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Eine Schweizerin wandert 4300 Kilometer durch die USA: «Der erste Schritt war der schwierigste»

Die 28-jährige Sandra Wüthrich ist auf dem Pacific Crest Trail (PCT) 4300 Kilometer von Mexiko nach Kanada gewandert. Sie hat mehrere Kilogramm Gewicht verloren, einen Freund fürs Leben gefunden und viel häufiger vor Glück als vor Erschöpfung geweint.
Christa Kamm-Sager

Durst ist schlimm. Das hat Sandra Wüthrich gnadenlos schon in ihren ersten Wochen auf dem Pacific Crest Trail erfahren. Dort, irgendwo in der kalifornischen Wüste, wo eigentlich eine Wasserstelle sein sollte, war alles ausgetrocknet, ihre Wasserflaschen leer – und schon jetzt war sie durstig. Die nächste Möglichkeit, Wasser aufzufüllen, lag 30 Meilen oder 48 Kilometer entfernt. Was nun? Auf einem Parkplatz bei einem Highway, einige Meilen abseits des PCT, trifft sie auf hilfsbereite Amerikaner mit genügend Wasservorräten. Sie bittet um Hilfe. «Hilfe anzunehmen ist etwas von vielem, was ich auf dem PCT gelernt habe», sagt sie.

Diese Geschichte hat Sandra Wüthrich beim Erzählen über «das grösste Erlebnis ihres Lebens» fast vergessen. Sie sprudelt über vor Freude und positiven Erfahrungen, ihre bernsteinfarbenen Augen leuchten.

«Jeder kann diesen Weg schaffen. Der Pacific Crest Trail ist wie das richtige Leben: Man braucht viel Vertrauen, muss sich genügend Pausen gönnen und alles so nehmen, wie es kommt.»

Der Pacific Crest Trail führt im Westen der USA durch die Staaten Kalifornien, Oregon und Washington. (Bilder: zVg)

Der Pacific Crest Trail führt im Westen der USA durch die Staaten Kalifornien, Oregon und Washington. (Bilder: zVg)

Der PCT setzt sich fest in ihrem Kopf

Die Idee, den PCT zu machen, trägt Sandra Wüthrich mit sich herum, seit sie das Buch «Der grosse Trip» von Cheryl Strayed gelesen hat. Anfang 20 war sie damals, schon immer ein Naturkind, aber nicht die absolute Sportskanone. «Mein Grossvater war mein Held. Er hat mir die Freude an der Natur vermittelt.» Als er von Sargans auf der Via Alpina bis nach Montreux wanderte, war seine Enkeltochter fünf Jahre alt – und damals schon gefesselt vom Abenteuer ihres Grossvaters. «Es war immer dieses von A nach B wandern, das mich faszinierte. Immer weitergehen, nicht dort ankommen, wo man gestartet ist.»

Das Abenteuer PCT setzt sich fest in ihrem Kopf. Doch bis sie sich entscheidet, den Traum wirklich umzusetzen, vergehen ein paar Jahre. «Im Frühling 2017 beschloss ich dann: Ich werde nächsten April losgehen.» Diese Entscheidung, es wirklich zu tun, der allererste Schritt, sei im Nachhinein betrachtet das schwierigste am ganzen Weg gewesen.

Der Pacific Crest Trail führt bis auf eine Höhe von 4009 M.ü.M..

Der Pacific Crest Trail führt bis auf eine Höhe von 4009 M.ü.M..

Minimalistische Ausrüstung

Sie beginnt, ihr Abenteuer minutiös zu planen. Bespricht sich mit ihrem Freund, mit dem sie in Röthenbach im Kanton Bern zusammenlebt, bekommt im Hörgeräte-Geschäft ein halbes Jahr unbezahlte Ferien bewilligt, weiht ihre Eltern ein.

«Sie versuchten erst gar nicht, mir meinen Plan auszureden. Sie wissen, dass ich etwas durchziehe, wenn ich es mir in den Kopf gesetzt habe.»

Die minimalistische Ausrüstung mit Zelt, Schlafsack, warmer Daunenjacke und Gaskocher wiegt ohne Wasser und Nahrung knapp zehn Kilogramm. Ihre Wanderschuhe aus Yak-Leder, die sie extra gekauft hat, tauscht sie nach dem Lesen von diversen Erfahrungsberichten in PCT-Foren ein gegen federleichte Trail-Runner-Schuhe. Mit Youtube-Videos lernt sie den Kompass zu lesen, macht lange Winterwanderungen, trainiert im Fitnesscenter.

Am wärmenden Feuer können auch nasse Schuhe wieder trocknen.

Am wärmenden Feuer können auch nasse Schuhe wieder trocknen.

Um den PCT laufen zu können, braucht es eine Bewilligung, die online an bestimmten Tagen reserviert werden kann. «So soll verhindert werden, dass mehr als 50 Personen pro Tag starten.» Fast verpasst sie die Frist für diese Reservation, weil sie «a.m» und «p.m.» verwechselt. Doch schliesslich weiss sie im November das genaue Datum, wann sie an der mexikanischen Grenze ihren Weg beginnen wird: Es ist der 2. April 2018.

Gehen, Zelt aufstellen, kochen, schlafen

Und dann steht Sandra Wüthrich dort, wo ihr Abenteuer beginnen wird, in Campo, dem südlichen Ausgangspunkt des PCT. Schnell findet sie sich zurecht in ihrem neuen Alltag: Gehen, Zelt aufstellen, kochen, schlafen. Als das Gas ihres Kochers ausgeht, trifft sie zum ersten Mal auf Gordon, einen 48-jährigen Australier, der wie sie alleine gestartet ist. «Er schenkte mir eine neue Gaspatrone, denn er hatte zwei dabei.»

Gordon und sie wandern zusammen weiter, das Tempo passt, die Einstellung stimmt und sie bilden ab nun ein Team, ohne das bewusst gesucht zu haben. Bis zum Schluss des Weges werden sie wie selbstverständlich zusammen bleiben, aufeinander warten und einander in schwierigen Momenten beistehen.

«Dass ich ihn getroffen habe, war ein riesiges Glück. Ich bin sonst sparsam mit solchen Begriffen, doch Gordon ist so etwas wie ein Seelenverwandter. Ich kann mir nicht viele Menschen vorstellen, mit denen ich den PCT laufen könnte. Und ausgerechnet wir haben einander gefunden.»

Sie habe auf dem Weg erkannt, dass es gut und richtig ist, nicht alles alleine machen zu wollen, die Hilfe von anderen anzunehmen und selber zu helfen, wo immer jemand Hilfe brauchen kann.

«Ich habe diese Strecke geliebt.» Sandra Wüthrich durchquert Kalifornien.

«Ich habe diese Strecke geliebt.» Sandra Wüthrich durchquert Kalifornien.

Die ersten 700 Meilen bis Kennedy Meadows führen durch staubiges, heisses Wüstengebiet in Kalifornien. «Ich habe diese Strecke geliebt. Die Natur war absolut faszinierend.» Doch es war auch in diesem Streckenabschnitt, auf dem sie mit Minustemperaturen die kältesten Nächte erlebte, nicht etwa in den verschneiten Bergen der Sierra Nevada. Und genügend Wasser im richtigen Moment zu finden, war ab und an eine Herausforderung.

Nicht nur, dass sie einen Wanderfreund gefunden hatte, auch sonst begleitete die Schweizerin das Glück.

«Nach drei Wochen und den anfänglichen Muskelschmerzen hat sich mein Körper vollkommen an das tägliche Gehen von bis zu 30 Meilen gewöhnt.»

In den ganzen Wochen, in denen sie unterwegs war, wurde sie nur dreimal verregnet. Auch die Schuhe erweisen sich als richtige Wahl: Erst nach 2000 Meilen, schon fast am Schluss des Trails und beim dritten Paar Schuhe angelangt, bekommt sie ihre erste Blase – die Zwangspause, die sie deswegen einlegen muss, bezeichnet sie als ihren mentalen Tiefpunkt. «Ich bin körperlich oft an meine Grenzen gestossen, habe drei-, viermal geweint vor Erschöpfung. Doch es gab nicht einen Tag, an dem ich abbrechen wollte.»

Die Strecke durch den Schnee wurde zur Herausforderung.

Die Strecke durch den Schnee wurde zur Herausforderung.

«Ich geriet in Panik»

Eine schwierige Wegstrecke waren die verschneiten Berge der Sierra Nevada. Tief sanken sie auf einem Wegstück ein, in zehn Stunden schafften sie gerade mal knapp zehn Kilometer. «Einmal bin ich hüfttief eingesunken im Schnee und es hat sich eine Art Vakuum gebildet, so dass ich mich nicht mehr selber aus dieser Lage befreien konnte. Ich geriet in Panik, das ist mir noch nie passiert.» Da sei es ihr erst recht klar geworden, wie dankbar sie für ihren treuen Begleiter Gordon war.

«Es kommt fast jedes Jahr vor, dass PCT-Wanderer auf dem Trail vermisst werden», sagt Sandra Wüthrich. Sie könne sich gut vorstellen, wie so etwas passieren könne. Gelange man etwas abseits des Weges und es passiert dort etwas, sei es fast unmöglich, dass man gefunden werde. Sie habe ein GPS-Gerät dabei gehabt und jeden Abend den Eltern ihren Standort geschickt. Diese Geräte seien zwar eine gute Hilfe, doch auf sie sei kein Verlass: «Es gibt immer wieder Orte, an denen es keine Verbindung gibt.»

Während der Schneeschmelze führen die Bäche teilweise viel Wasser.

Während der Schneeschmelze führen die Bäche teilweise viel Wasser.

Gastfreundschaft und Grosszügigkeit

Auch die Flussüberquerungen seien nicht ungefährlich. Während der Schneeschmelze haben die Bäche und Flüsse teilweise eine starke Strömung. Brücken gibt es keine. «Wir suchten uns immer eine möglichst sichere Stelle und hielten uns gegenseitig an den Stöcken fest.» Nach diesen anstrengenden Tagen im Schnee und den Bergen zeigte die Waage 14 Kilogramm weniger Körpergewicht an. «Ich habe immer viel gegessen, doch die körperliche Anstrengung war enorm und forderten ihren Tribut.»

Durchschnittlich einmal pro Woche führt der PCT in der Nähe einer Ortschaft oder Stadt vorbei. Hier heisst es für die «Thruhiker» – diese Wanderer, die den ganzen Weg an einem Stück zurücklegen – Proviant einkaufen, Material ersetzen oder Päckchen mit neuen Schuhen oder Kartenmaterial, die man sich selber zuschickt, abholen. An diesen Stops findet auch ein reger Austausch statt unter all den PCT-Wanderern, die sich alle nur unter ihren Spitznamen kennen. «Mein Trailname war ‹Thriftshop›, also Brockenstube. So wurde ich genannt, weil ich mich immer wieder mal mit Kleidern und Sachen aus Secondhandläden eingedeckt habe.» Gordon wurde auf dem PCT «Asolo» genannt, abgleitet von seinen Wanderschuhen mit diesem Namen. Die beiden gönnten sich auch immer wieder ein paar wanderfreie Tage in einem grösseren Ort, assen viel, schätzten den Komfort einer Dusche ganz neu und lernten so unter anderem Portland und Seattle und auch viele kleine amerikanische Siedlungen kennen.

Viele sternenklare Nächte im Zelt bleiben Sandra Wüthrich unvergessen.

Viele sternenklare Nächte im Zelt bleiben Sandra Wüthrich unvergessen.

«Ich habe auf dieser Wanderung ein ganz anderes, armes Amerika gesehen, als ich es vorher kannte. Doch ich habe auch eine unglaubliche Gastfreundschaft und Grosszügigkeit erlebt.»

«Der Weg hat mich geformt»

Der Weg habe sie geprägt, sie sei nicht mehr die gleiche wie vorher. «Es war das beste Erlebnis meines Lebens und ich würde es sofort wieder machen», resümiert Sandra Wüthrich zehn Tage nach ihrer Rückkehr. Als sie und Gordon nach fünf Monaten am Ziel des PCT angekommen waren verbrachte sie einige Tage alleine in Vancouver und Hawaii. Danach hiess es Abschied nehmen von ihrem treuen Wanderfreund, der «einen besseren Menschen aus mir gemacht hat.»

«Thriftshop» und «Asolo» am Ziel in Manning Park, Kanada, nach 4300 Kilometern. (Bild: zVg)

«Thriftshop» und «Asolo» am Ziel in Manning Park, Kanada, nach 4300 Kilometern. (Bild: zVg)

Sie müsse dieses Freiheitsgefühl und die Verbundenheit mit der Natur wieder haben und werde deshalb nächsten Sommer in die Fussstapfen ihres Grossvaters treten und die Via Alpina von Sargans nach Montreux anpacken. Das habe sie bereits in einer der sternenklaren Nächte im Zelt für sich entschieden. «Ich habe auf diesem Weg sehr viele wichtige Gedanken für mich fassen können und vieles aufgeschrieben. So vieles schien plötzlich einfach, klar und logisch. Der Weg hat mich geformt.»

Pacific Crest Trail (PCT)

Der Pacific Crest (National Scenic) Trail, abgekürzt PCT, misst 4279 Kilometer oder 2659 Meilen und führt auf dem Gebirgszug östlich der Pazifikküste entlang. Der Fernwanderweg und Reiterweg im Westen der USA führt von südlichsten Punkt in Campo, an der Grenze der USA zu Mexiko, bis zur kanadischen Grenze in Manning Park. Er durchquert die Staaten Kalifornien, Oregon und Washington und kreuzt das Sierra Nevada-Gebirge und die Kaskadenkette. Der höchste Punkt mit 4009 M.ü.M.ist der Forester-Pass in Kalifornien.

Der PCT feiert dieses Jahr sein 50-jähriges Bestehen. Er hat in den letzten Jahren enorm an Popularität gewonnen. 2013 starteten 1900 Personen, um mindestens 800 km auf dem PCT zu wandern. 2016 gab es bereits 5700 Anmeldungen. Allerdings schafften von diesen Wanderern nur 727 den Weg vom Anfang bis zum Ende. Einzelne Abschnitte in Nationalparks auf dem PCT werden jährlich von Millionen von Wanderern begangen. (chs)

Mentalcoach Heidy Walser: «So ein Erlebnis hat einen Einfluss auf die seelische Ebene»

Es gehe darum, einmal alles loslassen zu können und sich abzugrenzen, sagt der akademische Mentalcoach Heidy Walser im Interview über das zunehmende Bedürfnis von Menschen nach solchen Extremleistungen. «Eine solche Auszeit kann aufzeigen, was wirklich wichtig ist im Leben.»

Weshalb haben Menschen das Bedürfnis nach solchen sportlichen Extremleistungen?

Das hat zu tun mit unseren schnellen Veränderungen in unserem Alltag. Viele Menschen sind heute burnoutgefährdet. Viele Leute spüren ihre eigenen Bedürfnisse nicht mehr gut, bringen Körper, Geist und Seele nicht mehr in Einklang. Mit so einer extremen Leistung können Menschen sich wieder spüren und sagen: Ich habe etwas erreicht.

Hat diese Entfremdung von den eigenen Bedürfnissen auch mit unserer Arbeitswelt zu tun?

Heidy Walser, St.Gallen (Bild. pd)

Heidy Walser, St.Gallen (Bild. pd)

Viele sitzen heute tatsächlich neun Stunden pro Tag an einem Computer. Wir brauchen im Alltag unsere Sinne oft nur noch teilweise. Zudem befinden wir uns auf der Maslowschen Bedürfnispyramide zuoberst – das heisst, alle unseren elementaren Bedürfnisse sind gedeckt, wir können uns ganz der Selbstverwirklichung hingeben. Aus dieser Komfortzone auszusteigen, sich ein Ziel zu setzen, das gibt eine enorme Befriedigung. Es geht auch darum, einmal alles loslassen zu können und sich abzugrenzen.

Kann so ein extremes körperliches Erlebnis einen Menschen verändern oder gar «heilen»?

Ja, das denke ich schon. So ein Erlebnis hat auch einen Einfluss auf die seelische Ebene. Sich stark zu fühlen, etwas zu erreichen, das kann das Vertrauen in die eigene Person stärken und einem das Gefühle geben: ‹So schnell haut mich nichts mehr um.› Zudem kommt man zur Essenz, was wirklich wichtig ist im Leben.

Immer mehr Frauen wagen alleine ein solches Abenteuer – weshalb?

Das Rollenbewusstsein Mann/Frau ist heute nicht mehr so klar definiert. Frauen sind oft mental stärker und ausdauernder als Männer. Frauen sind auch eher bereit, sich zu verändern, sind konsequenter und haben mehr Biss, etwas durchzuziehen. Frauen haben heute aber auch gesellschaftlich den Rückhalt, wenn sie so ein Abenteuer wagen.

Es ist aber immer Vorsicht geboten, eine Frau bleibt einem Mann in der Regel körperlich unterlegen. Es gibt aber nicht nur die Furcht, auf gewaltbereite Menschen zu treffen, sondern auch jene, vor dem Alleinsein.

Kann man die Erfahrungen, die man beim Weitwandern machen kann, auch auf eine andere Art erleben?

Es ist besser, diese Erlebnisse in den Alltag einzubauen, dann muss man nicht auf den Jakobsweg – etwas überspitzt formuliert. Laufen regt den Geist an. Wenn man körperlich etwas tut, kann sich sehr vieles lösen. Dazu kommt die frische Luft und das Naturerlebnis. Aber natürlich ist so eine ausserordentliche Leistung etwas sehr Faszinierendes. Wenn man so lange geht, kommt man dank der Endorphin-Ausschüttung in einen Flowzustand; Körper, Geist und Seele geraten in Gleichklang. (chs)

www.walser-coaching.ch

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