einmal: Wie der Tierschutz massentauglich geworden ist

Das «Nein» zum Ozeanium in Basel passt zum gesellschaftlichen Wandel: Tiere sollen heute nicht mehr bloss dem Menschen dienen.
Niklaus Salzmann
Tierschützer – hier bei einer Protestaktion in Genf – sind nicht mehr einsame Kämpfer. (Bild: Martial Trezzini, Keystone)

Tierschützer – hier bei einer Protestaktion in Genf – sind nicht mehr einsame Kämpfer. (Bild: Martial Trezzini, Keystone)

Tierschützer jubeln: Das geplante Ozeanium in Basel – ein Grossaquarium mit Meerestieren – wird nicht realisiert. Zwar hat der Zoo Basel sein Projekt als Beitrag zur Umweltbildung angepriesen, mit dem auf die Bedrohung der Meere aufmerksam gemacht werde. Doch weite Teile der Bevölkerung nahmen dies anders wahr. In ihren Augen hätten im Ozeanium Tiere, die nicht in die Schweiz gehören, der Belustigung der Menschen gedient.

Eine solche Zurschaustellung von Tieren kommt heute nicht mehr gut an. Das hatte vor zwei Wochen schon der Zirkus Knie erfahren: Model Tamy Glauser hatte in den sozialen Medien zum Boykott des Nationalzirkus aufgerufen, während Moderatorin Gülsha Adilji zumindest den Verzicht auf Shows mit Tieren forderte. Dies, obwohl der Zirkus Knie längst keine Raubtiere mehr zeigt und seit 2016 auch keine Elefanten mehr in der Manege präsentiert. Es ging vielmehr um Pferde, Schweine, Papageien.

Soziale Medien verbreiten Skandale innert Stunden

Nun geben also junge, schöne Menschen dem Tierschutz ein Gesicht. In früheren Jahrzehnten hatten Tierschützer noch das Image von Aussenseitern – der bekannteste war Erwin Kessler. Eine Erklärung für diesen Wandel sieht Philosophieprofessor Markus Wild in der Informationsgesellschaft:

«Wer sich heute für Tierschutz einsetzt, merkt, dass er nicht allein ist, und kann sich mit anderen vernetzen.»

Dank der digitalen Vernetzung sind auch Informationen über Tierhaltung rasch verfügbar. Skandale wie derjenige um einen tierquälerischen Pferdehalter im thurgauischen Hefenhofen verbreiten sich innert Stunden übers ganze Land. Auch die Protestmethoden verbreiten sich rasch über Landesgrenzen hinweg. Nach dem Vorbild ausländischer Aktivisten werden auch in der Schweiz Mahnwachen vor Schlachthöfen abgehalten.

Wiederum sind es soziale Medien wie Facebook, über die sich die Tierschützer organisieren und über die sie auch Bilder von den Aktionen verbreiten.

Wie militante Tierschützer von sich reden machen

Diese Mahnwachen sind in der Regel bewilligt und laufen friedlich ab. Doch auch militante Tierschützer machen vermehrt von sich reden. Im November waren über hundert Tierschützer aus der Schweiz, England, Belgien, Frankreich und Italien in ein Gebäude des Fleischverarbeiters Bell in Oensingen eingedrungen. Sie blockierten den Betrieb, einige ketteten sich gar an, um der Polizei die Räumung zu erschweren. In derselben Nacht wurden in Bern Scheiben von Metzgereien eingeschlagen.

Bei einer Aktion in Rüdlingen im Kanton Schaffhausen kamen im April gar Tiere zu Schaden: Unbekannte Täter hatten fast hundert Schweine aus einem Stall getrieben. Laut der «Bauernzeitung» wurde ein Schwein tot aufgefunden, vermutlich wegen Herzversagens aufgrund der Aufregung.

Während solche militanten Aktionen Aufmerksamkeit erhalten, ist eine kritische Einstellung zur Nutztierhaltung in viel weiteren Kreisen als nur bei radikalen Tierrechtlern zu finden. Die Hornkuh-Initiative wurde zwar nicht angenommen, erhielt aber 45 Prozent Ja-Stimmen. Derzeit läuft die Unterschriftensammlung für eine Initiative gegen Massentierhaltung, die unter anderem von Greenpeace unterstützt wird. Markus Wild:

«Tierschutz wird heute vermehrt im Zusammenhang mit Umwelt- und Naturschutz gesehen. Die Konsumenten sind sich bewusst, dass die Nutztierhaltung zum Klimawandel und zum Verlust der Biodiversität beiträgt.»

Der Zeitgeist sprach gegen das Ozeanium

Es gehört heute zum Allgemeinwissen, dass Kühe Methan ausstossen und dass sie mit Soja gefüttert werden, für dessen Anbau in Brasilien Regenwald abgeholzt wird. So kommen zum Mitleid gegenüber Tieren weitere Argumente, die gegen Fleischkonsum sprechen. Schweizer Zoos versuchen bereits seit längerem, nicht nur mit herzigen Tieren zu punkten, sondern sich daneben im Dienste des Natur- und Artenschutzes zu präsentieren. Die Tiere erhalten grössere Gehege, und auf Arten wie Eisbären wird ganz verzichtet. Mit einem Teil der Erlöse werden weltweit Naturschutzprojekte unterstützt.

Beim Projekt Ozeanium ist es dem Zoo Basel aber nicht gelungen, die Natur- und Umweltschützer auf seine Seite zu ziehen. Im Gegenteil: Es gab heftige Kritik, weil viele der Meerestiere nicht züchtbar seien und deshalb aus der Wildnis entnommen werden müssten – und weil das Aquarium grosse Mengen an Energie geschluckt hätte. Der Zeitgeist sprach gegen das Projekt. «Ich denke, vor zehn Jahren wäre das Ozeanium angenommen worden», sagt Markus Wild.

Lesen Sie unseren Kommentar zum Thema:

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.