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«Seht, wie klein und zerbrechlich sie ist»: Wie dieses Bild vom Mond die Welt veränderte

Bill Anders’ 1968 geschossenes Bild während seines Apollo 8-Flugs um den Mond, das die Erde als kleines, fragiles Raumschiff im weiten All zeigt, wird zur Ikone der neuen Umweltbewegung.
Bruno Knellwolf
Die Erde fotografiert aus dem Apollo-Raumschiff am 17. Juli 1969. (Bild: NASA via AP)

Die Erde fotografiert aus dem Apollo-Raumschiff am 17. Juli 1969. (Bild: NASA via AP)

Vielleicht ist es das wichtigste Bild seit Erfindung der Fotografie. Der US-Astronaut William «Bill» Anders hat es auf der Apollo-8-Mission beim Einschuss in die Mondumlaufbahn am 24. Dezember 1968 aufgenommen. Zusammen mit den beiden Astronauten Frank Bormann und Jim Lovell ist er mit der Saturn-V-Rakete gestartet, um den Mond zehnmal zu umkreisen. Noch ist bei diesem Testflug keine Mondlandefähre dabei, somit ist Bill Anders als Mondlandepilot überflüssig und wird zum Apollo-Fotografen. Zum ersten Mal in der Geschichte können Menschen bei diesem Flug aus nächster Nähe einen Blick auf die Mondoberfläche werfen und auch die Mondrückseite betrachten. Das ist schon aufregend genug, doch zur Ikone wird das Bild der blauen Erde von Bill Anders.

Klein und fragil

Der Menschheit wird damit bewusst, wie klein die Erde ist und wie verletzlich. Die Testpiloten mit Nerven aus Stahl sind überwältigt, und Bill Anders sagt: «Wir machten uns auf den Weg, den Mond zu erforschen, und das Wichtigste war, dass wir die Erde entdeckt haben.» Alan Shepard, Kommandant von Apollo 14, gab zu, geweint zu haben beim Anblick des blauen Planeten am schwarzen Himmel des Mondes. Und der sechste Mann auf dem Mond, Edgar Mitchell, wünschte, alle Politiker zum Mond zu führen und ihnen zuzurufen:

«Seht, wie klein und zerbrechlich unsere Welt ist, also lasst uns aufhören, sie zu zerstören, und lasst uns für den Frieden arbeiten.»

Und das in Zeiten des Kalten Kriegs und des Vietnam-Kriegs.

Die wahre Lektion aus den Apollo-Flügen

Für viele gilt dieses Bild als die wahre Lektion aus den Apollo-Flügen und als Fanal für die Umweltbewegungen. Der Historiker Jakob Tanner von der Universität Zürich sagt, der Apollo-Astronaut sei vom Erdaufgang wohl kaum überrascht worden, wie später behauptet worden ist. «Überwältigt aber wohl schon.» Tanner interessiert sich sehr für das Zusammenspiel von technischen Systemen und deren Darstellung in der Öffentlichkeit und bezeichnet sich als Fan der Mondlandung. Das Erlebnis der Astronauten mit dem Bild sei stark stilisiert erzählt worden. Tanner sagt:

«Dass das Bild rasch zur Ikone wurde, hängt mit gesellschaftlich-medialen Resonanzbedingungen zusammen»

Ende der 1960er-Jahre wird die Umweltproblematik auf neue Weise dargestellt. 1968 wird der Club of Rome gegründet, welcher der damals noch völlig sorglos mit der Umwelt agierenden Menschheit aufzeigt, wohin der Raubbau führt, und 1972 seinen nachhaltig wirkenden Bericht veröffentlicht. Erstmals werden Klimaschutz und Biodiversität zu weltweiten Diskussionsthemen. «Es wird ein Earth Day ausgerufen, 1971 wird Greenpeace gegründet, 1972 findet die erste UNO-Umweltkonferenz statt und so weiter», zählt der Historiker auf.

Bewegung auch in der Schweiz

Auch in der Schweiz schlägt sich diese Stimmung nieder. 1971 wird der Umweltartikel mit einer sensationell hohen Zustimmung von 92,7 Prozent angenommen. Gleichzeitig wird das Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft, heute Bafu, geschaffen. Die Umweltaktivisten erzürnt allerdings, dass dieser klare Verfassungsauftrag für mehr als ein Jahrzehnt nicht umgesetzt wird. Erst 1985 wird ein Bundesgesetz über den Umweltschutz in Kraft gesetzt.

Astronaut Buzz Aldrin auf dem Mond am 21. Juli 1969. (Bild: Neil Armstrong/NASA via AP)

Astronaut Buzz Aldrin auf dem Mond am 21. Juli 1969. (Bild: Neil Armstrong/NASA via AP)

Dieser Zeitpunkt ist kein Zufall. 1981 häufen sich zuerst in Deutschland die Medienberichte über sauren Regen und sterbende Bäume. Bald ist das Waldsterben in aller Munde, Bilder von Giftwolken und kahlen Wäldern werden zur Ikone des drohenden Untergangs. Im August 1983 steht CVP-Bundesrat Alphons Egli mitten in einem Wald bei Zofingen, schaut ernst in die Baumwipfel und erklärt das Waldsterben auch in der Schweiz zur Tatsache. Als Ursache wird die Luftverschmutzung erkannt, wenn auch noch nicht klar ist, welche Schadstoffe genau zum Tod der Bäume führen.

«Bundesrat Egli stand unter Druck. Er wollte zeigen, dass in der Schweiz endlich etwas passiert»

, sagt Tanner. Vor allem linke Parteien und Umweltverbände nehmen das Waldsterben als nationalen Notstand wahr und fordern Massnahmen. Weil das Waldsterben dann doch nicht derart dramatisch ist wie dargestellt, wird später von kopflosem Alarmismus gesprochen. Die Waldschäden seien in einigen Gebirgsregionen real gewesen, sagt Reinhard Lässig von der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL. «Beobachtet wurden diese im Schwarzwald und vor allem im Süden der damaligen DDR.» Falscher Alarmismus töne nach Absicht, was es sicher sollten nicht gewesen sei, auch wenn es kein grossflächiges Waldsterben gegeben habe.

«Aber die Förster hatten so was noch nie gesehen. Einer sagte mir damals, wenn das so weitergehe, gäbe es in zwanzig Jahren keinen Wald mehr»

, sagt Lässig. Viele Forstleute wussten nicht, wie sie mit diesem Phänomen umgehen. Das führte letztlich zur Übertreibung der zukünftigen Entwicklung.

Festgestellt wurde später, dass der Schwefel aus den Braunkohlekraftwerken zu den absterbenden Bäumen geführt hatte. Die Massnahmen zur Luftreinhaltung wie schwefelfreies Heizöl, die Einführung der Katalysatoren, bleifreies Benzin und Tempolimiten hatten aber durchweg positive Auswirkungen auf die Umwelt und somit auch auf den Wald.

Die Waldsterbedebatte sei nötig gewesen, aber die Politik sei nicht in der Lage gewesen, die Dimension des Umweltproblems angemessen einzuschätzen, sagt Tanner. Die vorschnell geäusserten und im Nachhinein falschen Prognosen der Forstleute in den 80er-Jahren sind eine Warnung für die Wissenschafter von heute. Trotzdem versuchen Klimaskeptiker, mit Hinweisen auf die Waldsterbedebatte die Ergebnisse der Klimaforschung und deren wissenschaftliche Daten zu diskreditieren.

Statt des blauen Planeten Eisbären und Gletscher

Auch andere Bilder als jenes von Bill Anders prägten und prägen die Umweltdebatte. Früher jene vom Ozonloch, dem Abschlachten der Robben und riesiger Abfallhalden. Diese Bilder führen zu Protest und manchmal zu Massnahmen. Das Ozonloch wird mit dem Verbot von FCKW verkleinert, Deponien und Kläranlagen entstehen für eine saubere Entsorgung.

Ungelöst ist das Problem des Klimawandels. Die Bilder dazu sind solche schwimmender Eisbären zwischen schmelzenden Eisbrocken und schwindender Gletscher. «Heute sind die Gletscher die neue Ikone», sagt Tanner. Im hochsensiblen Raum der Alpen zeigen sich die Auswirkungen der Klimaerwärmung besonders drastisch. Eine Reaktion darauf ist die Gletscher-Initiative. Gletscher als Ikone haben im Unterschied zum blauen Planeten den Vorteil, dass das weltweite Problem nicht global bleibt, sondern ins Regionale geholt wird.

Einsatz des Nobelpreisträgers

Was braucht es dazu? Der Lausanner Nobelpreisträger Jacques Dubochet erinnert an die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg: Nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour haben die USA 1941 massiv in den Krieg eingegriffen, alles dafür eingesetzt und schliesslich gesiegt. «Die ganze Industrie und Politik wurde umgestellt. So etwas wäre auch für das Klima möglich», sagt Dubochet. «Wenn nur drei Prozent der Menschen sich für eine Sache mit Vehemenz einsetzen, gelingt die Wende.» Um das Klimaproblem zu lösen, bräuchte es also einen enormen Effort – so wie dies auch für die Apollo-Mission nötig war, für die 400 000 Menschen arbeiteten und heute umgerechnet 120 Milliarden Dollar investiert wurden.

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