Ein toller Sommer

Nichts mit Azorenhoch, immer wieder Regen: Der Sommer gab reichlich Anlass zum Jammern. Dafür bescherte uns das wechselhafte Wetter eine andere Qualität des Empfindens – und erteilte uns eine Lektion in Leichtigkeit und Spontaneität. Eine kleine Ehrenrettung des Sommers 2009.

Beda Hanimann
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Ganz spontan, ohne langes Überlegen: Was macht den Sommer aus? Heisse Baditage, laue Beizenabende, tropische Nächte? Mit nacktem Bauch auf dem Balkon und barfuss im Büro? Lust auf Glace und mit jedem neuen Schluck Bier die Erkenntnis, der Braumeister habe wieder ganze Arbeit geleistet? Mit der Vespa über Land fahren, im blossen Hemd, dabei die unterschiedlich warmen Luftmassen am Körper spüren wie beim Schwimmen im See die Wasserströmungen? Das Geräusch surrender Ventilatoren und das gedämpfte Licht hinter geschlossenen Jalousien?

Sofort unterschrieben, diesen Anforderungskatalog an den Sommer, und die Bilanz heisst: Hatten wir doch alles! Trotzdem wird, wo man hinschaut und -hört, gejammert und gehöhnt. Es ist die reine kollektive Selbstbemitleidung. Wo doch männiglich glaubte, nach dem unerfreulichen Winter habe er einen schönen Sommer auf sicher – als wär's der Gutschein der St. Galler Steuerverwaltung.

Das Erbe des heissen Mais

Zugegeben: Da waren ein paar Dinge, die das endlose Sommerglück trübten. Die Tage konnten heiter und hell beginnen, manchmal endeten sie auch so, doch am zweiten, spätestens am dritten Tag war's wieder aus mit Azorenhoch und Ventilatorsurren. Da prasselte der Regen nieder und machte die Gartenparty zum Wasserball. Klar, dass es immer dann schüttete, wenn im Open-Air-Kino die guten Filme liefen.

Unbeständiges Wetter, sagt man dem, und da waren auch die Meteorologen gefordert. Die beteuerten zwar, es sei ein für unsere Breiten gewöhnlicher Sommer, die Sonnenscheindauer liege im normalen Bereich, die Juli-Temperaturen sogar leicht über dem langjährigen Mittel. Nur punkto Regenhäufigkeit und -menge schlug die Statistik nach oben aus.

Und eben diese Unbeständigkeit.

Die Experten erklärten sie mit dem extrem heissen Mai, der den Boden aufgeheizt habe, so dass viel feuchte Meeresluft auf den Kontinent geströmt sei. Und wir lernten: Dieses Jahr hatten wir es mit konvektiv verstärkten Niederschlägen zu tun, wie sie für eine feuchtwarme Luftmasse typisch seien. Konvektiv verstärkt, was änderte es? Der Regen ist immer nass.

Kein Sommer für die Macher

Zugegeben also: Es war nicht der Sommer für Beizer und Badibetreiber. Kein Sommer für lange voraus geplante Feste und ihre Organisatoren – es sei denn, die hätten sich wie jene des Rapperswiler Seenachtsfestes abgesichert und einen hübschen sechsstelligen Betrag kassiert, weil es während mehr als der Hälfte der Festzeit geregnet hatte.

Nein, es war nicht der Sommer der Macher, der Aktiven und Planenden, die Sonne und 28 Grad und Mondnächte in ihren Terminkalendern vorausgesetzt hatten.

Aber gerade das verlieh diesem Sommer eine eigene Qualität. Mit unbeständigem Wetter, ja, aber man kann dem auch anders sagen, es ist eine Frage der Einstellung, wie jene nach dem halb vollen oder halb leeren Glas: Dieser Sommer war höchst abwechslungsreich. Wolkenbilder, manchmal stündlich wechselnd, anstelle eines tagelang unifarbenen blauen Himmels.

Nicht das stereotype Sommerdrehbuch mit gegen Abend aufziehenden Gewittern, nein, manchmal krachte es am Morgen beim Aufstehen – und am Mittag quollen die Gartenrestaurants schon wieder über. Und wann haben wir zuletzt innert so kurzer Zeit so viele Regenbögen gesehen? Das Schönste dabei: Es war wohl nie anhaltend schön, aber auch nie lange trüb und nass.

Geschenk aus heiterem Himmel

Die schnellen Schnitte und Szenenwechsel forderten die Meteorologen, aber auch uns. Jacke mitnehmen, Schirm einpacken, die Sandalen anziehen? Wer länger als einen halben Tag von zu Hause weg war, konnte da ganz schön vor Problemen stehen. Und sollte man die Grillparty besser verschieben – oder doch spekulieren? Und sich gar nicht erst auf die Alpsteinwanderung freuen – weil sie ja doch mit genau fünfzigprozentiger Sicherheit ins Wasser fallen würde?

Mit zunehmender Dauer aber bekam derlei Ungewissheit auch eine heitere Note. Zumindest für die, die das Wetter zu nehmen wussten, wie es kam. Wenn dann, was in der Sintflut des frühen Nachmittags noch undenkbar angemutet hatte, der Abend in prächtigster Sommersonne herabloderte, dann war's nur um so schöner. Dann war's jedes Mal ein Geschenk, auf das man nicht im Traum gehofft hätte.

Die Leichtigkeit der Tropen

So zwang uns der Sommer 2009 ein neues Wetter-Empfinden, aber überhaupt ein anderes Empfinden auf. Flexibilität war die angemessene Haltung. Keine schlechte Lektion für eine Gesellschaft, die auf Planbarkeit und Sicherheit baut. Wenn wir im Hitzesommer 2003 erstaunt festgestellt hatten, wie bei entsprechenden Bedingungen auch wir zu mediterranen Lebenskünstlern wurden, so lehrte uns dieser Sommer mit seinen schwülheissen Tagen und regnerischen Intermezzi eine Leichtigkeit tropischen Zuschnitts.

Heute ist es so, morgen so. Nehmen wir's, wie es kommt. Im Wissen darum, dass ein trüber Morgen noch keinen Winter macht. Selbst den Wintereinbruch, Mitte Juli, machte der Anblick voller Badeanstalten zwei Tage später wieder vergessen.

Ein Bilderbuchsommer wie aus Kindertagen war es nicht, zugegeben. Eher ein Sommer für Müssiggänger. Ein toller Sommer.

Heute Badeplausch, morgen Regenspaziergang: Der Sommer 2009 war sehr unbeständig. Aber sagen wir's doch positiv: Er war höchst abwechslungsreich. (Bilder: Ralph Ribi/ky/Arno Balzarini)

Heute Badeplausch, morgen Regenspaziergang: Der Sommer 2009 war sehr unbeständig. Aber sagen wir's doch positiv: Er war höchst abwechslungsreich. (Bilder: Ralph Ribi/ky/Arno Balzarini)