Einsamkeit hinter Gittern

Die Abwendung und Apathie gegenüber den Schaulustigen ist sein einziger Schutz. Oder sind die durch die Gitterstäbe drängenden Blicke zwischen Gier und Mitleid (bloss) Einbildung? Als Betrachtende nimmt man ungefragt die Position der Gaffenden ein, wird zur Spiegelung des eigenen Voyeurismus.

Drucken
Teilen
Eugène Delacroix: Tasso im Irrenhaus (Tasso in Ospedale di Sant'Anna in Ferrara), 1839. (Bild: Römerholz)

Eugène Delacroix: Tasso im Irrenhaus (Tasso in Ospedale di Sant'Anna in Ferrara), 1839. (Bild: Römerholz)

Die Abwendung und Apathie gegenüber den Schaulustigen ist sein einziger Schutz. Oder sind die durch die Gitterstäbe drängenden Blicke zwischen Gier und Mitleid (bloss) Einbildung? Als Betrachtende nimmt man ungefragt die Position der Gaffenden ein, wird zur Spiegelung des eigenen Voyeurismus.

In der Pose des Melancholikers, das Hemd geöffnet, das Herz preisgegeben, berührt die Szene «Tasso im Irrenhaus» von Eugène Delacroix (1798–1863) von 1839 in ihrer zeitlosen Direktheit und der sinnlichen, flatterigen Malweise. Es ist der Beschreib eines Seelenzustandes. Eine latente Unordnung beherrscht den Raum, Beunruhigung macht sich breit. Vom Salon wurde das Bild damals abgelehnt. Oskar Reinhart hat es 1919 als Anfang seiner Sammlung in Paris erworben.

In einer früheren Variante desselben Themas aus einer anderen Privatsammlung zeigt Delacroix Torquato Tasso noch in gefasster Haltung. Am tragischen Schicksal des Renaissance-Dichters berührten den Maler zunehmend die Tragik der Einsamkeit anstelle der Heroik. Nach 140 Jahren sind die beiden Arbeiten zum erstenmal, in Winterthur, zusammengeführt und lassen die veränderte Wahrnehmungsoptik vergleichen.

Die Ausstellung «Eugène Delacroix, Spiegelungen» im «Römerholz» in Winterthur legt Delacroix' Interesse am seelischen Zustand des unverstandenen und als Wahnsinniger diffamierten Künstlers offen. In der Zusammenstellung eher kleinformatiger, intimer Bilder und Zeichnungen zu Goethes «Faust», Shakespeares «Hamlet», Michelangelo oder der «Verspottung Christi» bis hin zu reinen Landschaftsimpressionen zeigt die Ausstellung die Hinterfragung der eigenen Existenz, der eigenen gefährdeten Künstleridentität. Nicht der Maler der grossen Galeriebilder ist hier Thema, sondern der Mensch, verunsichert in der Welt um 1820 zwischen Aufklärung und Restauration. Den Menschen, der sich selbst befragt, den missverstandenen, leidenden, den verfolgten, den wahnsinnigen, stellt Delacroix ins Zentrum – den Menschen von heute, von morgen.

In dieser vorläufig letzten Studienausstellung wird erneut ein Werk aus der Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz» wissenschaftlich aufgearbeitet und zusammen mit exquisiten Leihgaben und Werken aus der eigenen Sammlung ergänzt. Dass für die Besucherinnen und Besucher daraus ein Genuss erster Güte entsteht– eine Delacroix-Ausstellung en miniature –, ist der konzentrierten, klugen Präsentationsweise zu verdanken.

Die Ausstellung bietet ausserdem noch einmal Gelegenheit, auch Blicke auf die weitere umfangreiche Sammlung an Delacroix-Bildern zu werfen, etwa den «Kampf zwischen Löwe und Tiger», aber auch Goyas «Lachsscheiben» zu sehen, Werke von Daumier und Courbet oder van Goghs Aussen- und Innensicht des Hospitals von Arles, die er nach seiner Einweisung als psychiatrischer Patient gemalt hat.

Wie das Kunstmuseum Winterthur bleibt auch die Sammlung «Am Römerholz» wegen Umbauarbeiten ab Dezember bis 2010 geschlossen. (ubs)

Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz», Winterthur, bis 14. Dezember, Di–So 10–17 Uhr, Mi bis 20 Uhr.

Aktuelle Nachrichten