Erster Coronafall im Frauenhaus Zürich: Der Zufluchtsort muss in Quarantäne

Weil sich eine Frau mit dem Coronavirus infiziert hat, kann das Frauenhaus Zürich Violetta zwei Wochen lang keine neuen Frauen aufnehmen. Dabei wird gerade jetzt die häusliche Gewalt zum Problem.

Annika Bangerter
Hören
Drucken
Teilen
Häusliche Gewalt ist in der Schweiz verbreitet. Experten gehen aufgrund des Lockdowns von einem Anstieg aus.

Häusliche Gewalt ist in der Schweiz verbreitet. Experten gehen aufgrund des Lockdowns von einem Anstieg aus. 

Bild: Fotolia

Im Frauenhaus Zürich Violetta ist das eingetreten, was die Schutzinstitutionen fürchten: Eine Bewohnerin ist positiv auf das Coronavirus getestet worden. Am Montag traf das Resultat ein – und führte zu einem sofortigen Aufnahmestopp: «In den nächsten 14 Tagen können keine neuen Frauen bei uns eintreten. So lange dauert die Quarantäne», sagt Susan A. Peter, Geschäftsleiterin der Stiftung Frauenhaus Zürich.

Damit ist der Zufluchtsort genau zu jenem Zeitpunkt blockiert, in dem die Behörden aufgrund des Lockdown mit einer Zunahme von häuslicher Gewalt rechnen. Während der Ausgangssperre in Italien und China nahmen Übergriffe, Körperverletzungen oder Drohungen in den eigenen vier Wänden zu. Gegenüber BBC gab eine chinesische Frauenrechtsorganisationen an, während der Quarantäne dreimal mehr von Opfern kontaktiert worden zu sein.

Die Massnahmen, die das Virus eindämmen, können in manchen Familien oder Paarbeziehungen eine toxische Wirkung entfalten. Die Schulschliessung, der Rückzug ins Private, eingeschränkte Bewegungsfreiheit: Das führt dazu, dass Menschen im selben Haushalt Tag und Nacht auf sich zurückgeworfen sind. Dadurch steigt das Konfliktpotenzial. Kommen finanzielle Sorgen oder Ängste um den eigenen Job hinzu, verschärft sich die Situation zusätzlich. Dass es zu Hause gefährlich sein kann, ist allerdings nicht ein Problem der Coronakrise. Seit Jahren nimmt die häusliche Gewalt in der Schweiz zu: Auch 2019 sind die Straftaten mit 19 669 Fällen um sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr angestiegen. Fachleute gehen davon aus, dass die Dunkelziffer hoch ist, da die meisten Taten nicht angezeigt werden.

Gemeinden, Kirchen und Private bieten Räume an

Aktuell sind die meisten Schweizer Frauenhäuser voll, bestätigt deren Dachorganisation. Eine Situation, die wiederholt eintrifft. «Die Schweiz bietet viel zu wenige Schutzplätze an. Gemäss EU-Richtlinien müsste es hierzulande etwa 800 Schutzplätze geben, in der Realität sind es jedoch nur rund 350», sagt Susan A. Peter. Da sich die Lage in den nächsten Wochen zuspitzen dürfte, arbeiten die Frauenhäuser unter Hochdruck daran, neue Zufluchtsorte zu schaffen. «Wer Schutz benötigt, erhält ihn. Wir weisen keine Frauen ab, sondern suchen nach alternativen Unterbringungen», sagt Peter. Das kann in zusätzlich angemieteten Wohnungen oder in anderen Institutionen sein. Der Kanton Zürich ist diese Woche vorangegangen und hat finanzielle Soforthilfe im Kampf gegen häusliche Gewalt in Zeiten von Corona gesprochen. Der Bund hat zudem eine Taskforce einberufen. Federführend ist das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann. Gemäss Direktorin Sylvie Durrer sind Polizei und Justiz auf eine Zunahme von häuslicher Gewalt vorbereitet: «Sowohl Bund als auch Kantone wollen sicherstellen, dass die Problematik trotz Pandemie genügend Aufmerksamkeit erhält.» Das Frauenhaus Zürich Violetta hat bereits von Privaten und Gemeinden Räumlichkeiten angeboten bekommen. Von einer grossen Solidarität berichten auch andere Institutionen. Silvia Vetsch, Geschäftsleiterin des Frauenhauses St.Gallen, sagt: «Wir bekamen viele Angebote für alternative Schutzunterkünfte wie etwa leer stehende Seminarhotels oder Privatwohnungen. Kommt es zum befürchteten Ansturm, haben wir genügend Optionen, um auszuweichen.»

Ähnliches berichtet Marlies Haller von der Berner Stiftung gegen Gewalt an Frauen und Kinder: «Sowohl der Kanton und die Stadt Bern als auch die Kirche unterstützt uns bei der Suche nach zusätzlichen Räumlichkeiten. Die Herausforderung ist, dass diese auch tatsächlich Schutz für die Betroffenen bieten.» Das sei abhängig von der jeweiligen Gefährdungssituation: «In einigen Fällen ist eine Wohnung in einem Hochhaus, in dem viele Menschen leben, genau das richtige; in anderen Fällen braucht es einen Ortswechsel.» Unabhängig davon müssen die Räume möbliert und sofort bezugsbereit sein. Eine Sorge bleibt dennoch: «Wir vermuten, dass es für die Frauen in der aktuellen Situation schwieriger ist, uns zu kontaktieren», sagt Haller. Dies, weil der gewalttätige Partner in der Isolation die Frau permanent überwachen und ein Anruf oder das Verlassen der Wohnung unterbinden kann. Diese Befürchtung teilt auch Bettina Bühler, Geschäftsleiterin des Frauenhauses beider Basel: «Oft kommen die Frauen zu uns, wenn der Mann ausser Haus ist – bei der Arbeit oder bei Freunden. Der Lockdown kann die Betroffenen diesbezüglich vor ein Problem stellen.» Eine wichtige Rolle hätten die Nachbarn inne. «Wer eine Tätlichkeit beobachtet oder eine Form von häuslicher Gewalt hört, soll unbedingt die Polizei informieren», sagt Bühler.

Das Essen wird vor die Türe gestellt

Die Bewohnerin des Frauenhauses Zürich Violetta, die an Covid-19 erkrankt ist, verbringt ihre Quarantäne isoliert in ihrem dortigen Zimmer. Bislang deuten die Symptome auf einen eher milden Verlauf hin. Essen wird ihr vor die Tür gestellt und mit den Mitarbeiterinnen spricht sie via Telefon oder durch die Tür. Wenn sie an die frische Luft will, ruft sie das Team an, das die anderen informiert. Doch was, wenn eine Bewohnerin schwer erkrankt und medizinische Pflege benötigt? «Dann muss die Kommunikation mit dem Spital stillschweigend geregelt werden, damit der Gefährder ihren Aufenthaltsort nicht erfährt», sagt die Zürcher Geschäftsleiterin Peter. Ihre Mitarbeiterinnen und die Bewohnerinnen tragen nun Masken und Handschuhe. Sie organisieren ihren Alltag zwar in Sicherheit vor häuslicher Gewalt, jedoch mit dem Coronavirus.

Mehr zum Thema