Ein kleiner Goldrausch

Es dient als Schmuckstück, Symbol für Reichtum und veredelt sogar Schokolade: Gold. In den vergangenen Tagen konnte sich der Preis für das Edelmetall nicht mehr auf dem absoluten Höhepunkt halten, er ist aber immer noch höher als in den letzten Jahren. Mit der grösseren Wertschätzung geben die Menschen wieder vermehrt Geld für Gold aus.

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Bald weniger Gold und mehr Stein? Goldschmiedin Doris Aepli prüft den Durchmesser einer Goldfassung. (Bild: Hanspeter Schiess)

Bald weniger Gold und mehr Stein? Goldschmiedin Doris Aepli prüft den Durchmesser einer Goldfassung. (Bild: Hanspeter Schiess)

Ein romantisches Candlelight Dinner, den Traummann an der Seite und der magische Moment, in dem er sie fragt, ob sie ihn heiraten will, und ihr dabei ein Schmuckböxlein zuschiebt. Sie öffnet es erwartungsvoll und – ist enttäuscht. Statt des schon lange gewünschten, prunkvollen 18-Karat-Goldcolliers zur Verlobung ein feines Silberketteli.

Dies könnte eine Sorge vieler heiratswilliger Frauen sein, die den lange steigenden Goldpreis mitverfolgten. Doch der Geschäftsführer eines Edelmetall-Logistikunternehmens in der Schweiz, der aus Sicherheitsgründen anonym bleiben will, winkt ab: «Die Sorge ist unbegründet, ist doch der Goldpreis bereits wieder am sinken. Gut wäre, wenn er sich langfristig auf dem hohen Niveau halten könnte.»

Der Ehering wird teurer

Doris Aepli, Goldschmiedin in St. Gallen, wird täglich mit dem hohen Goldpreis konfrontiert: «Wenn ich Gold bestelle, bezahle ich den aktuellen Tageskurs.» Die Summe, die für das Gold bezahlt wird, schlägt sich auf den Preis des Schmuckstückes nieder. Schmuck kostet im Moment also mehr als noch vor ein paar Monaten. Ein Beispiel: Ein Ehering, der vor drei Jahren gekauft wurde und verloren geht, kostet heute, wenn er mit dem gleichen Verfahren und in der gleichen Form nochmals gemacht wird, 50 Prozent mehr.

«Ich mache mir etwas Sorgen über den hohen Preis, überlege mir aber, wie ich der Situation etwas Positives abgewinnen kann», sagt die Goldschmiedin, die seit 1984 selbständig ist. Einerseits denkt sie über langfristige Alternativen nach, zum Beispiel vermehrt andere Materialien zu verwenden oder das Gold anders einzusetzen. Andererseits sieht sie den Goldpreis als Herausforderung, interessanten Schmuck zu entwerfen, der leichter ist, indem sie sparsamer mit Gold umgeht. «Wir waren verwöhnt in den letzten Jahren, haben das Metall grosszügig eingesetzt.»

Gold auf Vorrat einzukaufen, wenn es billiger ist, findet die Künstlerin schwierig, da es ganz unterschiedliche Arten gibt vom Edelmetall und je nach Schmuckstück anders bestellt wird. Neben der Farbe – Doris Aeplis Favorit ist zurzeit Rotgold, es gibt aber auch Gelb-, Weiss- und Roségold – kann das Material auch in verschiedenen Formen bezogen werden. Der bekannte Barren ist nicht gebräuchlich im Goldschmiedatelier. Vielmehr wird das Metall in Gestalt von Blech, Draht oder Rohren geliefert.

Nicht nur materieller Wert

Trotz der Bedenken: Doris Aepli erlebt, dass Schmuck für die meisten einen wichtigen emotionalen Wert besitzt: «Die Menschen manifestieren etwas mit Schmuck. Eine Geburt, eine bestandene Prüfung. Es gibt immer wieder Gründe, sich selber etwas zu schenken oder sich etwas schenken zu lassen.» Die Aussage, Schmuck sei Luxus, greift ihr zu kurz. Luxus sei vieles, wir würden im Luxus leben. Sich zu schmücken sei jedoch ein Bedürfnis von Menschen, das auch in wirtschaftlich ärmeren Gesellschaften ausgelebt wird.

Der Edelmetall-Logistiker bestätigt, zwar würden seine Kunden, die Goldschmiede, präziser bestellen in letzter Zeit, die Anzahl der Aufträge sei aber nicht zurückgegangen, im Gegenteil. Er schliesst daraus, dass auch seine Kunden nicht weniger Absatz verzeichnen. Der Branche gehe es generell gut, die Konsumenten scheinen aufgrund der erhöhten Goldpreise nicht oder noch nicht auf die Bremse gestanden zu sein. «Obwohl viele Goldschmiede seit Monaten befürchten, es werde schwierig, habe ich noch keine Klagen vernommen. Im Gegenteil, ich höre sogar, es sei einfacher geworden, teure Sachen zu verkaufen», sagt der Experte.

Lust auf Qualität

Dies führt er auf ein Umdenken bei den Konsumenten zurück: «Die Menschen haben neben all den Billigprodukten, die sie kaufen können, wieder vermehrt Lust auf Echtes, Einzigartiges, Wertvolles. Wir verzeichnen einen Trend für Unikate, eine Vorliebe für spezielle Anfertigungen. Darum können Goldschmiede überhaupt überleben neben den vielen Bijouterien.»

Alleine in St. Gallen gibt es 25 Goldschmiede. Diese hohe Dichte sei typisch sowohl für die Ostschweiz wie auch für die Schweiz im allgemeinen, sagt der Geschäftsführer, der mit Edelmetallen handelt. Es habe in unserem Land immer zur Kultur gehört, sich zu schmücken. Allerdings werde Schmuck inzwischen von Designer-Kleidern, -Schuhen und -Taschen konkurrenziert, für die ebenfalls viel Geld ausgegeben werde. Zudem würden immer mehr Edeluhrenmarken auf den Schmuckmarkt drängen, die jedoch keine Spezialwünsche von Kunden erfüllen können.

Gold wird mehr begehrt

Als Unternehmer und Branchenmitglied freut sich der Edelmetall-Logistiker über die hohen Goldpreise. Und zwar aus drei Gründen: Erstens habe Gold in der letzten Zeit immense Publizität genossen, zweitens habe Gold mit dem hohen Verkaufspreis bei den Konsumenten einen höheren Stellenwert bekommen, die Begehrlichkeit werde grösser, und drittens würden unter dem Preisanstieg vor allem Billiganbieter leiden. Dies, weil sie in Ländern mit tiefen Lohn- und Produktionskosten herstellen und ihre Ware jetzt im Verhältnis zur Qualität übermässig teuer verkaufen müssen. «Es profitieren die Goldschmiede und die Kunden. Denn die bekommen mehr für ihr Geld. Gold wird nicht teurer, sondern wertvoller», sagt der Unternehmer.

Das hat Ella Lüthi, Rentnerin aus St. Gallen, dazu veranlasst, aufzuräumen in ihrer Schmuckkiste. Sie hat sich von zwei, drei goldenen Besitztümern getrennt und dadurch einen Zustupf zur AHV verdienen können: «Ich habe mit altem Schmuck und ein paar Goldzähnen ein gutes Geschäft gemacht. Gewisse Stücke würde ich aber für kein Geld der Welt weggeben, das sind Andenken, die mir viel bedeuten.»

Stefanie Schnelli

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