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Ehrlich flucht am meisten: Wer häufig Schimpfwörter benutzt, lügt weniger

Schimpfen ist vielleicht unhöflich und vulgär. Aber es hat auch Positives: Wer viel flucht, ist ehrlicher.

Alexandra Fitz
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Die einen schreien und fauchen vor Ärger, die anderen machen sich eher dezent Luft.

Die einen schreien und fauchen vor Ärger, die anderen machen sich eher dezent Luft.

Marcus Lorenz/Photocase

Als die Frau endlich fertig ist, ihre Stimme verstummt und sie ausatmet, sagt der Mann leicht missbilligend: «Jetzt hast du aber ordentlich Dampf abgelassen. Bist du alles losgeworden?» Daraufhin sie: «Ja, das musste sein, es musste raus.» Sie fühlte sich besser, gelöster. Doch Schimpfen und Fluchen, das wusste auch sie, gehört nicht zum guten Ton. Es ist unhöflich und obszön. Haben wir doch schon als Kind eingetrichtert bekommen: «Das sagt man nicht» oder «So redet man nicht». Doch die verbalen Fehltritte haben auch etwas Positives: Wer viel flucht, ist ehrlicher.

Wir durften schon lesen, dass Fluchen Stress abbaut, Schmerzen lindert oder gar von Intelligenz zeugt. Und jetzt sind wir auch noch glaubwürdiger, wenn wir uns schlecht benehmen? Ein internationales Forscherteam hat einen Zusammenhang zwischen Fluchen und Ehrlichkeit festgestellt: «Wir fanden eine durchgängig positive Beziehung zwischen Fluchen und Ehrlichkeit; Fluchen steht in Verbindung mit weniger Lügen und Täuschen auf einem individuellen Level und mit höherer Integrität», schreiben die Forscher im Fachblatt «Social Psychological and Personality Science».

Spontane, ungefilterte Sprache

Sie baten 276 Freiwillige, eine Liste mit ihren liebsten und am meisten verwendeten Schimpfwörtern zu erstellen. Ausserdem sollten sie in einem Lügentest mit Fragen wie «Wenn du sagst, du tust etwas, hältst du dann immer dein Versprechen, egal wie unangenehm es sein könnte?» beurteilen, wie ehrlich sie sind. Es zeigte sich, diejenigen, die ein besonders grosses Arsenal an Schimpfwörtern besassen, schienen nicht daran interessiert zu sein, sozial erwünschte Antworten zu geben.

In einer weiteren Untersuchung werteten Gilad Feldmann und sein Team Statusbeiträge von 75 000 Facebook-Nutzern aus. Das Resultat: Lügner benutzen insbesondere Personalpronomen der 3. Person sowie negativ behaftete Wörter. Die, die auf der sozialen Plattform besonders heftig wetterten, benutzten meist «Ich» oder «Wir». Das ist gemäss Psychologen wiederum ein Indiz für Ehrlichkeit.

Es liegt nahe, dass den Autoren bei der Beschäftigung mit Beleidigungen des US-Präsidenten Donald Trump in den Sinn kommt. So weisen die Autoren darauf hin, dass auch Trump oft flucht und schimpft. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – empfanden ihn seine Anhänger als besonders glaubwürdig.

Die Wissenschafter erklären den Zusammenhang damit, dass Menschen, die laut werden und fluchen, oft ungefilterte Gefühle wie Angst oder Frustration ausdrücken. Solche Situationen sind echt und meist spontan. Weil die Sprache in diesen Momenten nicht gefiltert wird, würden die Flucher auch den Inhalt ihrer Aussagen nicht anpassen. Also seien sie ehrlicher. «Unschuldige Verdächtige, beispielsweise, benutzen beim Leugnen der Anschuldigungen öfter Fluchwörter als Verdächtige, die wirklich schuldig sind», erklärt Feldmann.

Zweifelsohne ist für das Vis-à-vis eine Fluchattacke nie angenehm, wenn es auch noch der Grund ist für das Geschimpfe, erst recht nicht. Doch eigentlich kann das Gegenüber froh sein, wenn jemand in dessen Anwesenheit ordentlich Tacheles redet. Denn ansonsten würde er es vielleicht heimlich denken, hinter dem Rücken lästern und sein Groll würde noch mehr steigen.

Gott, der Teufel und die Familie

Auch in der Amok-Forschung spricht man von der Gefahr des In-sich-Hineinfressens. Kriminalpsychologen, die Gutachten von Schulamokläufern erstellen, argumentieren mit dem Begriff der Kränkung. Nach aussen bemerkt lange Zeit niemand etwas, der Betroffene ist zurückhaltend, irgendwann bricht aber alles heraus. Daher sei es gar nicht so schlecht, wenn insbesondere junge Menschen ihre Gefühle äussern – und auch wenn sie dabei einmal über die Stränge schlagen.

Es gibt sogar eine Wissenschaft, die sich mit dem Fluchen beschäftigt. Die Malediktologie (von lat. maledicere Schlechtreden). Timothy Jay, ein bekannter Schimpfwortforscher, hat das Buch «Why we curse» (Warum wir fluchen) geschrieben. Laut Jay bestehen etwa fünf Prozent der Gespräche am Arbeitsplatz und über zehn Prozent unserer Freizeitunterhaltungen aus Schimpfen. Dabei geht es meist um Tabubrüche, bei denen Gott, der Teufel oder die Familie herhalten müssen.

Fluchen ist auch eine Frage der Herkunft. Während man sich in Europa oder Amerika oft mit den etwas langweiligen Begriffen «Shit», «Fuck» oder «Scheisse» behilft, schimpft man in Russland «Geh zum Schwanz!», in der Türkei «Ich scheiss dir in den Mund!», und die Perser sagen «Ich furze in den Bart deines Vaters!».

Schimpf- und Fluchwörter verändern sich, unterliegen Moden. Auch die gesellschaftliche Akzeptanz der emotionsgeladenen Sprache variiert. So gab ein Zitat des Filmes «Vom Winde verweht» von 1939 mächtig zu reden. Der Produzent liess Rhett Butler, gespielt von Clark Gable, den berühmten Satz «Frankly my dear, I don’t give a damn» sagen. Im Deutschen harmlos mit «Es ist mir völlig egal» übersetzt, musste der Produzent eine Strafe von 5000 Dollar zahlen.

In Zeiten, in denen vor der Kamera geraucht und gesoffen wurde, war also fluchen nicht erlaubt. Heute ist es gerade umgekehrt. Stolze 506-mal kommt im Film «The Wolf of Wall Street» mit Leonardo DiCaprio das Wort «Fuck» vor. Und zwar in allen Varianten. Fäkalsprache, derbe Witze und sexuelle Anspielungen – insbesondere in US-amerikanischen Sitcoms und Late-Night-Shows werden sie durch den oberlehrerhaften Pieps-Ton gar noch stärker betont.

Fluchen und Meckern ist genauso wichtig für die Gesundheit wie Weinen und Lachen, sagen Psychologen. Wenn wir uns ärgern, sollten wir unsere Aggressionen loswerden, Dampf ablassen. Ansonsten könnten wir krank werden. Forscher bezeichnen das Schimpfen deshalb auch «Stuhlgang der Seele».