Porträt
Zwangsheirat: «Keiner hat mir eine Pistole an den Kopf gesetzt und gesagt, sag Ja oder du stirbst»

Eine junge Frau wird von ihren Eltern zur Heirat gezwungen. Als sie schwanger ist, flieht sie vor ihrem Ehemann und muss mit ihrer Familie brechen. Das ist die Geschichte von Susan.

Anita Zulauf, «wir eltern»
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Sowohl Mädchen als auch Jungen sind von Zwangsheiraten betroffen.

Sowohl Mädchen als auch Jungen sind von Zwangsheiraten betroffen.

Illustration: Corinna Staffe

Ihre Stimme ist rau, was sie sagt, klingt bestimmt. Doch während sie ihre Geschichte erzählt, zeigen sich sämtliche Facetten ihrer Persönlichkeit. Verletzlichkeit, Enttäuschung, Angst, Wut und unendliche Trauer. Aber auch Hoffnung. Zuversicht. Und die Lust aufs Leben. Susan wurde als Kind gebrochen. Heute, als Frau Anfang 20, ist sie stark und selbstbewusst. Der Weg dorthin, er war bitter.

Susan hiess früher anders. Nach der Flucht vor ihrem Ehemann hat sie aus Gründen der Sicherheit eine andere Identität angenommen. Sie lebt anonym, irgendwo in der Schweiz. Die Fachstelle Zwangsheirat hat das in Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden organisiert. Um Susan zu schützen, muss hier auf sämtliche Details, die auf ihre Herkunft oder Identität hinweisen könnten, verzichtet werden.

Susan erzählt ihre Geschichte. Für Frauen in ähnlichen Situationen. Sie will ihnen Mut machen, sich Hilfe zu holen. Zu fliehen, wenn nötig. Sie erzählt ihre Geschichte auch uns, die wir nicht wissen, wie es ist, in eine Familie hinein geboren zu werden, in der Mädchen keinen Wert haben. Aufzuwachsen in einem Kontext, in dem es das Recht auf Selbstbestimmung nicht gibt. Diese Kinder bleiben meist ungesehen. Obwohl sie mittendrin leben. Unter uns. Wie Susan.

«Ich liebe sie nicht als Mutter. Ich respektiere sie als Frau, die mich nicht hat verhungern lassen, die mir Kleidung gegeben hat. Sie hat von ihrer Mutter keine Liebe bekommen. Wie soll sie wissen, wie das geht? Ich verzeihe ihr. Ich glaube, sie wurde an meinen Vater verkauft. Genau weiss ich es nicht. Meine Eltern sind Cousin und Cousine. Das letzte Mal gesehen habe ich sie nach der Geburt meiner Tochter. Meine Mutter ärgerte sich über die nackten Beinchen meines Babys. Es war ein heisser Tag im Hochsommer. Danach bin ich abgetaucht und hatte nie mehr Kontakt mit meinen Eltern.»

Alles drehte sich um die Jungfräulichkeit

Susan wuchs in der Schweiz auf. Sie wurde in ihrem Herkunftsland verheiratet. «Keiner hat mir eine Pistole an den Kopf gesetzt und gesagt, sag Ja oder du stirbst», sagt Susan. Doch hätte sie sich geweigert, hätte sie sich nicht mehr frei bewegen können. Sie wäre Gefangene gewesen. In der eigenen Familie. In diesem anderen Land. Bis, ja eben, bis sie verheiratet gewesen wäre. Sie wurde schwanger. Und floh vor ihrem Ehemann. Und ihren Eltern.

«Mädchen sind nicht besonders beliebt in meinem Kulturkreis. Alles, was ein Mädchen tut, ist falsch. Meine Mutter schrie mich oft an: ‹Du bist eine Fehlgeburt, dich hätte es nicht geben sollen!› Es tut weh, dass sie so schlecht über mich geredet hat. Ich habe gehorcht, geputzt, den Besuch bedient. Doch ich war nie gut genug. Ich durfte nicht laut lachen, als Mädchen muss man leise sein. Aufs ‹Gigampfi› oder ins Kunstturnen durfte ich nicht. Weil ich meine Jungfräulichkeit hätte verlieren können. ‹Na, hast du dich entjungfern lassen?›, blaffte sie, wenn ich vom Spielen nach Hause kam. Alles drehte sich um Jungfräulichkeit und Sex. Ich war ein Kind, hatte keine Ahnung, wovon sie spricht.»

Was Susan erzählt, kennt die Juristin Anu Sivaganesan aus ihrer Arbeit als Präsidentin der Fachstelle Zwangsheirat gut. Jede Woche melden sich fünf bis zehn Betroffene erstmals bei der Fachstelle. 361 Fälle waren es 2020, mehr als 3000 seit dem Start der Beratungen 2005. Jede dritte Betroffene ist minderjährig. Doch 19 Prozent der Hilfesuchenden sind Männer. «Oft sind es junge Homosexuelle, sie werden verheiratet, um die ‹Schande› zu vertuschen. Ein Coming-out? Undenkbar», so Sivaganesan. Oder ja, einfach Männer, die die «falsche» Freundin haben.

Mädchen werden kontrolliert, getrackt, verraten

Mütter sind oft treibende Kraft, vor allem beim Thema Sexualität und Jungfräulichkeit. Mädchen werden kontrolliert, getrackt, verraten. Viele Jugendliche sind dauernd damit beschäftigt, zu verheimlichen. Jede dritte Frau, die sich bei der Fachstelle meldet, hat suizidale Gedanken oder einen Suizidversuch hinter sich. Auch Susan.

«Meine Mutter sagte nur: ‹Wenn du in die Hölle willst, dann bring dich um!› Bei mir kam hinzu, dass jemand aus der erweiterten Familie mich sexuell missbrauchte. Ich war acht Jahre, als er anfing, mich zu zwingen, ihn zu berühren. Vergewaltigt hat er mich nicht. Als ich zwölf war, erzählte ich es meiner Mutter. Sie sagte: ‹Du hast geträumt.› Jahre später kam alles raus. Die Situation eskalierte. Mein Vater nannte mich eine Psychopathin. Meine Mutter sagte: ‹Du hast ihn verführt.› Unmöglich, den Mann zur Rechenschaft zu ziehen. Die Familie, sie wäre zerstört. Meinen Vater liebte ich sehr. Es tat unendlich weh, dass er mir nicht glaubte. Nur mit ihm konnte ich gut reden. Aber niemals über Persönliches. Meine Mutter war gegen aussen nett, freundlich, sogar humorvoll. Zu Hause nahm sie mir meine Zimmertür weg. Um mich mit dem Verlust meiner Privatsphäre zu bestrafen. In der Schule hatte ich Probleme. Ich war blockiert, immer müde, konnte mich nicht konzentrieren. Die Noten waren entsprechend. Man hätte merken müssen, wie schlecht es mir geht. Doch kein Lehrer hat je nachgefragt. Ich wäre froh gewesen, wenn mir jemand zugehört, mir geholfen hätte. Wahrscheinlich haben sie auch mitbekommen, wie mich meine Mutter einmal vor der Schule an den Haaren wegschleppte. Zur Frauenärztin, damit die mein Hymen überprüfte. Weil ich mich vor der Schule mit einem Jungen unterhalten hatte. Die Ärztin weigerte sich. Als ich 15 war, sind wir in mein Heimatland gezogen. Weil ich auch dort in der Schule nicht gut war, sollte ich heiraten. Sie stellten mir meinen zukünftigen Ehemann vor. Meinen Cousin.»

Wie das Gesetz umgangen wird

Endogamiezwang heisst die Pflicht, im eigenen Kultur- oder Religionskreis heiraten zu müssen. «In konservativen Auslegungen des Hinduismus, Christen- oder Judentums oder im Islam gibt es ähnliche Muster», sagt Anu Sivaganesan. In der indischen, jesidischen und sri-lankischen Kultur spielt etwa die Kaste eine Rolle.

Männer im Islam dürfen auch Frauen aus Buchreligionen heiraten, aus dem Juden- und Christentum. Frauen jedoch nur Moslems. Juden dürfen nur Juden heiraten, jedoch keine Blutsverwandten. Für Kurden, Afghanen, Pakistani oder Türken ist es nicht unüblich, mit dem Cousin, der Cousine verheiratet zu werden. Manche Kinder werden ab sieben Jahren versprochen. Ab zwölf Jahren kann die Ehe ein Thema sein. In der Schweiz sind Eheschliessungen unter 18 Jahren verboten. Doch es gibt Wege, das Gesetz zu umgehen. Etwa mit der religiösen Verheiratung, die illegal durch einen Religionsvertreter geschlossen wird. Oder mit Verlobungen. Oder durch Verschleppung ins Ausland.

Heute gibt es jedoch viele progressive Familien aus den erwähnten Kulturkreisen, die sich klar gegen Zwänge rund um die Heirat aussprechen und ihre Kinder frei entscheiden lassen. Auf der ganzen Welt gibt es zudem feministische Bewegungen für Frauenrechte und gegen Kinderheirat. Für Mädchen sind sie wichtige Vorbilder. Wie auch Susan.

«Meine Tochter wird frei aufwachsen. Ich werde sie unterstützen und ihr jede Frage beantworten. Sie ist meine Kraft, mein Leben. Irgendwann möchte ich, dass sie meine Eltern kennen lernt. Doch ich brauche Zeit. Meine Tochter soll alt genug sein, damit sie mit den Bemerkungen meiner Mutter, wie ein Mädchen sich benehmen muss, umgehen kann. Sie soll wissen, dass nur ihre eigene Meinung zählt. Ich denke aber, dass meine Mutter heute weiss, dass sie übertrieben hat, sie würde es wahrscheinlich nicht mehr genau so machen. Schliesslich hat sie ihre Tochter verloren. Und ihr Enkelkind.»

Hilfsangebot Betroffene können sich rund um die Uhr bei der Fachstelle Zwangsheirat melden. Die Fachstelle garantiert absolutes Stillschweigen und Anonymität. Die Beratung ist unverbindlich und gratis. Helpline: 0800 800 007

Dies ist ein Beitrag aus «wir eltern».

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