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Interview

Kiss-Frontmann Gene Simmons: «Es ist ein gutes Alter, um aufzuhören»

Sein Markenzeichen ist seine lange Zunge. Auf diese müssen die Fans bald verzichten. Kiss-Frontmann Gene Simmons befindet sich mit der Rockband auf Abschiedstour.
Interview: Steffen Rüth
Gene Simmons in Vollmontur. (Bild: Andreu Dalmau/EPA (Barcelona, 7. Juli 2018))

Gene Simmons in Vollmontur. (Bild: Andreu Dalmau/EPA (Barcelona, 7. Juli 2018))

Zeit ist Geld. Für den geschäftstüchtigen Gene Simmons besonders. Der 69-Jährige mit der wohl berühmtesten Zunge der Rockgeschichte sitzt in seinem Hotel-zimmer in Las Vegas und möchte zur Sache kommen: zur Abschiedstournee von Kiss. Jener Band, mit der Simmons seit 1973 rockt und mit der er noch drei Jahre um die Welt reisen will, bevor es das dann gewesen sein soll.

Gene Simmons, wird «The End Of The Road» definitiv die letzte Kiss-Tournee sein?

Ja! Wir haben Kiss 45 Jahre lang betrieben, wenn wir mit der Tour, die eine sehr lange Tour wird, ­fertig sind, werden es 48 oder 49 Jahre sein. Das muss genug sein.

Sie sind noch nicht mal 70.

Am Ende der Tour werde ich 72 sein. Das ist ein gutes Alter, um Schluss zu machen. Man sollte gehen, wenn man noch an der Spitze steht. Und nicht, wenn einen die Leute anfangen zu ­bedauern. Seien wir ehrlich: Da draussen gibt es jede Menge Kollegen, die immer noch auftreten, obwohl sie nicht einmal mehr richtig stehen können. Diese ­Musiker sollten das nicht mehr machen, es tut weh, ihnen zuzuschauen.

Ist es nicht längst normal, ­ mit weit über 70 oder gar über 80 noch live zu spielen?

Schauen Sie, wenn ich bei den Rolling Stones spielen würde, dann könnte ich in Turnschuhen und einem T-Shirt auf die Bühne gehen und meine Songs vortragen, bis ich 80 bin. Kein Problem.

Die Stones machen das super. Aber ich spucke Feuer, fliege durch die Luft, trage Stiefel mit 18 Zentimeter hohen Absätzen und eine Montur, die 20 Kilo wiegt.

Kiss ist die am härtesten arbeitende Band im Showbusiness. Wenn du Mick Jagger in mein Outfit stecken würdest, dann kippt der nach spätestens einer halben Stunde aus den Latschen.

Kiss ist ein erfolgreiches Wirtschaftsunternehmen. Wie fällt man so einen Entschluss, dass die nächste Tour die letzte ist?

Gene Simmons ungeschminkt.

Gene Simmons ungeschminkt.

Das ging ohne Drama vonstatten. Und zügig. Wir trafen uns, sprachen über die kommende Tour und auch darüber, dass wir uns nicht vorstellen können, danach noch weiterzuspielen. Wir können nun einmal nicht ewig weitermachen, das muss man auch akzeptieren. Diese Tournee wird die beste und spektakulärste, die wir je unternommen haben. Uns allen geht es richtig gut. Niemand hat Drogenprobleme oder steckt sonst wie in Schwierigkeiten.

Sie selbst sollen Drogen ja nie angerührt haben.

Ich fand es immer bescheuert, besoffen oder breit sein zu wollen. Wofür soll das gut sein?

Kein Betrunkener sagt etwas Kluges.

Und wenn du dicht bist, benimmst du dich wie ein Idiot, Punkt.

Aber sollte man es nicht mal ausprobieren?

Ich hatte nie den Eindruck, etwas zu verpassen. Im Gegenteil. Ich war in meinem ganzen Leben nie betrunken, ich rauche auch keine Zigaretten, und Drogen nehme ich schon gar nicht. Das interessiert mich alles nicht im Geringsten. Ich hatte übrigens auch noch nie eine Massage. Mir ist es wichtig, gut zu schlafen, gut zu essen und mich ausreichend zu bewegen. Ich mag lange Spaziergänge.

Ausgerechnet Sie sind «Chief Evangelist Officer» des Cannabis-Unternehmens Invictus.

Ja, aber ich predige in dieser Funktion ausschliesslich über den medizinischen Aspekt. Cannabis kann Epilepsie heilen, das ist ein Meilenstein. Ich selbst nehme kein Marihuana, ich habe noch nie gekifft. Aber die Leute sollten die Möglichkeit haben.

Sie sind an einer ganzen Reihe von Unternehmen beteiligt. Sorgen Sie vor, dass Ihnen nach dem Ende von Kiss nicht die Decke auf den Kopf fällt?

Ich bin an vielen Dingen interessiert und ja, ich verdiene gerne Geld. Daran ist nichts falsch.

Ein Rentnerleben ist für mich so oder so keine Option.

Nichtstun ist Mist. Du wirst fett und schwach und fängst an zu sterben. Ich will überhaupt noch nicht sterben.

Was haben Sie sich für die letzte Tournee vorgenommen?

Wir werden Songs aus jedem Jahrzehnt spielen, haben eine brandneue Show mit neuer Technologie und nie gesehenen Effekten. Und wir wollen an Orten spielen, wo wir noch nie waren. Die Welt ist ein grosser Ort. Wir werden zum ersten Mal in meinem Geburtsland auftreten.

In Israel.

Richtig. Ich erinnere mich noch gut an meine Kindheit in Israel.

Wir waren arm, das ganze Land war gerade erst gegründet worden, jeder packte mit an.

Aber ich habe das einfache Leben geliebt. (Anmerk. der Red.: Gene Simmons kam als Chaim Witz 1949 in Haifa zur Welt und wanderte nach der Trennung der Eltern mit seiner Mutter als Achtjähriger nach New York aus.)

Ihre Mutter, eine aus Ungarn stammende Jüdin, die mit ­ 92 Jahren verstorben ist, überlebte mehrere Konzentrationslager. Wie ist Ihr ­Verhältnis zu Deutschland?

Es könnte nicht besser sein. Ich freue mich auf Schnitzel, Apfelstrudel mit Schlag, Gulaschsuppe (sagt alles auf Deutsch). Ich mag das Essen sehr gerne und liebe die schönen deutschen Frauen.

Es gibt Probleme mit Populisten und Rechtsextremen. Machen Sie sich Sorgen?

Nein! Das ist nicht Nazi-Deutschland. Die Rechtsradikalen hat es immer gegeben, in Deutschland und anderswo. Der Unterschied ist, dass Zeitungen, Fernsehen und Internet diesen Entwicklungen sehr viel Aufmerksamkeit schenken, was ich gut finde, denn wenn die Menschen wissen, dass es Schwierigkeiten gibt, können sie etwas dagegen unternehmen. Rassismus und Antisemitismus waren aber nie verschwunden, und ich fürchte, sie werden auch nie verschwinden.

Was halten Sie von Donald Trump?

Ich kenne den Mann persönlich, genau wie ich auch Bill Clinton, George W. Bush, Justin Trudeau und Benjamin Netanjahu kenne. In einer freien Gesellschaft haben die Menschen die Wahl. Im wörtlichen Sinne. Wenn dir ein Politiker nicht passt, dann wählst du beim nächsten Mal jemand anderen. Ich finde das Geschrei jetzt etwas überflüssig. Trump ist gewählt, und man wird sehen, ob er wiedergewählt wird.

4. Juli, Hallenstadion Zürich

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