Eine Blutspur durch die amerikanische Geschichte: Schwarze mussten sich ihren Platz stets auf der Strasse erkämpfen
Rückblick

Eine Blutspur durch die amerikanische Geschichte: Schwarze mussten sich ihren Platz stets auf der Strasse erkämpfen

Bild: Keystone

Die Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA hören nicht auf. Ein Blick zurück zeigt: Wenn die schwarze Bevölkerung eine Besserstellung erreichen wollte, waren dazu immer Demonstrationen nötig.

Rolf App
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Am 19. Oktober 1960 wird in Atlanta in Georgia der Baptistenprediger Martin Luther King verhaftet. Er hat sich an einem Sit-in an einer Imbisstheke beteiligt, einer von vielen friedlichen Protestaktionen gegen die Rassentrennung im Süden der USA.

Sieben Tage darauf treffen sich die Präsidentschaftskandidaten John F. Kennedy und Richard M. Nixon zum Fernsehduell, bei der Wahl wird Kennedy einen hauchdünnen Sieg davontragen. Das wohl entscheidende Moment: Kennedy hat sich nach langem Zögern hinter die Sache der schwarzen Bürgerrechtler gestellt.

Martin Luther Kings Kampf aber geht weiter. Im August 1963 versammeln sich beim Lincoln Memorial in Washington 300 000 Menschen, um ihm «in diesem drückend heissen Sommer der legitimen Unzufriedenheit des Negers» zuzuhören, wie King es ausdrückt. Es ist einer der Orte, an dem auch heute, nach dem Tod von George Floyd, die Menschen gegen Rassismus und Polizeigewalt demonstrieren – viele Schwarze, aber auch eine wachsende Zahl von Weissen. Der Protest zieht Kreise, auch dank eines Präsidenten, der die Konflikte anheizt, statt zu beruhigen.

«I have a dream» auf den Stufen des Lincoln Memorial: Martin Luther King hält seine wieder viel zitierte Rede.

«I have a dream» auf den Stufen des Lincoln Memorial: Martin Luther King hält seine wieder viel zitierte Rede.

Bild: Wikimedia (Washington, 28. August 1963)

Beim Lincoln Memorial hält Martin Luther King eine Rede, die heute wieder zitiert wird. Er sagt die berühmten Worte:

«Ich habe immer noch einen Traum.»

Und weiter: «Dieser Traum wurzelt tief im amerikanischen Traum. Ich habe einen Traum, dass diese Nation eines Tages aufstehen und nach dem echten Sinn ihres Glaubensbekenntnisses leben wird: ‹Wir halten es für eine selbstverständliche Wahrheit, dass alle Menschen gleich geschaffen sind.›»

Die revolutionäre Ideen von Thomas Jefferson

Was King zitiert und weswegen er 1968 von einem Rassisten ermordet wird, ist die Unabhängigkeitserklärung von 1776, das Gründungsdokument der USA. Der spätere Präsident Thomas Jefferson hat in ihr ein politisches Experiment umrissen, das auf drei Ideen beruht: auf politischer Gleichheit, auf naturgegebenen Rechten und auf der Volkssouveränität.

Doch schon zu seiner Zeit stehen Ideal und Realität in einem krassen Missverhältnis. Denn «die Amerikaner stammen von Eroberern und Eroberten ab, von Menschen, die als Sklaven gehalten wurden, und von Menschen, die Sklaven hielten». So formuliert es die Historikerin Jill Lepore in ihrer kürzlich auf Deutsch erschienenen Geschichte der Vereinigten Staaten, in der sie dem Kampf der Schwarzen Raum gibt.

Jill LeporeDiese Wahrheiten. Geschichte der Vereinigten Staaten von AmerikaC. H. Beck 2019

Jill Lepore
Diese Wahrheiten. Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika
C. H. Beck 2019

Eine Geschichte voller Gewalt, seit Kolumbus 1492 in dieser Weltgegend gelandet ist. Sie richtet sich zunächst gegen jene Einheimischen, die Kolumbus Indianer nennt, und tut danach alles, die Schwarzen niederzuhalten, die man zu Millionen aus Afrika herbeischafft, damit sie in den Plantagen der englischen Siedler im Süden arbeiten.

Im Nordosten entsteht eine andere Gesellschaft. Hier lassen sich religiöse Dissidenten nieder, denen die Sklaverei aus moralischen Gründen zuwider ist, denn Gott hat die Menschen gleich geschaffen. Der gemeinsame Kampf gegen England zwingt die beiden Lager zusammen, und so finden denn Jeffersons hehre Gedanken zur Gleichheit der Menschen keinen Eingang in die 1787 verabschiedete Verfassung. Erst in den Verfassungszusätzen tauchen sie auf, und auch dort so, dass die Gerichte sie mal in diese, mal in die andere Richtung interpretieren können.

«Die Hände in der klaren Quelle der Freiheit gewaschen»

Der faule Kompromiss des Anfangs rächt sich. Durch das 19. Jahrhundert zieht sich eine Kette von Auseinandersetzungen um die Sklaverei, die im Norden verboten und im Süden erlaubt ist. Viele Sklaven fliehen, andere rebellieren, wieder andere ziehen vor Gericht. Bis mit der Wahl von Abraham Lincoln 1861 ein unglaublich blutiger Bürgerkrieg losbricht.

Als das Verbot der Sklaverei endlich Eingang gefunden hat in die Verfassung, schreibt ein schwarzer Soldat vom Schlachtfeld: «Amerika hat sich die Hände in der klaren Quelle der Freiheit gewaschen.»

Sehr rasch kommt nach Lincolns Ermordung 1865 diese Ära der Befreiung an ein Ende. Ungestraft erlassen die Staaten des Südens jene Gesetze zur Rassentrennung, um die sich ein weiteres Jahrhundert der Streit dreht. Schlimmer noch: Mit dem Geheimbund des Ku-Klux-Klans kehren jene bewaffneten Milizen zurück, «die einst als Sklavenpatrouillen gedient und Männer, Frauen und Kinder jahrzehntelang mit Feuern, Stricken und Schusswaffen terrorisiert hatten», wie Jill Lepore schreibt.

Jill Lepore Historikerin

Jill Lepore
Historikerin

Die Zeit ist den Anliegen der Schwarzen nicht wohlgesonnen. In einer Zeit stürmischer Industrialisierung entstehen gegen Ende des 19. Jahrhunderts populistische Bewegungen, die sich nicht nur gegen das Grosskapital und die Macht der Hauptstadt Washington richten. Sondern im Namen eines weissen «kleinen Mannes» auch gegen die Schwarzen, denen es noch ein wenig schlechter geht.

Den Bodensatz eines tief sitzenden, bis in unsere Tage virulenten Rassismus an die Oberfläche befördert 1898 der Krieg gegen Spanien um Kuba und die Philippinen. Die Rhetorik der Kriegsbefürworter, voll von rassistischer Hetze, facht den Rassenhass in den USA an. «Wenn es nötig ist, wird jeder Neger im Staat gelyncht werden», sagt 1903 der Gouverneur von Mississippi. Mark Twain bezeichnet die Lynchmorde als «eine Epidemie des blutigen Irrsinns».

Viele Schwarze ziehen weg, nach Norden. Und es entstehen Organisationen wie die «National Association for the Advancement of Colored People», die ihre Anliegen aufnehmen. Er könne «kein ruhiger, gelassener und distanzierter Wissenschafter sein, während Neger gelyncht, ermordet und ausgehungert werden», erklärt der Sozialwissenschafter W. E. B. Du Bois einer seiner Begründer. Ihn hatte es zutiefst schockiert, als er 1899 in Atlanta Leichenteile eines Lynchmord-Opfers in einem Schaufenster ausgestellt gesehen hatte.

Die Bedenken von Franklin D. Roosevelt

Es braucht einen weiteren Krieg, um die Sache der Schwarzen einen entscheidenden Schritt vorwärtszubringen. Der gegen den Rassenwahn der Nazis geführte Zweite Weltkrieg wirft gebieterisch jene Frage auf, die ein schwarzer Corporal aus Alabama in die Worte fasst:

«Ich war vier Jahre bei der Armee, um einen Haufen Niederländer und Franzosen zu befreien, und der Teufel soll mich holen, wenn ich mich nach meiner Rückkehr von der Alabama-Version der Deutschen herumschubsen lasse.»

Dass sie sich nicht mehr herumschubsen lassen, das zeigen die Schwarzen schon während des Krieges dem Präsidenten Franklin D. Roosevelt, als sie im Mai 1941 zu einem «Negro March on Washington» mit 100 000 erwarteten Teilnehmern aufrufen. Roosevelt will ihn verhindern und erlässt die Executive Order 8802, mit der die Rassendiskriminierung in den der Landesverteidigung dienenden Industriezweigen verboten wird.

Doch der Unmut bleibt. In einer Rüstungsfabrik arbeitet der 19-jährige spätere Schriftsteller James Baldwin. Rückblickend sagt er:

«Die Behandlung, die der Schwarze im Zweiten Weltkrieg erfahren hat, markiert für mich einen Wendepunkt im Verhältnis der Schwarzen zu Amerika»

Eine gewisse Hoffnung sei gestorben, ein gewisser Respekt vor weissen Amerikanern sei verblasst. Unter dem Druck der Strasse kommt jener Prozess in Gang, der 1963 in Martin Luther Kings Auftritt gipfelt und in die Bürgerrechtsgesetze mündet.

Schriftsteller James Baldwin veröffentlichte mehrere bekannte Bücher wie 'Geh hin und verkünde es vom Berge' (1953) oder 'Giovannis Zimmer' (1956), mit denen er zu einem Sprecher des schwarzen Amerikas wurde.

Schriftsteller James Baldwin veröffentlichte mehrere bekannte Bücher wie 'Geh hin und verkünde es vom Berge' (1953) oder 'Giovannis Zimmer' (1956), mit denen er zu einem Sprecher des schwarzen Amerikas wurde.

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Eine soziale Gleichstellung ist mit der Abschaffung der Rassentrennung nicht erreicht, auch die Gewalt bleibt ein Problem. Zwar bekommt Amerika mit Barack Obama 2009 seinen ersten schwarzen Präsidenten. Aber immer wieder kommt es zu entsetzlichen Übergriffen.

Als der vom Rassenhass aufgestachelte George Zimmerman 2012 den 17-jährigen Travyon Martin erschiesst, sagt ein erschütterter Obama: «Hätte ich einen Sohn, er würde wie Travyon aussehen.» Aber er schafft es nicht, eine wirksame Waffengesetzgebung durch den Kongress zu bringen.

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