Reisen
Eine Stadt wie ein Fitnessprogramm: Zu Besuch im unterschätzten und unentdeckten Fribourg

Als ob sie in den Röstigraben gepurzelt wäre, ist die Stadt Fribourg in der Deutschschweiz kaum bekannt. Dabei lohnt es sich, die Stadt auf der Fahrt in die Romandie nicht links liegen zu lassen. Das Flanieren im Labyrinth der mittelalterlichen Gassen ist jede Reise wert.

Annika Bangerter
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Pittoresk ist die Stadt Fribourg. Und hinter jeder Ecke verstecken sich Geschichte und Sagen.

Pittoresk ist die Stadt Fribourg. Und hinter jeder Ecke verstecken sich Geschichte und Sagen.

Pflatsch – der Golfball landet in der einzigen Pfütze des Platzes. Quietschgelb leuchtet er aus dem braunen Matsch. Und jetzt? Wir stehen unschlüssig vor Wasserlache und Ball, silbrig glänzende Schläger in der Hand. In Fribourg pfeffern seit zehn Jahren Touristen und Besucher solche Bälle über Plätze, Rasen und Wege. Die Bälle müssen in 18 über die ganze Stadt verteilte Löcher versenkt werden. Eine Karte zeigt, durch welche Gassen es zum nächsten Posten geht: «Stadtgolf» nennt sich die Entdeckungstour auf eigene Faust.

Wir stehen bei der ersten Station. Dürfen wir den Ball aus der braunen Sauce verrücken? Die Spielregeln besagen: «Der Ball darf nur im Extremfall (Böschung, Graben ...) versetzt werden.» Die Pfütze eine Extremsituation? Kopfschütteln. Während der Ball kurz darauf über die Wiese kullert, wischen wir braune Spritzer und Dreckklumpen von Hose und Jacke. Und beschliessen: Pfützen sind vielleicht doch ein bisschen extrem.

Wer das klassische Golf zu elitär und Mini-Golf zu bieder findet, der soll sich mit Stadtgolfen versuchen. Oft ist es gar nicht so einfach, den Ball vom blauen zum roten Stab zu befördern, doch dafür verlässt man wortwörtlich ausgetretene Pfade. Und wer seinen Ball in einer Hecke ausgräbt, bekommt auch mal Hilfe von freundlichen Strassenwischern.

Fribourg, das merken wir aus Deutschschweizer Perspektive rasch, ist eine unterschätzte, eine unentdeckte Schweizer Stadt. Sie zieht vorbei, bleibt auf der Strecke, wenn die Reise in die Romandie führt. Ihr Ruf? Studentenstadt, Tinguely-Stadt. Nur: Studenten gibt es auch anderswo. Und in Basel rattern die Maschinen des Metall-Künstlers ebenso. Es scheint, als ob Fribourg in den Röstigraben fällt, der die Stadt durchzieht.

Nostalgie mit besonderer Note

Wer zudem mal am Bahnhof eine kurze Wartezeit überbrücken musste, sieht wenig Einladendes. Ein Shoppingzentrum, breite Strassen, austauschbare Ladenketten. Doch lässt man diese trostlosen Fassaden hinter sich, trifft man auf eine unglaublich schmucke Stadt. Bereits auf dem Weg zum zweiten Stadtgolf-Posten legen wir den dreckverschmierten Ball zur Seite, zücken das Smartphone.

Aus dem Fenster des grün bemalten Bähnchens Funiculaire blicken wir auf die Altstadt. Ihre äussersten Häuser stehen, einer Trutzburg ähnlich, auf einem Felsen, wärmen ihre mittelalterlichen Fassaden in der Frühlingssonne. Eine Idylle. Nur das Düftchen irritiert, das sich in den Fahrtwind mischt. Es erinnert an den Geruch aus einer Kläranlage. Die französische Touristin nebenan hält sich die Nase zu, fotografiert aber weiter. «Très joli!»

Das Funiculaire ist die letzte original erhaltene Standseilbahn der Schweiz, die Wasser als Antrieb verwendet. Abwasser: Das ist zwar günstig, aber nicht ganz geruchsneutral. Seit 1899, also fast 120 Jahren, klappern die Zahnräder des «Funi» von der Unterstadt zum Stadtzentrum hoch und runter. Heute ist das öffentliche Verkehrsmittel nationales Kulturgut.

Frische Luft gibt es kurz darauf an der Saane. Das Flusswasser leuchtet grün-blau an diesem Morgen, das Gras schimmert feucht. Vor steilen Felsen und hinter einer Mauer mit kleinen Türmen liegt das Schwimmbad Motta. Im klassizistischen Stil erbaut, wurde es 1923 eröffnet. Bis in die 40er-Jahre herrschte hier strikte Geschlechtertrennung. Je nach Uhrzeit wurden entweder Frauen oder Männer eingelassen. Erst ein Bundesgerichtsurteil hob die Regelung auf. Es ist eine jener Anekdoten, die verdeutlichen, wie die erzkatholische Moral die Stadt bis in die jüngste Geschichte prägte.

Wie stark der Katholizismus Jahrhunderte lang Fribourg geformt hat, erzählt am Nachmittag Stadtführer Othmar Zumsteg. Wir treffen ihn nach dem Mittagessen und tauschen Golfschläger gegen Geschichte ein. Zumsteg steht vor der barocken Loretokapelle am Bisemberg. Von hier lässt sich fast aus Vogelperspektive auf die Stadt blicken. Die Saane schmiegt sich um den Felssporn mit der Altstadt, mäandriert entlang an beigem Sandstein. Die mittelalterlichen Gassen scheinen sich in einer eigenen Logik zwischen den verschachtelten historischen Gebäuden hindurchzuschlängeln.

Über diesem pittoresken Labyrinth thront die St.-Nikolaus-Kathedrale. Das Wahrzeichen der Stadt. 74 Meter hoch ist ihr Turm, dessen Haupt mit einem Zierwerk geschmückt ist, das an eine Krone erinnert. Im Jahr 1283 begann der Bau der Kathedrale. Das war knapp 100 Jahre nachdem die Zähringer die Stadt gegründet hatten. «Fribourg war ihre erste Stadt auf heutigem Schweizer Boden», sagt Zumsteg. Zwanzig Jahre später gründete das damalige Adelsgeschlecht aus Süddeutschland nicht allzu weit eine weitere Stadt: Bern.

«Anfänglich war Fribourg eine fortschrittliche und reiche Stadt», erzählt Zumsteg. Die hiesigen Gerber lieferten Leder nach ganz Europa. Doch als die Reformation die Gebiete rundherum erfasste, fand sich Fribourg in der Isolation wieder. Ein katholisches Bollwerk, abgeschnitten von der Welt. Die Stadt verarmte.

Not schuf historischen Reichtum

Heute ist davon nichts mehr zu spüren. Wir schlendern an Gourmet-Restaurants, gut besetzten Cafés, kleinen Bierbrauereien vorbei. Immer wieder über Pflastersteine, hoch, runter, hoch, runter. Die Stadt ist ein Fitnessprogramm. Was auffällt: Keine Bausünde durchbricht die mittelalterliche Fassade. Der Grund dafür liege in der vergangenen Armut der Stadt, sagt Zumsteg.

Er zeigt auf die renovierten Gebäude im Quartier Neuveville: «Bis in die 1950er-Jahre waren sie heruntergekommen. Einige von ihnen waren fast Ruinen.» Erst Mitte des 20. Jahrhunderts erlebte Fribourg einen Aufschwung und erholte sich allmählich von den Jahrhunderten der Not. Als es die finanzielle Lage erlaubt hätte, bedauerten andere Städte bereits, wie sie Teile ihrer historischen Bausubstanz dem vermeintlichen Fortschritt geopfert hatten. Davon blieb Fribourg verschont: Heute besitzt es eine der grössten mittelalterlichen Altstädte der Schweiz.

Wer mit Othmar Zumsteg durch die Gassen streift, trifft auf Geschichte, Mythen, Sagen. Und auf ein Stadtoriginal. Es braust mit wallendem weissen Haar auf einem roten Moped an: Hubert Audriaz. Er hat den Kunststoffdrachen kreiert, durch den die Mannschaft des HC Fribourg-Gottéron vor ihren Spielen einlaufen. Auch Audriaz spielte früher Eishockey für den Verein. Er guckt die Besucher freundlich-belustigt an, schüttelt kurz Hände, winkt, düst weiter.

Der Tausendsassa im Seniorenalter ist viel beschäftigt. Als Künstler, als Fasnächtler und mit seinen Projekten für Kinder und Jugendliche. Er hat in Fribourg den Ferienpass eingeführt. Zudem gelang es Audriaz einst, dass der Gesamtbundesrat auf einem seiner Reisli in Gummistiefeln durch die Saane watete. Ein symbolischer Akt, um den Röstigraben zu überqueren.

Kurz darauf blicken wir selber über die Sprachgrenze. Wir stehen auf der Zähringerbrücke. In unserem Rücken liegt die Altstadt, der französische Teil der Stadt. In den Quartieren gegenüber wird traditionell Deutsch gesprochen. Dort befinden sich auch drei Stationen des Stadtgolfs. Wir haben die Route nicht ganz geschafft; unsere Bälle flogen lediglich im frankofonen Teil durch die Luft. Doch das ist egal: Wir sind nicht zum letzten Mal in Fribourg. Ganz bestimmt nicht.

Die Reise wurde unterstützt von Fribourg Tourismus.

Top 5 Museen

In einem früheren Tramdepot rattern heute Kunstwerke von Jean Tinguely.

In einem früheren Tramdepot rattern heute Kunstwerke von Jean Tinguely.

Fribourg Tourismus

Museum für Kunst und Geschichte Skulpturen von Niki de Saint Phalle, Luginbühl und Angéloz schmücken den Park vor dem Museum in Fribourg. Hinter den Mauern des Museums befindet sich die grösste Schweizer Skulpturensammlung aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. www.mahf.ch

Fri-Art Die Kunsthalle stellt Gegenwartskunst aus. Mit ihrer avantgardistischen Vision erwarb sich Fri-Art einen internationalen Ruf. www.fri-art.ch

Espace Jean Tinguely – Niki de Saint Phalle Das ehemalige Tramdepot beherbergt das Espace, das im Gedenken an Jean Tinguely und seine Ehefrau Niki de Saint Phalle erstellt wurde. Die beiden Künstlerpersönlichkeiten aus dem 20. Jahrhundert prägten auch das kulturelle Leben von Fribourg. www.mahf.ch

Gutenberg-Museum Vom Buchstabensetzen bis zum fertigen Buch: Das Gutenberg-Museum beleuchtet die Aspekte des Buchdrucks und der Kommunikation. Hier werden Kinder wie Erwachsene in die Welt der Schwarzen Kunst eingeführt. www.gutenbergmuseum.ch

Schweizer Figurentheater-Museum Die Sammlung umfasst 4000 Marionetten aus Asien, Afrika, Südamerika und Europa verschiedener Epochen. Kinder haben die Gelegenheit, an einer Schatzsuche im Museum teilzunehmen. www.marionnette.ch

Top 5 Sehenswürdigkeiten

Nicht bloss grüne Fassade: Das «Funiculaire» funktioniert rein mechanisch. Mit Abwasser.

Nicht bloss grüne Fassade: Das «Funiculaire» funktioniert rein mechanisch. Mit Abwasser.

Fribourg Tourismus

Turmbesteigung der Kathedrale Die Belohnung nach 365 Treppenstufen ist ein Panoramablick über die Stadt und die Freiburger Voralpen. Von April bis Ende Oktober ist der Turm täglich geöffnet.

Das «Funiculaire» Die Standseilbahn verbindet das Zentrum mit der Unterstadt. Knirschend und klappernd bringt sie ihre Passagiere seit 1899 von der alten Unterstadt ins moderne Zentrum. Das Funiculaire ist eine der letzten Standseilbahnen Europas, die mit Abwasser betrieben werden und es als Antriebsballast nutzen.

Poya-Brücke Die 851 Meter lange Schrägseilbrücke wurde 2014 eingeweiht. Sie
hat mit 196 Metern die grösste Spannweite in der Schweiz, entlastet die Altstadt
vom Verkehr und verbindet die deutsch- und französischsprachigen Teile des Kantons.

Besichtigung der Stadtmauern Überall Dächer und Kamine: Der Rundgang auf der alten Stadtmauer von Freiburg zeigt die Stadt aus unterschiedlichen Perspektiven. Von der mittelalterlichen Stadtmauer sind noch 2 Kilometer plus 14 Befestigungstürme erhalten.

Loretokapelle Der frühbarocke Bau, der 1648 fertiggestellt wurde, ist eine Nachbildung der Wallfahrtskirche Santa Casa von Loreto in Italien. Auf den Bänken vor der Kapelle hat man Aussicht auf die Quartiere und Brücken der Stadt.

Top 5 Stadterlebnisse

Fribourg hat als erste Stadt der Schweiz das Stadtgolfen eingeführt.

Fribourg hat als erste Stadt der Schweiz das Stadtgolfen eingeführt.

Fribourg Tourismus

Golf in der Altstadt Golf spielen mitten in der Stadt? In Fribourg ist das seit zehn Jahren möglich. Der Parcours mit 18 Löchern führt durch die idyllische Altstadt. Stadtbesucher können vor Ort und das ganze Jahr hindurch Schläger mieten.

Der Minizug von Fribourg Auf der einstündigen Rundfahrt im Minizug erfahren Besucher Wissenswertes und Hintergründe über die Stadt. Dabei tuckern sie über die bekannte Berner Brücke und vorbei an romantischen Winkeln des Quartiers Bourg.

Fribourg – die Brückenstadt Die permanente Ausstellung auf der Zähringerbrücke zeigt, weshalb Brücken für die Freiburger so wichtig sind. Auf 14 Tafeln gibt es technische sowie historische Informationen über die Brücken zu lesen.

Kanufahrt auf dem Schiffenensee Unter dem Viadukt durchpaddeln kann man auf dem Schiffenensee bei Düdingen. Der Stausee ist ein beliebtes Ausflugsziel. Im «Siesta Oppi Kanu Shop» an der Passerelle des Neigles in Fribourg kann man von Mai bis Oktober ein Kanu für 60 Franken vier Stunden mieten.

Kulinarische Führung Beim Bummel über den Wochenmarkt gibt es verschiedene Spezialitäten aus der Region zu entdecken. Die Führungen am Mittwoch und Samstag bieten einen Einblick in die Gastronomie der Stadt. Die Tour endet in einem Gourmetrestaurant.

Top 5 Terrassen

Im Café de l’Ange gibt es Walliser Spezialitäten mit Blick auf die Saane.

Im Café de l’Ange gibt es Walliser Spezialitäten mit Blick auf die Saane.

Fribourg Tourismus

Restaurant de la Clef Auf der Terrasse des edlen Restaurants oberhalb des Flussufers sieht man auf die St.-Nikolaus-Kathedrale und die Altstadt Freiburgs. Auf der Karte stehen À-la-carte-Menüs und saisonale Gerichte.

Café Le Belvédère Das hippe Café Le Belvédère bietet ein lokales Bier am Abend und einen gemütlichen Brunch am Sonntagmorgen. Zudem sieht man von der Terrasse über die Dächer der Stadt bis zu den angrenzenden Hügeln.

Pinte des 3 Canards Etwas ausserhalb von Fribourg, Richtung Valle Gottéron, befindet sich das Restaurant Pinte des 3 Canards. Mitten in der Natur und neben einem kleinen Wasserfall lädt es ein, traditionelle Fleischmenüs, Fondues oder saisonale Gerichte zu geniessen.

Restaurant Au Tirlibaum Im rustikalen Restaurant Au Tirlibaum direkt an der Place du Petit-Saint-Jean kann auf zwei Terrassen unter freiem Himmel diniert werden. Hungrige Gäste können sich den Bauch mit Pizza, Makkaroni-Spezialitäten oder Forelle aus dem nah gelegenen Gottéron-Tal füllen.

Café de l’Ange Wer die Walliser Küche liebt, ist im Café de l’Ange richtig. Raclette, Fleischfondue – eine Spezialität des Hauses – und Schiefer-Steak können auf der Terrasse des Café de l’Ange mit Blick auf die Saane verspeist werden. Jeden Freitag gibt es live Volksmusik.

Top 5 Übernachtungstipps

Stilvoller Rückzugsort am Stadtrand: «Auberge Aux 4 Vents».

Stilvoller Rückzugsort am Stadtrand: «Auberge Aux 4 Vents».

Fribourg Tourismus

Hotel Au Sauvage Die Grundmauern des Hotels stammen aus dem 16. Jahrhundert. Zum historischem Haus gehört das gleichnamige Restaurant, das 2018 erstmals mit 16 Gault-Millau-Punkten ausgezeichnet wurde. www.hotel-sauvage.ch

Auberge Aux 4 Vents Die Herberge Aux 4 Vents ist der ideale Ort für Leute, die einen ruhigen Rückzugsort am Stadtrand von Fribourg suchen. Die acht Zimmer und Wohnungen inspirieren mit künstlerisch gewagter Einrichtung und Blick ins Grüne. www.auberge4vents.ch

Hotel Hine Adon Wer ein vorübergehendes Zuhause sucht, ist im «Hine Adon» an der richtigen Adresse. Im praktisch eingerichteten Apartmenthotel in der Innenstadt können die Besucher entweder nur für eine Nacht oder für längere Zeit logieren. www.hineadon.ch

Hotel Aux Remparts Das Vier-Sterne-otel liegt gegenüber der «Porte de Morat», der Stadtmauer, und bietet 64 elegant eingerichtete Zimmer an. Am Frühstücksbuffet warten frische Lokalprodukte auf die Gäste. www.hotel-remparts.ch

B&B Maison d’Ammann Das Bed and Breakfast ist ein architektonisches Schmuckstück im Quartier Burg. 1750 wurde das Patrizierhaus gebaut und vor sieben Jahren renoviert. Nun laden die charmant eingerichteten Zimmer und Lofts zum Entspannen ein. www.fribourg-bnb.ch

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