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«Nationalsport»: Wie das Jassen in die Schweiz kam und heute das Land teilt

Beim Jassen ist die Schweiz zweigeteilt – in die Deutschweizer und Französischen Karten. Ein neues Buch erzählt die Kulturgeschichte des Brauchtums und zeigt: Jasser mögen keine Neuerungen.
Urs Bader
Ein Jass wird geklopft: Ein Spieler hält ein Blatt Riedweg-Karten in der Hand, die wohl die traditionellen Bilder zeigen, aber typografisch von Grund auf überarbeitet wurden. (Bild: Jens Riedweg)

Ein Jass wird geklopft: Ein Spieler hält ein Blatt Riedweg-Karten in der Hand, die wohl die traditionellen Bilder zeigen, aber typografisch von Grund auf überarbeitet wurden. (Bild: Jens Riedweg)

Die Schweizer? Nein, das Jassen haben wir nicht erfunden. Auch wenn es so etwas wie ein Schweizer Nationalsport ist. Das Spiel kommt gegen Ende des 18. Jahrhunderts aus den Niederlanden zu uns, durch schweizerische Söldner und durch Leute, die diese anwerben. 1794 beklagt sich der Pfarrer im schaffhausischen Siblingen, dass Werber seine Schäfchen zum Spielen und zu anderen Ausschweifungen verleiten würden.

Zwei Jahre später wendet sich der gleiche Pfarrer an die Regierung in Schaffhausen und berichtet, dass sowohl an Werk- als auch an Sonntagen oft ganze Nächte hindurch gespielt würde. Er verzeigt vier Gemeindeglieder, die dem Spiel besonders verfallen seien. Vor dem Rat geben sie zu, «damals bey Nachtzeit, als sie beysamen um ein Glas Wein ein Spiel, welches man das Jassen nenne, zur kurzweil gemacht zu haben». Damit wird das Jassen in der Schweiz erstmals aktenkundig.

Am Kartenbild darf nicht gerüttelt werden

Allerdings wurde auch hierzulande schon im 14. Jahrhundert mit Karten gespielt – wovon vor allem behördliche Verbote wie jenes von 1379 in St. Gallen zeugen. Und früh wurden auch Karten hergestellt, zuerst in Basel, dann auch in Solothurn oder Luzern. Ab dem 16. Jahrhundert treten die Motive auf, wie wir sie heute noch kennen: das französische Spiel mit Kreuz, Schaufeln, Herz und Ecken, das deutschschweizerische mit Eicheln, Schellen, Rosen und Schilten. Wie sich dieses Gewerbe entwickelte, dokumentiert in Text und mit vielen Abbildungen die neue Publikation «Die Deutschschweizer Jasskarten vom 19. bis 21. Jahrhundert» des 79-jährigen Frauenfelder Kartensammlers Ruedi Manser.

Die hiesigen Spielkartenhersteller gehörten über Jahrhunderte zu den bedeutendsten der Alpennordseite. «So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass sich in der Schweiz ein eigenes Bild, das ‹Deutschschweizer Bild›, entwickelte und anfänglich im ganzen deutschsprachigen Gebiet verbreitet hat», schreibt Manser. Im 17. und 18. Jahrhundert sind Eicheln und Co. dann aber durch französische Konkurrenz nach Osten verdrängt worden. Im Thurgau gibt es eine französische Exklave, im Aargau teilt die Jassgrenze den Kanton, wobei die Grenzen fliessend sind. Im Tessin und in Teilen Graubündens sind französische und italienische Farben gebräuchlich.

Jasser wollen keine Neuerungen

Mansers Publikation dokumentiert Teile seiner Sammlung, die rund 2'000 Spiele zählt, ergänzt durch Kartenspiele anderer Sammler. Sie werden verglichen und beschrieben, die Hersteller kurz porträtiert. Es geht einerseits um Jasskarten mit dem sogenannten Standardbild, das seit über hundert Jahren kaum verändert wurde; mit ihnen wird meist gespielt. Anderseits werden Jasskarten mit Spezialbild präsentiert, die von Künstlern, Grafikern, Cartoonisten geschaffen wurden, zu Werbezwecken, aus kreativem Antrieb, zu gesellschaftlichen Ereignissen.

Was die Beachtung des Katalogs bei Jassern angeht, macht sich Manser keine Illusionen. «Die befassen sich nicht mit den Karten, es geht ihnen ums Jassen und sonst nichts», sagt er. Und weist darauf hin, dass Versuche, die Karten zu modernisieren, bei den Jassern nie gut angekommen seien. «Sie wollen nicht durch Neuerungen irritiert werden, die das zügige Jassen behindern. Sie wollen sofort sehen, was ist.»

Schaffhausen als Zentrum der Kartenherstellung

Tatsächlich ist das Deutschschweizer Kartenbild, wie es heute gebräuchlich ist, über hundert Jahre alt. Es soll zurückgehen auf den Kartenmacher Jakob Peyer. Er hatte bei Johannes Müller in Diessenhofen TG die Lehre gemacht, dem Begründer der gleichnamigen Schaffhauser bzw. Neuhauser Spielkartenfabrik, die nach über 150 Jahren 1999 die Kartenproduktion an die Konkurrentin «Carta Mundi» in Belgien verkaufte. Ab etwa 1920 hatte Müller doppelköpfige Deutschschweizer Karten hergestellt, nach dem früheren Vorbild Peyers. Im Schaffhausischen wurde also nicht nur das Jassen aktenkundig, es war auch das moderne Zentrum der Kartenherstellung.

Die heute noch gebräuchlichen Motive tauchen schon früh auf: Jasskarten aus der Schweiz aus der Zeit 1590–1600. (Bilder: Schweizerisches Nationalmuseum/Montage: stb)

Die heute noch gebräuchlichen Motive tauchen schon früh auf: Jasskarten aus der Schweiz aus der Zeit 1590–1600. (Bilder: Schweizerisches Nationalmuseum/Montage: stb)

Die Kantonshauptstadt beherbergt mit dem Museum zu Allerheiligen aber auch das führende Kompetenzzentrum in Sachen Spielkarten. Laut Konservator Daniel Grütter besitzt es in seiner Sammlung gegen 20000 verschiedene Kartenspiele, wovon etwa ein Fünftel wissenschaftlich grob erfasst ist. «Spielkarten sind kulturhistorisch wertvoll. Ich bedaure, dass sich die Universitäten bei ihrer Erforschung weitgehend heraushalten», sagt Grütter. Das Museum strebe an, etwa alle fünf Jahre eine wissenschaftlich fundierte Ausstellung zum Thema Kartenspiele zu machen.

Modernisierte Version seit Herbst als Briefmarke

Die Jasskarten bewegen Gestalter noch immer. Jens Riedweg, diplomierter typografischer Gestalter aus dem zugerischen Baar, störte sich vor allem an den typografischen Mankos der traditionellen Schweizer Jasskarten und daran, dass die meisten nun in Belgien hergestellt werden. «Ich wollte keine Neuinterpretation der Kartenbilder, sondern ich wollte diese zeitgemäss überarbeiten», erklärt Riedweg sein «Liebhaberprojekt».

Die Kartenbilder – das Deutschschweizer und das französische – wurden neu gezeichnet, Farbkontraste geschärft, Schraffuren angepasst, ein modernes und sauberes Schriftbild gewählt. Ruedi Manser schreibt in seinem Katalog, Riedwegs «Schweizer Jass» sei «die graphisch am aufwendigsten gemachte Neuerscheinung». Die Karten kamen 2017 auf den Markt, gedruckt in Stans. Im September dieses Jahres brachte die Post dann ausgewählte Riedweg-Karten als Briefmarken heraus.

Ruedi Manser: Deutschschweizer Jasskarten vom 19. bis 21. Jahrhundert, Cartophilia Helvetica, 159. S, Fr. 30.– (Vertrieb über Museum zu Allerheiligen). schweizerjass.ch

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