Eine Sprengladung Grafik

Vier grosse Künstlernamen stehen im Kunstmuseum St. Gallen exemplarisch für die Erker-Galerie und die Möglichkeiten der Grafik. Fotografien von Franziska Messner-Rast halten Arbeit und Freundschaft fest.

Ursula Badrutt Schoch
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Aus einer mehr als 1000 Werke umfassenden Schenkung, die das Kunstmuseum eigenhändig aus den Grafikschätzen der Stiftung Franz Larese und Jürg Janett auswählen durfte, hat Roland Wäspe für eine erste Präsentation 65 Werke ausgewählt. «Die vier Erdgeschoss-Räume des Kunstmuseums sind Modell geworden für die Zukunft», sagt Direktor Roland Wäspe – eine Zukunft, die auf weitere Erkergaben hoffen lässt.

In der Vergangenheit wurden als Folge der finanziellen Enge viele Kauf-Gelegenheiten ausser acht gelassen. Kaum eine Arbeit hat das Kunstmuseum aus eigenen oder städtisch unterstützten Mitteln in seine Sammlung holen können – trotz Anstrengungen der Kuratoren. Die in jeder Hinsicht ausserordentliche Grosszügigkeit der Galerie öffnet dem Museum jetzt neue Möglichkeiten und Sammlungsschwerpunkte.

Geschichte des Erkers

Es ist auch eine Ausstellung über die Erker-Galerie, diesen magischen Ort kultureller Verdichtung nach den Erschütterungen des Zweiten Weltkrieges, wo über Jahrzehnte zeitgenössische Kunst vermittelt wurde zu einer Zeit, als noch heftig um die Moderne gerungen wurde; wo die Passion für die Grafik mit Galerie, Erker Press, Verlag mehrfach gelebt wurde; wo Kollaborationen und Freundschaften entstanden; wo der Weg zur Kunst in St. Gallen so manchem geebnet wurde.

Die Gründung der Erker Galerie liegt 50 Jahre zurück. Und Jürg Janett, der Erker-Gründer neben dem 2000 verstorbenen Franz Larese, feierte vor kurzem seinen 80. Geburtstag. Das macht die Schau zu einer Jubiläumsausstellung und zugleich zu einem Dankeschön an den Gebenden.

Nägel mit Köpfen

Die Formate sprengen den Rahmen. In der Erker Press entstanden Arbeiten, die Konventionelles überwinden. Auch im ganz banalen Sinn von Massstab und Machbarkeit. Einen Schwerpunkt der Ausstellung bildet Antoni Tàpies. Sein «Album St. Gallen» gehört jetzt als Auflage-Arbeit dem Kunstmuseum. Diese 10teilige Lithographieserie ist bereits 1965 entstanden und markiert den ersten Höhepunkt im druckgrafischen Schaffen des 1923 geborenen Katalanen in der Gallusstadt. Nicht weniger beeindruckend sind die fünf riesigen Holzschnitte der «Suite Erker» von 1992 mit Worten, Kreuzen und anderen Zeichen brennender Anteilnahme des politisch engagierten Künstlers an der Zeit.

Die enge Verbundenheit von Antoni Tàpies mit der Erker Galerie hat in St. Gallen wichtige Spuren hinterlassen, an der Uni, im Theater, Kräfte sprengend auch sie. Ohne die kompromisslose Vermittlungsarbeit von Erker sähe St. Gallen kulturell anders aus.

Ungerahmt wallen die Blätter von Günther Uecker an den Wänden und transportieren die Wucht von Baumstämmen in die Räume. Dass es sich um Auflagen von 20, 40 oder 100 Exemplaren handelt, schmälert das Erlebnis nicht. Der Mitbegründer der Gruppe Zero hat Holzschnitte im wahrsten Sinn des Wortes geschaffen. Und «Mann» und «Frau» gleich mit, in einer nach Abstraktion trachtenden Unmittelbarkeit. Nägel mit Köpfen hat er zu Sträussen arrangiert: Die Arbeit «Gespalten» von 1983, eine Schenkung des Komitees «Hommage à Eduard Naegeli», eröffnet kraftvoll und beredt die Ausstellung.

Von Hans Hartung, dem 1904 geborenen Vertreter des Informel, sind 1973 in einem wahren Schaffensschub Reihen von Lithos in experimenteller Frische entstanden. Zum jüngsten Künstler der Galerie, Günter Förg mit Jahrgang 1952, führt die Ausstellung mit den malerischen Lithoblättern von Tàpies hin. Förgs «Erker Suite» bindet ihrerseits an Tàpies an. 2001 konnten mit Erker-Finanzhilfe Gouachen und eine grosse Malerei erworben werden, «Washington Square III» von 2000, die jetzt massgeschneidert in Förgs Druckgrafik eingebettet sind.

Fotografierte Konzentration

Seit 1980 hat Franziska Messner-Rast die Künstler bei der Arbeit und bei Pausen fotografiert. Aus ihrem Archiv sind jetzt in frischen Handabzügen neue Bilder zu entdecken, die das Universum Erker festhalten. Da gibt es so Wunderliches wie Tàpies in übermütiger Dämonenpose. Meist aber ist er hochkonzentriert bei der Arbeit, attackiert Holzplatten mit der Kettensäge, physischen Verletzungen nah. Oder Günter Förg, verloren auf dem Stuhl, Uecker, eine Wucht von einem Mann, beim Nägelhauen. Die respektvollen Nahsichten künden von intimer Vertrautheit.

Kunstmuseum St. Gallen, bis 15. Juni, Di–So 10–17, Mi 10–20 Uhr.

Antoni Tàpies 1992 bei der Arbeit an seiner fünfteiligen «Suite Erker»; oben «Suite Erker II», Holzschnitt. (Bilder: Kunstmuseum St. Gallen/Franziska Messner-Rast)

Antoni Tàpies 1992 bei der Arbeit an seiner fünfteiligen «Suite Erker»; oben «Suite Erker II», Holzschnitt. (Bilder: Kunstmuseum St. Gallen/Franziska Messner-Rast)

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