Verwitwete Väter
Ein gestorbenes Mami lässt sich nicht ersetzen

Stirbt eine junge Mutter, fällt eine zentrale Person in der Familie weg. Verwitwete Väter sind zudem finanziell oft schlecht abgesichert und auf Hilfe vom Arbeitgeber angewiesen. Ein Vater erzählt, wie er den Alltag meistert.

Claudia Weiss
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Er musste nach dem Tod seiner Frau den Alltag neu organisieren: Erich Gisi mit seinen Söhnen Noah, Elias und Jonas (v.l.). Tochter Simone fehlt auf der Fotografie.marco zanoni

Er musste nach dem Tod seiner Frau den Alltag neu organisieren: Erich Gisi mit seinen Söhnen Noah, Elias und Jonas (v.l.). Tochter Simone fehlt auf der Fotografie.marco zanoni

Der Alltag bei der Familie Gisi hat sich wieder eingependelt.

In einer exakten Reihenfolge geht es morgens ins Badezimmer des gemütlichen Bauernhauses, und nach dem Frühstück marschieren die Kinder Jonas (15), Simone (13), Noah (9) und Elia (7) zum Bus Richtung Bahnhof und fahren zur Schule im nahegelegenen Ebikon.

Vater Erich Gisi (44) hat gelernt, alles allein zu organisieren – quasi von einem Tag auf den anderen: Ziemlich genau fünf Jahre ist es her, seit seine Frau Karin, damals 38, eine Schwellung an der Schulter verspürte.

Die Diagnose: Melanom, schwarzer Hautkrebs, mit Metastasen im ganzen Körper. Danach ging alles ganz schnell.

Ein Versuch mit einer Misteltherapie löste hohes Fieber aus, und Karin Gisi wurde sofort ins Spital überwiesen. Palliative Care konnte ihr nur noch eine möglichst schmerzfreie Zeit verschaffen, bis sie am 3. April 2008 starb.

Glück mit dem Arbeitgeber

Knappe anderthalb Monate hatte die Krankheit gedauert, dann stand Vater Erich Gisi mit seinen vier Kindern allein da. Die Familie hatte kaum Zeit zu begreifen, was passiert war.

«Ich dachte, es sei wie damals, als Mami schon einmal im Spital war», erinnert sich Jonas, der Älteste: «Damals kam sie bald nach Hause und alles war wieder gut.» Als Fünfjähriger hatte er mitbekommen, wie bei seiner Mutter zum ersten Mal ein Melanom herausoperiert worden war.

Sein Vater Erich Gisi nickt: «Krankheit und Tod meiner Frau erlebte ich wie hinter einer Wand – ich konnte alles gar nicht fassen und funktionierte nur noch.»

Immerhin: «Ich hatte Glück mit meinem Arbeitgeber», sagt der Sozialpädagoge. Einen Monat bekam er frei, einen weiteren konnte er später nacharbeiten.

Glück hatte er besonders mit seiner Nachbarin, einer pensionierten Pfarrerin, die spontan einsprang und überall mit anpackte, so konnte er es sich leisten, ab sofort den Kindern zuliebe nur noch 60 Prozent zu arbeiten.

Finanziell liegen keine grossen Sprünge drin, aber Erich Gisi ist dennoch froh: «Müsste ich für die Kinderbetreuung bezahlen, dann müsste ich 100 Prozent arbeiten.»

Genau das passiert einigen Vätern in seiner Situation, wie Natalie Häusler, Präsidentin Verein Aurora, weiss: «Einige kämpfen darum, bei der Arbeit überhaupt ein paar Freitage zu bekommen, können ihr Pensum nicht reduzieren und müssen darum die Kinder von einem Tag auf den anderen in die Krippe geben – das ist ein enormer Einschnitt in das Familienleben.»

Im Verein Aurora treffen sich verwitwete Mütter und Väter, die noch minderjährige Kinder haben, und tauschen sich aus.

«Jeder Fall ist ein Einzelfall», sagt Häusler. Aber ein grosser Unterschied zeigt sich doch: «Verwitwete Mütter sind mehrheitlich finanziell abgesichert, verwitwete Väter oft nicht.» Deshalb kippt der Verlust einer Mutter zusätzlich den ganzen Alltag aus dem Gleichgewicht.

Bis dieser Alltag wieder ein wenig geregelt war, blieb auch Erich Gisi keine Zeit zum Trauern, das holte er später in speziellen Trauerseminaren und bei Treffen von Aurora nach.

Heute hat er das Gefühl, er habe alles gut aufgearbeitet. Mit den Kindern sieht er Fotoalben an, und die Mutter hat in der Stube ihre Ecke, wo alle immer wieder Zeichnungen und kleine Mitbringsel anheften, «aber dieser Raum wird stets ein wenig kleiner».

Emotional haben sich die Kinder enger an ihn gewandt, besonders Elia, der Jüngste, kuschelt sich immer nah an den Papa, wenn von seiner Mama die Rede ist. Und Tochter Simone, als einziges Mädchen unter Brüdern und mit ihren 13 Jahren voll in die Pubertät gerutscht, hätte sie jetzt dringend nötig.

«Ich achte darauf, dass die Kinder möglichst keine erwachsene Rolle übernehmen müssen», sagt Vater Gisi. Stattdessen versucht er, so gut wie möglich alle Aufgaben selber zu übernehmen und den Kindern ihre Kindheit zu lassen.

Dennoch, die Mutter fehlt, und eine neue Partnerin ist nicht in Sicht. Er lächelt fein: «Ich arbeite zwei bis drei Abende pro Woche und möchte für die Kinder da sein – da sind die Möglichkeiten nicht gerade gross.»

Den Alltag wieder ordnen

Andere Witwer lernen rasch eine neue Partnerin kennen oder stürzen sich in die Arbeit. Für Monica Lonoce, Fachfrau für Trauerbegleitung, ist das eine normale und oft gar nicht so schlechte Strategie, wenn die Trauerarbeit deswegen nicht zu kurz kommt.

Verständnisvolle Arbeitgeber und hilfsbereite Verwandte oder Nachbarn, sagt sie, helfen, den Alltag wieder zu ordnen. «Die Trauer jedoch müssen Väter und Kinder verarbeiten, daran führt kein Weg vorbei.»

Erziehungsfragen oder die Frage, wann eine neue Partnerin erlaubt sei, müssen die Witwer ebenfalls für sich selber klären.

Genau so, wie sie alle auch damit fertig werden müssen, dass die Trauer – und manchmal auch Wut, so plötzlich allein gelassen zu sein – sie unvermittelt im Alltag überfallen kann.

Und auch, wenn eines Tages eine neue Partnerin an die Seite des verwitweten Vaters treten sollte, wissen alle: Das Mami lässt sich nie ersetzen. Aber der Weg geht weiter.

Infos: www.verein-aurora.ch (für Verwitwete mit minderjährigen Kindern), www.vidua.ch (für andere Verwitwete), www.lebensbegleitung.ch