Reisen
Einsame Strände, Segelboote und gutes Bier: In der norddeutschen Bodderegion gibt es trotzdem erst wenige Touristen

Die rostbraunen Segel der Zeesenboote schmücken die Vorpommersche Boddenlandschaft in Deutschland. Ein Törn auf dem traditionellen Fischersegler entführt in die Natur und die Vergangenheit.

Martina Katz
Drucken
Teilen
Die hölzernen Zeesenboote prägen die mecklenburgischen und pommerschen Küsten seit Mitte des 19. Jahrhunderts.

Die hölzernen Zeesenboote prägen die mecklenburgischen und pommerschen Küsten seit Mitte des 19. Jahrhunderts.

Shutterstock

Andreas Schönthier steht entspannt auf dem dicken, hölzernen Zeesenboot und hält die Nase in den Wind. Über ihm blähen sich hundert Quadratmeter rostbraune Segel. Die graue Baseballkappe ins Gesicht gezogen, lauscht der rüstige Mann mit der Sonnenbrille dem Klang des Saaler Bodden und lässt den Blick schweifen.

Über die roten und schwarzen Fischerhütten an hölzernen Bootsstegen. Über die Rostocker Familie, die neben ihm auf den glänzenden Eichenbänken sitzt. Über die endlose Weite der flachen Seenlandschaft, an deren geschwungenen Ufern sich Schilfgürtel wiegen und einem Vorhang gleich den Blick auf das Spiel der Wasservögel freigeben.

Schönthier ist Eigentümer eines der letzten Zeesenboote auf der deutschen Ostsee-Halbinsel Fischland-Darss-Zingst und gleichzeitig sein Skipper. «Fast jeden Tag warte ich auf Urlauber, die mit meinem traditionellen Fischerboot segeln wollen», sagt der 75-Jährige im Hafen von Althagen. «Manchmal kommt keiner, manchmal geht es fünfmal am Tag hinaus auf den Bodden. Ab zehn Uhr morgens, alle zwei Stunden, 90 Minuten lang.»

Die Küste erstreckt sich über hundert Kilometer

Der Saaler Bodden ist mit 140 Quadratkilometern der grösste Teil einer Kette flacher Wasser, die sich zwischen dem Festland und den einstigen Inseln Fischland, Darss und Zingst aneinanderreihen. Über hundert Kilometer Küste nehmen sie ein, bevor sie an ihrem östlichen Ende in die Ostsee übergehen.

Mit dreissig Zentimetern an der flachsten und knapp vier Metern an der tiefsten Stelle, dazu scharenweise Buchten und kleine Inseln, ist die Vorpommersche Boddenlandschaft ein Paradies für Wasservögel. Sie finden Schutz und Ruhe, denn Untiefen, starke Strömungen und hoher Seegang bei Wind halten die meisten Wassersportler fern.

Nur die schweren, plattbödigen Zeesenboote kommen damit zurecht. Die sind geklinkert.

.

.

Martina Katz

Dabei überlappt eine Holzplanke die nächste, dazwischen dichtet ein Baumwollfaden das Boot ab. «Was sich merkwürdig anhört, macht die Boote extrem stabil. Schon die Wikinger wussten das», sagt Schönthier. Seit Jahren steuert der Fischer den alten Fischersegler. Manchmal bei Windstärke fünf bis sechs.

«Bei Ostwind peitscht die Welle gegen die Seite, es spritzt überall hin, und die Kinder haben ihren Spass. Dem Zeesenboot macht das nichts, nur die modernen Plastiksegler liegen dann kopfüber im Wasser», erzählt der Skipper.

Die Fahrten starten in den kleinen Häfen von Dierhagen, Wustrow, Wieck oder Zingst. Andreas Schönthier legt in Althagen ab, einem Ortsteil des als Künstlerdorf bekannten Ahrenshoop. Neben dem Hafenweg, der von der schmalen Hauptstrasse über Kopfsteinpflaster hinunter zum Wasser führt, gibt es hier nicht viel. Dafür findet verweilt man dort an wunderschönen Sandstränden.

Shutterstock

Ein paar Land- und Wohnhäuser, einen Festplatz, drei Keramikwerkstätten, einen Reiterhof, eine Bushaltestelle – ein verschlafenes Dörfchen. Im Hafen sitzen männliche Unikate mit langen grauen Bärten, manch einer die Pfeife im Mund.

Wildgänse beobachten und ­Muscheln suchen

Im Frühjahr und Herbst fliegen Tausende Kraniche und Wildgänse auf ihrem Zug trötend durch die Lüfte. Ein Idyll. An der Küste gegenüber lockt das Kliff Hohes Ufer zahlreiche Muschelsammler und Radfahrer auf ihrer Fischlandtour zwischen den Ostseebädern Wust­row und Ahrenshoop. Mancher Tourist biegt nach Althagen ab und bestaunt die mächtigen Zeesenboote. Dass man von hier auf einem der geschichtsträchtigen Fischerkähne mitsegeln kann, ist allerdings wenig bekannt.

Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts gehörten Zeesenboote zum Erscheinungsbild der mecklenburgischen und pommerschen Küsten. Zu Hunderten segelten sie über die Gewässer, ­fuhren die sogenannte Drift. Dann sah man nichts als rostbraune Punkte auf dem Bodden. Die Leinensegel ­wurden mit Eichenrinde, Öl, Fett, ­Holzteer und Ochsenblut behandelt; ein Gemisch, das sie vor Feuchtigkeit schützte.

Vorn und hinten am Boot spannten die Fischer sackförmige Fangnetze, die Zeesen, an ausfahrbare Holzstangen und fischten damit seitlich treibend den Boddengrund ab. Lautlos. Tagelang. Stint, Aal, Zander, Hecht, Barsch. Das ganze Jahr über, bis zum Frost.

Als nach einigem Auf und Ab Ende der 1970er-Jahre das Grossreusen­fischen in der DDR staatlich subventioniert wird, stirbt die gewerbemässige Zeesenfischerei aus. Heute ist das Fischen mit dem Schleppnetz verboten. Touristen und Segelindividualisten sind es jetzt, welche die alten Fischerkähne am Leben halten.

Regatten fühlen sich an wie eine Zeitreise

Die Regatten sind das heimliche Highlight auf dem Bodden. Wenn die rostbraunen Segel das Wasser sprenkeln wie Blüten einen Blumenstrauss, kann man sich gut vorstellen, wie es ­gewesen sein muss, als die Fischer hier drifteten. Sieben Regatten im Jahr verführen zu einer solchen Zeit­reise. Wer in diese Vergangenheit ­eintauchen will, muss sich aber noch etwas gedulden. In diesem Jahr sind die Regatten aufgrund der Corona­krise abgesagt.

Schon 1908 gab es die erste Wettfahrt mit nur zehn Zeesenbooten ­Damals verfolgten die Zuschauer das Geschehen von zwei Dampfern aus. 1994 wurde die Fischerregatta erneut ins Leben gerufen. Inzwischen ist sie ein Volksfest. Zur Preisverleihung im Hafen pusten urige Seemannsgesichter in weissen Latzhosen in gewölbte Tröten.

Martina Katz

Zwischen Sonnenschirmen und winzigen Zipfelzelten stehen Möchtegernmatrosen mit hübschen Frauen beim Bier. Im Wasser schwankt der glänzende Mastenwald über Namen wie Nordischer Löwe, Bill und Schmuggler. Überall baumeln Ketten und Netze, flattern Fahnen im Wind, hängen handgenähte Seesäcke, Seemannspullover für Kinder und Windspiele aus Muscheln.

Überhaupt erinnert auf Fischland-Darss-Zingst viel an die gute alte Fischer­tradition. Die Schifferkirche in Ahrenshoop ist ein Prachtstück aus gespendetem Holz.

Shutterstock

Von aussen sieht sie aus wie eine asiatische Luxushütte. Auf ihren Gebetsbänken fühlt man sich, als wölbe sich ein umgestülpter Schiffsrumpf darüber. In der Prerower Seemannskirche stapeln sich Spenden gestran­deter Seeleute. Die älteste Kirche auf der Halbinsel schmücken zahlreiche Votivschiffe, dazu dreissig alte Seemannsgrabsteine.

Und fast überall sind die bunten Darsser Haustüren Zeugen vergangener Fischertage. Mit ihren schnörkeligen Symbolen verzierten sie früher nur Fischer- und Kapitänshäuser, ein Zeichen des Wohlstands. Heute prahlen die farbenprächtigen Hingucker mit Anker, Blumen oder Sonne an vielen Gebäuden und sind sogar patentrechtlich geschützt.

Gut zu wissen

Anreise

Mit der Bahn über Rostock bis Ribnitz-Damgarten. Von dort weiter per Taxi auf die Halbinsel Fischland-Darss-Zingst, zum Beispiel bis Dierhagen oder Prerow.

Übernachten Das familiäre Bio-Hotel Ginkgo Mare in Prerow (Doppelzimmer für 138 Franken) hat niedliche Zimmer mit Vollholzmöbeln und Miniküche. Im geräumigen Ostseehotel Dierhagen (Doppelzimmer für 140 Franken) gibt es geschmackvolle 3-Sterne-Zimmer, eine gemütliche Sonnenterrasse und Pool.

Segeltörn
Die Zeesenbootfahrten starten ab vier Personen, beispielsweise von Althagen (Tel. 004938220 6946, Andreas Schöntier) oder Dierhagen (Tel. 0049 170 4512671, Peter Zobel). Eine Anmeldung ist ratsam. Den 90-Minuten-Törn gibt es ab 14.80 Franken pro Person.

Infos
Weitere Tipps zu Radtouren, Ausritten oder Museen gibt es beim Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern.