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«Diogenes hätte sich gut mit Marie Kondo verstanden»

Weniger ist Mehr: Trendforscher Matthias Horx über Verzicht und den Minimalismus-Trend. Und warum Mässigung eine dringend zu lernende Kulturtechnik ist.
Melissa Müller
Trendforscher Matthias Horx.

Trendforscher Matthias Horx.

Unsere Gesellschaft ist so reich wie nie, doch immer mehr Leute streben danach, ihren Besitz zu reduzieren. Wie erklären Sie sich das?

Matthias Horx: Es liegt am Phänomen der «Hedonistischen Trendmühle». Genuss und Besitz haben einen asymptotischen Erlebens-Verlauf, eine Kurve, die immer flacher wird. Alles nutzt sich eben ab, am Ende macht Opulenz keinen Spass mehr sondern nur Kopfweh. Deshalb kehren alle Überfluss-Kulturen irgendwann wieder zur Askese zurück. Es geht immer um eine geistige und auch psychische Klärung, ein Hinter-Sich-Lassen des Zuviels, das uns keine Freude mehr bereitet. Besitz belastet die Seele, und es ist klug, ihn zu reduzieren. Deshalb sind die aufgeräumtesten Wohnungen und schlichtes Designs oft das Resultat eines gebildeten Wohlstandes. Im Verzicht liegt auch eine Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Man ist nicht seinen eigenen Süchten ausgeliefert, und das Leben wird entkompliziert. Man macht sich wieder zum Gestalter seiner eigenen Aufmerksamkeiten, anstatt von den Dingen und Erregungen bestimmt zu werden. Das ist der Kern des Achtsamkeitstrends – eine Art inneres Aufräumen und Entrümpeln.

Wer verzichtet, gilt ja heutzutage nicht mehr als spiessiger Sonderling. Man prahlt geradezu damit, dass man seine Wohnung à la Marie Kondo ausgemistet hat, keinen Zucker mehr isst, Digital Detox betreibt oder fastet. Sind die neuen Asketen Exzentriker?

Ich kenne sehr viele Menschen, die ihre «Masshaltungen» in grosser Bescheidenheit vollziehen und das nicht an die grosse Glocke hängen. Klar kann man damit auch Geld verdienen oder einen Hype erzeugen, aber es geht ja um etwas sehr Individuelles. Um unser Weltverhältnis, um die Frage, was wir als echten Wohlstand definieren. Ich denke, der Umgang mit dem stetigen Zuviel, sei es Kalorien, Dinge oder Informationen, ist die grosse Frage unserer Zeit. Die Mässigung ist eine dringend zu erlernende Kulturtechnik. Übrigens ist das nichts Neues, das Bürgertum des 19. Jahrhunderts hat diese Debatte auch schon geführt. Und die antiken Kulturen sowieso. Die Epikureer hatten die Idee eines massvollen, bewussten Genusses als Ziel eines glücklichen Lebens, und Diogenes hätte sich mit Frau Kondo vielleicht ganz gut verstanden.

Der Entrümpelungshype hat auch etwas Zwanghaftes, passt jedoch zum Trend der Selbstoptimierung. Wie schätzen Sie das ein?

Zwanghaft ist eher dieser Trend zu einer ständigen Skandalisierung und Klischee-Verschubladisierung. Wenn wir statt Selbst-Optimierung Selbst-Verbesserung oder Ausbalancierung sagen, dann erschliesst sich glaube ich mehr, worum es wirklich geht.

Matthias Horx ist Trend- und Zukunftsforscher in Düsseldorf. Nach einer Laufbahn als Journalist gründete er sein «Zukunftsinstitut», das Unternehmen und Institutionen berät.

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