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Einfach «easy»

Perth ist die isolierteste Grossstadt der Welt. Wer hierher reist, erlebt einen entspannten Lifestyle – Surfen, Schlemmen und Entdecken inklusive. Gut, dass vor kurzem der erste Direktflug zwischen Europa und Australien in Betrieb genommen wurde. London–Perth ist mit 17 Stunden einer der längsten Linienflüge der Welt.
Stephanie Rebonati

Es ist Mittagszeit in Fremantle. Jen Lowe tischt auf: Brot, Käse, Avocado, Trauben, Butter und Salami. Ihre beiden Kinder eilen in den Garten, der einem verwunschenen Innenhof gleicht. Die Mädchen ziehen die Stühle näher an den Tisch, streichen sich die blonden Haarsträhnen aus dem Gesicht und greifen in verschiedene Schalen. Ein sanfter Wind rauscht durch die hohen Baumkronen, irgendwo singt ein Vogel. Lowe lehnt sich in ihren Stuhl hinein und schaut gen Himmel. «Was Perth ausmacht?», wiederholt sie die Frage. «Das», sagt sie nach ein paar Atemzügen und lässt den Blick durch den Innenhof schweifen.

Was einen hier umgibt, verdient ein starkes Adjektiv: betörend. Es wachsen Frangipani mit rosa-, gelb- und orangefarbenen Blüten, die süsser nicht duften könnten. Sogenannte White Gums, dünne und zig Meter hohe Eukalyptusbäume mit elegant weisser Rinde, ragen in den makellos blauen Himmel, der wie gemalt scheint. Hier eine rankende Pflanze mit exotischen Blumen oder Passionsfrucht, dort ein Papagei auf einem Ast. Auch Lowes Haus stammt aus dem Bilderbuch, sofern man modernistische Architektur, kuriose Kunstwerke, Keramik und farbige Textilien mag. Dies alles vereinte die 39-jährige Innenarchitektin, um ein wohliges Zuhause für sich und ihre Familie zu gestalten.

In der Zwischenzeit ist im Innenhof die Butter auf dem Boden gelandet, und die Mädchen tragen ihre Teller in die Küche. Bald kommen Klassenkameradinnen für ein Play Date. Auch Lowe geht ins Haus, direkt am gelben Häufchen vorbei. «Lass nur», sagt sie entspannt, «das schmilzt innert Sekunden. Ich wische es dann weg.» Sie tut gut. Diese Gelassenheit, der man hier auffällig oft begegnet. Auch wirkt die Ästhetik hier entspannter als andernorts. Nicht weniger durchdacht, nur natürlicher. Vielleicht weil nicht derart wetterfest wie bei uns gebaut werden muss und weil deshalb die Natur automatisch Teil des Wohnens ist? Oder, weil die Westaustralier die Dinge einfach «easy» und nicht so ernst nehmen?

Die Uhr tickt nach asiatischer Zeit

Jen Lowe lehnt am Türrahmen und blickt zu den White Gums hoch, dabei setzt sie ihren linken auf den rechten Fuss. «Komm», sagt sie und macht kehrtum, um galant den Fragen auszuweichen, die etwas in Worte fassen möchten, das man vielleicht gar nicht kann. Im Hausinnern führt sie auf dem Laptop durch ihre Inneneinrichtungsprojekte: die Gelateria Chicho, die unter Verwendung hochwertiger Zutaten täglich feine Glaces zubereitet, etwa Lavendel mit Honig oder Sesam mit Banane. Oder Dough, eine klassische Holzofenpizzeria mit roten Kacheln, weissen Baststühlen und schlichten Pendelleuchten. Und schliesslich Daddy Long Legs, eine elegante Cocktailbar in gedimmtem Licht. Es klingelt an der Türe, und die Mädchen kreischen vor Freude. Zeit, an den Strand zu gehen, den wir zu Fuss in zehn Minuten erreichen.

Leute, die nach Australien reisen, fokussieren sich nach wie vor auf Sydney und Melbourne im Osten des Landes. Doch Perth im rohstoffreichen Gliedstaat Westaustraliens ist weit mehr als dürres Hinterland, Erz, Kupfer und Goldminen. Der US-Nachrichtensender CNN listete Perth vor kurzem unter den «18 Best Places to Visit in 2018» auf. Auch die Fluggesellschaft Qantas glaubt an den Aufstieg des unterschätzten Westens als Reiseziel und bietet deshalb seit März den ersten Direktflug zwischen Europa und Australien an: von London nach Perth, 17 Stunden in einer Boeing Dreamliner.

Gewiss, Perth liegt nicht gerade auf dem Weg. Es ist gar die isolierteste Grossstadt der Welt. Hier tickt die Uhr nicht einmal nach australischer, sondern nach asiatischer Zeit. Auch dauert ein Flug von Perth nach Indonesien weit ­weniger lange als einer an die Ostküste des Landes. In die gesamte Landesfläche Westaustraliens passt Deutschland ­ganze siebenmal rein – und die Schweiz passt knapp achteinhalbmal in die Bundesrepublik rein. Dass die Westaustra-lier viel Platz haben und Häuser mit ­verwunschenen Innenhöfen besitzen, istAABB22folglich nicht Luxus, sondern Norm. Denn in der gesamten Region leben ­gerade mal 2,5 Millionen Menschen, ­davon 1,8 Millionen in Perth. Den europäischen Massstab lässt man also am besten daheim, wenn man hierherkommt.

Christopher Swift und Cuitlahuac Turrent vermissen New York nicht. Vor einem halben Jahr zog das Paar zurück nach Perth, um dem Dichtestress zu entkommen und der Familie näher zu sein.

Vor der Arbeit aufs Surfbrett

Turrent, ein Banker, schnappt sich frühmorgens Brett und Surfanzug, um vor der Arbeit auf den Wellen zu reiten. Swift, ein mehrfach ausgezeichneter Art Direktor, geniesst es nun, abends grosse Runden zu bekochen und im Park zu lesen. Direkt vor ihrem Reihenhaus im charmanten Northbridge-Quartier erstreckt sich der Hyde Park, der einem viktorianischen Gemälde entsprungen scheint. Im Becken schwimmen schwarze Schwäne, und auf der Wiese tummeln sich Papageien mit rosa Vokuhila. Es ist ein starker Kontrast zu den geschäftigen Strassen Manhattans – und einer, den die beiden Anfangvierziger nun in vollen Zügen geniessen. «Hier nehmen sich die Leute mehr Zeit für Zwischenmenschliches», sagt Swift. Turrent fügt hinzu: «Man wird oft zu Leuten nach Hause eingeladen, was viel persönlicher ist als ein Restaurant.» Was aber nicht heisst, dass es hier keine guten Lokale gäbe. Ganz im Gegenteil, macht Gourmand Turrent klar: «Die Gastronomieszene Perths ist abwechslungsreich und qualitativ hochstehend.» Im angesagten «Long Chim» kocht etwa kein Geringerer als David Thompson, der weltweit berühmt ist für seine Interpretation der thailändischen Küche. Das industriell anmutende «Bread in Common» vereint in einem denkmalgeschützten Gebäude von 1898 Bäckerei und Restaurant in einem, und im betriebsamen «Sauma» werden herzhafte indische Gerichte aus Bombay in grossen Schalen zum Teilen aufgetischt.

Auch trinken lässt es sich hier anständig: Bei «Strange Company» sollte man den Drink G & Tee probieren, der dank Gin, Ananas und Grünem Tee erfrischend schmeckt. Bei «Rodney’s» gibt nicht nur die Bierauswahl viel her, sondern auch die Livemusik und der ganze Matrosennippes: Anker, Muscheln und Meerjungfrauen – als Bar dient logischerweise ein echtes Holzboot.

Kängurus im Sonnenuntergang

Für die Stadt alleine reist man nicht nach Perth. Sie erstreckt sich über eine grosse Fläche und ist architektonisch nicht sonderlich spannend. Was Perth als Destination interessant macht, ist der Facettenreichtum, den sie vereint. An der Küste erstrecken sich endlos traumhafte Strände, ans Flussufer schmiegen sich lauschige Parks, und in den Hügeln etwas ausserhalb entfaltet sich typisch australisches Buschland mit roter Erde, archaischen Pflanzengewächsen und Kängurus, die in den Sonnenuntergang hopsen. Eindrucksvolle Tagesausflüge sind etwa der John-Forrest-Nationalpark in den Perth Hills oder Rottnest Island, ein kleines Eiland, das man mit einer Fähre erreicht. Auch der Süden Westaustraliens ist empfehlenswert: die malerische Ortschaft Margaret River mit ihren vielen Weingütern oder Denmark, wo dichte Wälder und geschmeidige Sandstrände das Paradies nachahmen.

Doch Perth muss geplant sein. Gerade weil die Region so gross ist, sollte man sich vorab überlegen, was man erleben möchte. Eine Kombination von Strand, Outback und Stadt ist empfehlenswert, weil authentisch. Ein paar Tage im ökofreundlichen Gästehaus im buschigen Hovea, gefolgt von einigen Übernachtungen im urbanen Designhotel, wo Museum, Freiluftkino und feine Restaurants zu Fuss erreichbar sind, lassen sich gut organisieren. Egal wo man ist, sollte man es den Westaustraliern gleichtun und früh aufstehen. Denn wer als erstes im Meer schwimmt und danach einen cremigen Flat White (ein australischer Cappuccino mit weniger Schaum) geniesst, startet den Tag gut gelaunt. Vielleicht sind die Leute hier deshalb so «easy» drauf.

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