Ein Dorf sucht seinen Vampir

Der Waadtländer Autor Jacques Chessex überrascht mit einem kleinen Schauerroman: «Der Vampir von Ropraz» ist ein Lesethrill mit doppeltem Boden.

Peter Müller
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«Der Exorzist» – in der Regie von William Friedkin. (Bild: akg)

«Der Exorzist» – in der Regie von William Friedkin. (Bild: akg)

1903 treibt im Hochjura ein Leichenschänder sein Unwesen. Er vergreift sich auf bestialische Weise an drei toten jungen Frauen. Die Bevölkerung gerät in Aufruhr.

Schnörkellos erzählt

Die Nachricht vom «Vampir aus Ropraz» geht durch die Weltpresse. Schliesslich wird ein junger, verrohter Bauernknecht gefasst und zu lebenslanger Haft verurteilt. Psychiater setzen die Verwahrung in einer Heilanstalt durch. Hier lebt er zwölf Jahre, dann entweicht er.

Was macht ein Schriftsteller mit einer solchen Geschichte? Der 74jährige Jacques Chessex, der seit 1978 im waadtländischen Ropraz wohnt, erzählt sie als schnörkellose Schauergeschichte, nüchtern und journalistisch, aber auch mit Elementen von Poesie, Moritat und Fiktion.

Enge, Neid, Aberglauben

Die 96 Seiten entfalten einen starken Sog. Und sie machen die soziologische und tiefenpsychologische Dimension des Falles bewusst, ohne dafür viel Theorie bemühen zu müssen. Deutlich wird insbesondere, dass der «Vampir von Ropraz» eine Art makabrer Katalysator ist, der einiges vom Zustand der dortigen Gegend und ihrer Menschen ans Licht bringt.

Enge, Dumpfheit, Aberglaube, Neid und Angst sind für Chessex Stichworte, aber auch Inzest, Gewalt, sexueller Notstand und unterdrückter Wahn. Der Tatverdächtige ist ein Beschädigter, der in Kindheit und Jugend ein Martyrium aus Alkoholismus, Missbrauch, Hunger und Schlägen erlebte.

Bei der Suche nach dem Täter kommt es zu bösartigen Verleumdungen und Anschuldigungen – vielfach alte Rechnungen oder Versuche, irgendwie «störende» Personen aus dem Weg zu räumen. Deutlich sind auch die Züge einer psychologischen Schattenprojektion – sei es bei der Stilisierung des Täters zum «Vampir», der durch die Dörfer schleicht, um neue Opfer zu suchen, sei es bei der Lynchmob-artigen Zusammenrottung der Einheimischen vor dem Gefängnis. In der Angst vor der Bedrohung, die eben auch aus dem eigenen Inneren kommt, holt die calvinistische Bevölkerung sogar wieder den alten Aberglauben der Katholiken hervor.

Wie zeigt man Grausamkeit?

Spätestens hier zeigt sich, dass die Geschichte des «Vampirs von Ropraz» auch Bezüge zum Horrorfilm hat, etwa zur Frage, wer das wirkliche Monster ist. Sie stellt sich bei vielen Filmen, besonders eindringlich zum Beispiel in William Friedkins Klassiker «Der Exorzist» (1973). Das eigentliche Thema in diesem Film ist nicht das vom Teufel besessene Mädchen, sondern die Welt, in der sich das Ganze abspielt. Sie ist gesellschaftlich, politisch, moralisch und spirituell aus dem Lot.

Interessant ist auch die Frage, wie sich Grausamkeit darstellen lässt. Chessex benutzt zur Schilderung der bestialischen Leichenschändungen eine nüchterne, knappe Sprache. Heutige Horrorfilme zeigen solche und ähnliche Szenen in einer Detailtreue, von der sich viele Zeitgenossen keine Vorstellung machen können. «Schlachthaus» ist dafür noch ein harmloses Wort. Was trifft tiefer? Es könnte gut sein, dass es die Sprache ist. Beim Film spielt nämlich ein eigenartiger Mechanismus. Wenn eine Szene ein gewisses Mass an dargestellter Grausamkeit übersteigt, wirkt sie schnell «unecht».

Die Kraft der Sprache

Die Sprache eines Textes ist anders, zwingt den Leser gewissermassen, das Gelesene selber mit Inhalt zu füllen. Vor allem bei der Schilderung der ersten Untat erspart Chessex dem Leser hier nichts. Das steckt man nicht so leicht weg.

Jacques Chessex: Der Vampir von Ropraz. Nagel & Kimche, Zürich, 2008, Fr. 23.90

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