Kolumne

Du sollst kein Bild machen

Randnotiz

Michael Graber
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Wer mittlerweile als professioneller Fotograf an den grossen Stadien-Konzerten fotografieren will, muss einiges über sich ergehen lassen. Zuerst gilt es allerlei Papierkram auszufüllen. Für welche Zeitung wird fotografiert, wie lautet die Internetadresse, über welche Social-Media-Kanäle werden die Bilder veröffentlicht? Dann wird man verpflichtet, die Bilder nur einmalig zu verwenden und spätestens nach einem Jahr wieder aus dem System zu löschen. Tut man dies nicht, drohen happige Geldstrafen.

Fotografieren darf man im Maximalfall drei Songs lang. Dann wird man höflich aus dem Fotograben gebeten und nach Hause geschickt. Bei heiklen Superstars darf man die Bilder, die man zu verwenden gedenkt, noch vorab zur Prüfung vorlegen. Und sowieso: Die Bildrechte bleiben oft beim Künstler selber. Sollte dieser also eines der Fotos besonders gut finden, so darf er es gratis und franko selber verwenden. Als Lohn dafür, dass er den Fotografen drei Lieder bei Knebelvertrag fotografieren liess. Nett.

Besonders absurd wird dies, wenn gleichzeitig Tausende Personen mit Smartphones fotografieren und filmen. Wobei: Wenn die Entwicklung so weitergeht, dann müssen bald wohl auch alle Zuschauer beim Ticketkauf einen Vertrag unterschreiben. Nach dem Konzert muss man dann beim Ausgang das Handy einer Kontrollinstanz vorlegen, die sämtliche unliebsamen Fotos löscht und die guten selber behält. Und nach einem Jahr muss man das Gerät einschicken, um zu beweisen, dass man brav alles gelöscht hat.