Pilgerboom auf dem Jakobsweg – alles begann vor 40 Jahren mit einer unglaublichen Geschichte

Längst wird nicht mehr nur aus religiösen Gründen gepilgert. Viele wählen den Camino, um den Stress des Alltags zu vergessen und sich in der freien Natur zu bewegen.

Ruth Steiner
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Die Jakobsmuschel, manchmal auch ein einfacher gelber Pfeil, weist den Pilgern den Weg nach Santiago de Compostela.

Die Jakobsmuschel, manchmal auch ein einfacher gelber Pfeil, weist den Pilgern den Weg nach Santiago de Compostela.

Bild: Shutterstock

Das ganze Theater um seine Person ist José furchtbar peinlich. Er windet sich, druckst etwas herum, versteht einfach nicht, weshalb plötzlich alle Augen auf ihn gerichtet sind und er all die Fragen beantworten soll. Viel lieber würde der gesetzte Mann im knallroten Pullover sich hinter die Theke seines Verkaufsladens verziehen. Der Souvenirshop im kleinen Dorf O Cebreiro im Osten Galiziens ist seine Heimat.

Täglich pilgern Hunderte Menschen an ihm vorbei, machen Halt und ziehen weiter. Seit Jahrzehnten kennt der 50-Jährige nichts anderes. Keiner dieser Menschen, die bei Jose eine kurze Atempause machen, denkt sich etwas dabei: nämlich dass er es war, der die historische Jakobsweg-Route von Saint Jean Pied de Port am Fusse der französischen Pyrenäen ins rund 780 Kilometer entfernte Santiago de Compostela im Westen Spaniens sozusagen wiederbelebte.

Er, seine Mutter und Don Elías Valiña Sampedro, Pfarrer im kleinen Nest O Cebreiro, haben den Weg über weite Strecken neu markiert. Das liegt nun über vierzig Jahre zurück. José war damals kaum zehn Jahre alt.

José war beim Markieren des Camino dabei.

José war beim Markieren des Camino dabei.

Bild: str

Langsam taut José auf, seine Augen beginnen zu leuchten beim Erzählen, die Zuhörer sind sichtbar beeindruckt von seiner schier unglaublichen Geschichte: Zu Fuss sind Don Elías, José und Josés Mutter Hunderte von Kilometern marschiert und haben den Camino mit dem berühmten gelben Pfeil markiert. Stolz hält José fest: «Ich habe die gelbe Farbe ausgewählt.»

Die Arbeit war aufwendig und hat mehrere Jahre gedauert. Pfeile und Muscheln weisen den Pilgern heute noch den Weg sicher ans Ziel nach Santiago de Compostela. Sich auf dem Camino Francés zu verirren, ist kaum möglich. Die Wegweiser kommen überall vor: an Hauswänden, Mauern, Bäumen, riesigen Steinen.

Pfarrer Don Elias hat später den ersten modernen Pilgerführer verfasst über den Jakobsweg, der 1987 zum ersten europäischen Kulturweg ernannt wurde: Camino Francés. Zu Beginn habe kaum jemand etwas mit diesen Informationen anfangen können. «Es dauerte eine Weile, bis die Pilger kamen», erinnert José sich.

Doch heute kommen sie nun in Scharen. Die Zahl der Menschen, die auf dem Camino unterwegs sind, steigt jährlich an. Die Statistik schreibt Jahr für Jahr neue Rekorde: 2018 haben sich über 300000 Pilger aus 177 Ländern im Pilgerbüro in Santiago de Compostela eine Urkunde ausstellen lassen.

Das Ziel in Sicht: die Kathedrale von Santiago de Compostela.

Das Ziel in Sicht: die Kathedrale von Santiago de Compostela.

Bild: Shutterstock

Den Trend für den Camino Francés ausgelöst haben nicht zuletzt der brasilianische Schriftsteller Paulo Coelho, die amerikanische Schauspielerin Shirley MacLaine und der deutsche Komiker Hape Kerkeling, die alle Bücher über ihre Erlebnisse auf dem Weg zum Grab des Apostels Jakobus in Santiago verfasst haben.

Die geschichtlichen Ursprünge des Jakobswegs gehen jedoch bis ins 8. Jahrhundert zurück, als die Iberische Halbinsel zum grössten Teil unter arabischer Herrschaft stand. Zu dieser Zeit verbreitete sich die Geschichte von Jakobus, welcher auf der Iberischen Halbinsel missioniert und dort auch seine letzte Ruhestätte gefunden habe.

Jakobus wurde von den Königen Asturiens und von León zu ihrem Schutzheiligen ernannt. Wer sich aufmacht und die rund 800 Kilometer unter die Füsse nimmt, kommt durch die Regionen Navarra, Rioja, Kastilien und Galizien: In der Navarra und der Rioja durchquert man bekannte Weinbaugebiete mit einfachen Weingütern und luxuriösen Hightech-Bodegas, in denen edle Gran-Reservas gekeltert werden.

Der Pilgergruss «Buen Camino» ist allgegenwärtig

Auf dem Weg liegen viele bedeutungsvolle Orte und Bauwerke Spaniens: Die mächtige Kathedrale in Burgos gehört dazu, die Basilika San Isidoro in León oder das Kloster San Juán de Ortega. Nicht zu vergessen das Cruz de Ferro. Wer diesen Ort erreicht hat, steht auf dem höchsten Punkt des Caminos auf dem Bergkamm des Monte Irago auf 1500 Meter.

Am Fusse des Kreuzes befindet sich ein immer grösser werdender Steinhaufen. Manche Pilger legen dort einen Sorgen- oder Sündenstein ab, den sie einige Zeit im Rucksack mitgetragen haben. Mit dieser Geste hoffen sie, sich von den ungeliebten Lasten des Lebens zu befreien.

 Kurze Wanderungen vermitteln Pilgerfeeling, dann geht’s mit dem Bus weiter.

Kurze Wanderungen vermitteln Pilgerfeeling, dann geht’s mit dem Bus weiter.

Bild: str

Es sind ganz unterschiedliche Gründe, welche die Menschen auf den Jakobsweg führen: religiöse oder spirituelle, kulturelle oder sportliche. Der Pilgerboom widerspiegelt vielleicht aber auch ein Bedürfnis der heutigen Zeit. Nämlich der Sehnsucht nach dem einfachen Leben, dem kurzzeitigem Ausbruch aus dem hektischen Alltag.

Wein, Massagen und Massenschlag: ein Rundgang durch die Albergue del Pilar in Rabanal:

Video: Ruth Steiner

Viele Menschen nutzen die Auszeit auf dem Camino, um über ihr eigenes Leben nachzudenken und sich mit andern auszutauschen, die ebenfalls unterwegs sind. Den Kontakt zu andern Pilgern suchen muss dabei kaum jemand. Er findet einfach statt. Auch wenn nicht alle gleich schnell laufen, so begegnet man sich immer wieder, unterwegs bei der Rast, spätestens aber gegen Abend in einer der zahlreichen Unterkünfte, die den Weg säumen. Wer sich unterwegs begegnet, ruft sich «Buen Camino!» zu. «Guten Weg!»

Castrillo de los Polvazares ist ein kleines denkmalgeschütztes Dorf in der Provinz León.

Castrillo de los Polvazares ist ein kleines denkmalgeschütztes Dorf in der Provinz León.

Bild: Shutterstock

Pilgerboom brachte ökonomischen Aufschwung

Tatsächlich haben viele Dörfer vom Pilgerboom profitiert und wirtschaftlich einen regelrechten Aufschwung erlebt. Zogen die Menschen früher weg in die grösseren Städte, gingen die Läden in den Dörfern zu und verfielen die Häuser mit der Zeit, hat sich dies in der Zwischenzeit komplett geändert.

Schmucke kleine Häuser säumen die Strasse, die meisten bieten Übernachtungsmöglichkeiten an. Zu ihnen gehört die Herberge von Pilar in Rabanal. Das ist ein kleiner Ort am Jakobsweg in der Provinz León. Die rüstige Seniorin ist schon lange im Geschäft.

Bereits ihre Mutter habe müden und hungrigen Pilgern eine Möglichkeit zum Schlafen geboten und etwas Warmes zum Essen aufgetischt, erzählt sie. Der Weg in Pilars Reich führt durch ein gebogenes Tor in einen grossen Innenhof. Dort sieht es aus wie ein Restaurant in einem grossen Blumengarten; rundherum blüht es in allen Farben: rot, gelb, orange, lila.

Pilgermutter Pilar hat Besuch aus der Schweiz.

Pilgermutter Pilar hat Besuch aus der Schweiz.

Bild: str

An den Tischen im Innenhof von ­Pilars Herberge sitzen nebst Wanderern auch Einheimische. Alle vor ordentlich gefüllten Tellern. Das Speiseangebot ist typisch für die Region: Salat, Oliven, Tortilla, Thunfischpastete.

Mittendrin steht Hausmutter Pilar mit einem freundlichen Lächeln auf dem Gesicht, man fühlt sich sofort willkommen und wohl hier. Pilar lebt für die Pilger, die in Rabanal Halt machen: Wer morgens früh aus den Federn und weitergehen will, dem serviert sie bereits um 5.30 Uhr ein ordentliches Frühstück. Dann gibt sie die Wanderer dem Weg zurück.

Der Weg kann zu Fuss, mit dem Fahrrad, auf dem Rücken eines Pferdes bestritten werden. Wer möchte, macht es sich im Reisebus bequem. Diese Reisevariante bevorzugen Genusspilger. Ihnen sind nämlich die kulturellen Schätze auf dem Camino ebenso wichtig wie das Marschieren. Auch Buswanderer schnüren jeden Tag für eine kurze Strecke die Schuhe. So können sie zwar das Feeling eines hart gesottenen Pilgers erleben, ohne jedoch den wochenlangen Fussmarsch bei jeder Witterung auf sich nehmen zu müssen. Wer in den Bus steigt, darf den Jakobsweg erfahren. Im wahrsten Sinn des Wortes.

Wanderreise Jakobsweg

 Die Eurobus-Wanderreise «Jakobsweg» ist auch 2020 buchbar: 19.4.–29.4., 6.5.–16.5., 23.9.–3.10., 4.10. – 14.10. Während elf Tagen erkunden die Gäste die Highlights des klassischen Jakobswegs «Camino Francés».

Nach den geschichtsträchtigen Städten Pamplona, Burgos und Léon folgt die weltbekannte Kathedrale in Santiago de Compostela, die der Endpunkt des Jakobswegs darstellt. In den Folgetagen werden die beeindruckende Atlantikküste bei Santander und die abwechslungsreiche Stadt Bilbao bereist.

Pro Tag wird etwa zwei Stunden auf flachen Wegen gewandert, und der Rest der Strecke wird mit einem komfortablen Eurobus zurückgelegt. Übernachtet wird in ausgewählten Vier-Sterne- Hotels. Die Anreise findet mit dem Eurobus-Deluxe-Reisebus statt, und die Rückreise ab Bilbao kann mit dem Reisebus oder dem Flugzeug angetreten werden.

Hinweis: Die Reise wurde von Eurobus ermöglicht.

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