Motorsägen-Angreifer
«Ein Leben, das besser zum Menschen passt»: Wie sechs Schweizer im Berner Wald hausen

Der Motorsägen-Angreifer von Schaffhausen lebte vor der Tat im Auto im Wald. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass alle Waldmenschen bösartig sind.

Jonas Schmid
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PfadilagerFeeling im Bremgartenwald bei Bern: «Wir wollen zeigen, dass man auch in Bern wild leben kann», sagen die Waldgeister.
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Leben im Wald
Sechs Männer, drei Hunde und vier Katzen: Im Waldlager von Reto, Alain, Ante, Witold und «Chrütli» nimmt man den Tag von Anfang an gemütlich.
«Höhlen-Willy» hat sich während 30 Jahren häuslich eingerichtet.

PfadilagerFeeling im Bremgartenwald bei Bern: «Wir wollen zeigen, dass man auch in Bern wild leben kann», sagen die Waldgeister.

Keystone

Auf Google Earth sind die improvisierten Plastik-Blachen des Aussteiger-Camps gut sichtbar, in der analogen Welt irrt der Reporter der «Nordwestschweiz» eine halbe Stunde durch den Bremgartenwald, bis ihn der Tipp eines Spaziergängers auf den richtigen Trampelpfad führt. Stimmen-Gemurmel, dann springen zwei bellende Hunde aus dem Gebüsch. Willkommen im Lager der Bremgartner Waldgeister! Reto, Alain, Ante und Witold sitzen um eine Feuerstelle.

Reto schraubt sich einen Joint, Alain isst Rührei mit Brot und Ante sitzt noch etwas verträumt in seinem Militärschlafsack. Mättu gehört auch noch zur Gruppe, ist heute aber nicht anwesend. Später stösst der 46-jährige Martin Wyss, genannt «Chrütli», dazu. Er ist der Älteste der Gruppe, doppelt so alt wie seine Begleiter, die alle Anfang zwanzig sind. Sechs Männer, drei Hunde und vier Katzen hausen im wilden Zeltcamp im Berner Stadtwald.

Kein fester Tagesablauf

Es ist elf Uhr. Nebelschwaden wabern um die Birken und Föhren. Stünde in einer Ecke nicht eine Packung Müesli, man wähnte sich in einem Dschungelcamp. Während das normale Arbeitsvolk in der nur wenige Kilometer entfernten Zivilisation schon seit Stunden im Büro sitzt, gehen die Waldmenschen ihren Tag gemächlich an. Einen festen Tagesablauf kennt die Gruppe nicht. «Wir schätzen die Freiheit, unsere eigenen Entscheidungen zu treffen», sagt Chrütli. Von der anonymen Massengesellschaft hat er die Nase voll. Der gelernte Bereiter hat in allen möglichen Branchen gearbeitet.

Zum Aussteiger wurde Chrütli, als er in seinem persönlichen Katastrophensommer 2014 auf einen Schlag Job, Wohnung und Freundin los war. Chrütli kaufte sich Blachen und zog in den Wald – vorerst alleine, später schloss er sich mit Gleichgesinnten zusammen. Die Beweggründe der Bremgartner Lebenskünstler gleichen sich: eine Mischung aus Lebenskrise, null Bock auf die Konsumgesellschaft und Abenteuerlust.

Sie sehen sich als eine Art Avantgarde: «Wir wollen in der Entwicklung wieder zurückgehen und ein Leben führen, das besser zum Menschen passt», sagt Chrütli. Viele Leute hätten das Bedürfnis, ihr Leben radikal zu verändern, doch nur die wenigsten hätten auch den Mut, es tatsächlich durchzuziehen. «Wir wollen zeigen, dass man auch in Bern wild leben kann.» Schon als Kind streifte er nachmittagelang durch den Stadtwald.

Die Wald-WG hat sich gut organisiert: «Wir machen Briefings, wer an der nahegelegenen Quelle Wasser holt, Holz sucht oder kocht», sagt Chrütli. Einen Chef kennt die Gruppe nicht. Manchmal falle schon ein böses Wort, gibt er zu. Probleme werden ausdiskutiert. Wichtig ist, dass jeder für sich selbst die Verantwortung übernimmt. Im Sommer leben die Waldbewohner von dem, was der Wald hergibt: Beeren, Pilze und Kräuter. Doch auch moderne Waldmenschen kommen nicht am Discounter vorbei, um auf die nötigen Kalorien zu kommen. Chrütli und seine Mitstreiter marschieren täglich in die Stadt, um mit Strassenmusik, «mischeln» (betteln) oder dem Verkauf von Schnitzereien das hierfür nötige Kleingeld aufzutreiben. «Mit vierhundert Franken pro Monat komme ich locker durch», sagt Chrütli.

Hitze schlimmer als die Kälte

Die Camper halten Ordnung im Wald. Für die Abfallentsorgung legen sie eigens Geld zusammen, heben sogar den Unrat anderer Leute auf, etwa die Robidogs der Hündeler. Und wie fühlt sich das Waldleben im Winter an? «Dann sitzen wir einfach länger am Feuer», sagt Witold. Schlimmer als die Kälte im Winter sei die Hitze im Sommer. «Irgendwann kann man sich keine weiteren Kleider ausziehen», meint er lachend. Für Alain ist das feuchtkalte Wetter in der Übergangssaison misslich und Retos schlimmster Feind im Wald sind nasse Füsse. «Wer das ganze Jahr hindurch draussen lebt, merkt, wie privilegiert er vorher war», sagt Chrütli. Doch je länger er im Wald lebe, desto weniger könne er sich vorstellen, jemals wieder in eine normale Wohnung zurückzukehren.

Nicht die Natur macht Chrütli und seiner Entourage zu schaffen, sondern der Staat: Denn die Camper verstossen gegen das Waldgesetz. Vergebens machten die Lebenskünstler die Niederlassungsfreiheit für sich geltend. «Lasst uns so leben, wie es uns entspricht», ist ihr Standpunkt. Nachdem sie eine Frist der waldbesitzenden Burgergemeinde verstreichen liessen, kamen im letzten Sommer zwei Polizisten in den Wald und überreichten den Siedlern einen Strafzettel wegen «Übertretung des Bau- und Waldgesetzes».

800 Franken Busse oder acht Tage Gefängnis, so das Verdikt. Die Strafe zu bezahlen, kam für Chrütli und seine Crew nie infrage: «Lieber gehen wir für acht Tage in den Knast. Dort erhalten wir eine All-inclusive-Behandlung», scherzen sie. Chrütli hat seine Strafe im Februar abgesessen. Einen Groll gegen die Behörden hegt er deswegen aber nicht: «Die Polizisten machen nur ihren Job», sagt er. Unterdessen ist im Lager wieder Ruhe eingekehrt. Es scheint, als hätten sich die Behörden mit den aufmüpfigen Waldmenschen abgefunden.

«Durchmischung nicht ideal»

«Wir Menschen sind dazu geschaffen, in kleineren Gemeinschaften zu leben», sinniert Chrütli. Er vermutet, dass der Attentäter aus Schaffhausen «soziophob und zu lange allein war».

Kopie von Polizei-Grosseinsatz in Schaffhausen: Ein Mann hat mit einer Motorsäge ein Bürogebäude gestürmt und fünf Personen verletzt.
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Riesiges Medieninteresse in Schaffhausen: Sticher und Landolt am Tag nach der Festnahme.
Die Medienkonferenz am Tag nach der Festnahme von Franz W.
Schon vor der Festnahme hatten Einsatzkräfte das Auto des Mannes abgeschleppt.
Das erste Fahndungsbild, das die Schaffhauser Polizei herausgegeben hatte.
Die Schaffhauser Polizei veröffentlichte danach weitere Fahndungsbilder des Angreifers.
Die Schaffhauser Polizei veröffentlichte danach weitere Fahndungsbilder des Angreifers.
Die Polizei suchte mit über 100 Einsatzkräften nach dem Täter.
Am Nachmittag nach der Tat hatten erste Geschäfte in der Schaffhauser Vorstadt wieder geöffnet.
Peter Sticher (links) und Einsatzleiter Ravi Landolt haben am Tag des Angriffs vor den Medien Stellung bezogen. Gemäss ihnen ist der Täter mehrfach vorbestraft.
Einsatzleiter Landolt ist auch Leiter der Sicherheitspolizei in Schaffhausen.
Sticher ist Erster Staatsanwalt.
Die Polizei hatte die Schaffhauser Altstadt mit Sichtschutzanlagen abgeriegelt.
Die Altstadt war gesperrt.
Eine erste Beschreibung des Täters lautete: Es ist ein etwa 1.90 Meter grosser Mann mit Glatze und einer ungepflegte Erscheinung.
Die Polizei macht die Schaffhauserinnen und Schaffhauser darauf aufmerksam, dass der Mann gefährlich sei.

Kopie von Polizei-Grosseinsatz in Schaffhausen: Ein Mann hat mit einer Motorsäge ein Bürogebäude gestürmt und fünf Personen verletzt.

Keystone

Der Bremgartner Waldmensch hingegen würde sich über mehr Zulauf freuen – insbesondere von Frauen: «Die Geschlechter-Durchmischung ist noch nicht ideal», stellt er fest. Frauen hätten halt andere Anforderungen an die Hygiene und blieben meist nicht allzu lange. Chrütli wirft einen besorgten Blick auf das behelfsmässig konstruierte Plastik-Dach. Ihm schwebt für den Winter ein wetterfestes Holzdach vor. Auch planen die Wald-Hippies, im nächsten Jahr Mais und Bohnen anzupflanzen. Wie die Bäume schlagen auch Chrütli und Co. mit jedem Jahr stärkere Wurzeln.