Ein Schwein mischt sich ein

Kinderbuch Wie spielerisch ein Bilderbuch entsteht und welche Umwege der kreative Prozess einschlägt, erzählt die Basler Illustratorin Kathrin Schärer mit Stift und Pinsel. Ihre Geschichte «Johanna im Zug» rast derzeit auf Erfolgskurs. Bettina Kugler

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Das kleine Schwein Johanna fühlt sich so ganz allein im Zug verloren – zum Glück erfüllt die Illustratorin ihren Herzenswunsch. (Bild: Atlantis-Verlag)

Das kleine Schwein Johanna fühlt sich so ganz allein im Zug verloren – zum Glück erfüllt die Illustratorin ihren Herzenswunsch. (Bild: Atlantis-Verlag)

Ein weisses Blatt, gelblich grundiert, liegt auf dem Zeichentisch; dahinter erhebt sich eine Landschaft aus Stiften, Pinseln, und Farbfläschchen, mit Schere und Spitzerdose, Radiergummi und Teeschale. Links ein Stapel Bücher – Frisch, Dürrenmatt und Pascal Mercier –, rechts ein MP3-Player mit kleinem Lautsprecher: Das ist das Spielfeld unbegrenzter Möglichkeiten für zwei Hände, die ebenfalls zu sehen sind. Die rechte setzt im Augenblick den Bleistift an. Bald wird auf diesem Blatt ein Zug vorbeisausen, mit lustiger Reisegesellschaft in den Abteilen.

Die Geschichte lässt noch auf sich warten. Bis ein vorwitziges Schwein auftaucht und die Regie an sich reisst. Einen Namen will es haben und: etwas erleben!

Wir schauen Kathrin Schärer, 41, über die Schulter, in ihrem Basler Atelier direkt über dem Rhein, das derzeit Baustelle ist. Am Thunersee, wo sie sonst Ferien macht, hat die Illustratorin vorläufig ihr Arbeitsasyl. Wo und wie ihre Bücher Gestalt annehmen, lässt sich freilich auch im Interregio zwischen St.

Gallen und Zürich entdecken: Als hätte sie die neugierigen Blicke geahnt, die wiederkehrenden Fragen zum Entstehen ihrer Bilder und Geschichten schon vorweggenommen, hat sie mit ihrem im vergangenen Herbst erschienenen Buch «Johanna im Zug» den eigenen Zeichentisch in den Mittelpunkt des Erzählens gerückt.

Gute Einfühlungsgabe

Wir können es also getrost dem Schwein gleichtun: auf klopfenden Rädern durchs Land fahren, uns aufeinander zubewegen und im hektischen Durcheinander des Zürcher Hauptbahnhofs treffen.

Da sind wir mittendrin in Johannas Welt. Ist das schon eine Geschichte? Es wird eine, mit Umwegen und Abschweifungen. Als würde ein vorwitziges Schwein mit in der Brasserie sitzen, nach Herzenslust dazwischenfunken, verschiedene Richtungen und Möglichkeiten ausprobieren. «Säue machen mich glücklich», sagt Kathrin Schärer mit schalkhaftem Lächeln.

Doch auch in Mäuse, Spatzen, Frösche, Schnecken und anderes Getier vermag sie sich einzufühlen; menschliche Regungen und Charaktere verbindet sie in ihren Zeichnungen mit möglichst naturgenauer Körperlichkeit. Gerade ist «Johanna im Zug» für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2010 in der Sparte Bilderbuch nominiert worden; das druckfrische Plakat bringt Kathrin Schärer mit.

Sie fühlt sich nach Jahren wachsenden Erfolgs mit Geschichten wie «So war das! Nein, so! Nein, so!» oder «Mutig, mutig» bestätigt. Die Odyssee durch die Verlagswelt hat sie nicht vergessen. «Der Anfang ist entwürdigend, man schickt Entwürfe, es hagelt Absagen, man läuft auf Messen mit der Mappe von Stand zu Stand.» Bis sie in Hans ten Doornkaat den «besten Lektor» fand, einen Mentor mit Sachverstand und Risikofreude.

Erst nach der Ausbildung zur Zeichen- und Werklehrerin fand Kathrin Schärer zur Illustration. Aus Unzufriedenheit, wie so oft bei guten Kinderbuchautoren, weil für ein Geschenk keines der kitschig bunten Hasenbücher in der Buchhandlung ihrem kritischen Blick standhielt. Sie nahm Reissaus, besann sich auf den Stillen Has, auf dessen Lied «Ohr verlore» und ihren eigenen Zeichentisch – fertig war das erste Bilderbuch.

Richtig in Schwung kam sie durch die Zusammenarbeit mit dem Berner Kindergärtner und Erzähler Lorenz Pauli.

Akribische Recherche

Tiere liegen ihr als Personal wesentlich besser als Menschen. «Kinder identifizieren sich gut mit Tierfiguren, und ich als Zeichnerin schätze das wesentlich grössere Spektrum an Formen, Farben, Grössen, Strukturen. Menschen sind so einförmig, da bleiben mir gerade Frisur und Kleider.

» Auf Bahnsteigen und hinter Fenstern tobt auch in «Johanna im Zug» das pralle Tierleben; von der Zeichnerin sehen wir im Buch nichts als die Hände. Sie recherchiert für ihre Zeichnungen akribisch in Büchern und im Internet, beobachtet im Zoo, lässt aber nebenbei auch viel aus ihrer unmittelbaren Umgebung einfliessen. Ausgangspunkt ihrer Geschichten sind häufig Filme und Bücher, bei «Johanna im Zug» waren es Frischs «Biographie», Dürrenmatts «Tunnel», Pascal Merciers «Nachtzug»,

dazu Lieblingsbilderbücher ihrer Kindheit, die auf dem Perron vorbeiflanieren: All diese Anspielungen kann man herauslesen, man muss es aber nicht und erfährt doch viel vom Entwerfen und Verwerfen, vom Film, der in ihrem Kopf abläuft, lange bevor sie den Stift in die Hand nimmt, von «Fresszetteln» und hingekritzelten Notizen.

Als ihr Johanna in den Sinn kam, stieg Kathrin Schärer gleich vom Velo ab und schrieb eine solche Notiz, wie sie im Buch die farbigen Zeichnungen überlappen: Gedankenstützen in Bleistiftschrift, auf blaukariertem Blockpapier.

Bis die Geschichte fertig ist und durch ein ganzes Buch trägt, sind immer wieder Korrekturen nötig. Schwein Johanna bekommt das buchstäblich am eigenen Leib zu spüren.

Manche ihrer Wünsche und spontanen Einfälle haben fatale Folgen, da hilft auch kein Zurückblättern, «du bekommst das kein zweites Mal so schön hin». Saumässig traurig! Zum Glück hat die Zeichnerin da eine rettende Idee. Aber das ist dann wieder eine andere Geschichte.

Kathrin Schärer, Johanna im Zug. Ab 5 und für alle. Atlantis-Verlag, Zürich 2009, Fr. 24.80