Künstliche Intelligenz

Digitale Wesen sind unerreichbar – dürfen sie uns trotzdem verführen?

Sie heissen Alexa, Miquela oder Tay. Menschen verwechseln sie mit Menschen. Dabei sind sie bloss digitale Wesen. Zeit, sich Gedanken über das Zusammenleben mit den neuartigen Zeitgenossen zu machen. von Raffael Schuppisser

Raffael Schuppisser
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Bloss eine Illusion: Die Influencerin Miquela ist kein Mensch, sondern eine am Computer generierte digitale Person.

Bloss eine Illusion: Die Influencerin Miquela ist kein Mensch, sondern eine am Computer generierte digitale Person.

Instagram

Millionen von Menschen fragen Alexa täglich um Rat. Sie hören ihr zu und geben ihr Anweisungen. Und jeder Vierte, der sich regelmässig mit ihr unterhält, wünscht sich Sex mit ihr.

Alexa ist kein Mensch. Alexa ist eine Sprachassistentin, eine künstliche Intelligenz. Sie besitzt keinen Körper; sie ist reiner digitaler Geist.

1,5 Millionen folgen Miquela auf dem sozialen Foto-Netzwerk Instagram. Sie verlieren sich in ihren Rehaugen, bewundern ihren makellosen Körper, schauen ihr zu, wie sie im Morgenmantel im Bett frühstückt.

Miquela ist kein Mensch. Miquela ist ein computergenerierter Avatar. Sie ist ein digitaler Körper; einen Geist hat sie nicht.

Philosophen streiten sich seit der Antike darüber, wie Körper und Geist zusammenspielen. Wie auch immer man zu diesem Dualismus steht, klar ist, dass es zum Menschsein beider bedarf: Körper und Geist. In der digitalen Sphäre hingegen lässt sich sowohl ein Körper ohne Geist als auch ein Geist ohne Körper künstlich erzeugen. Und zwar so, dass Menschen, die mit ihnen interagieren, im Glauben gelassen werden, sie hätten es mit einem vollständigen Menschen zu tun.

Artifizielle Personen mit Pflichten

Miquela sieht auf Instagram so täuschend echt aus, dass man sie auch auf den zweiten Blick noch für das Abbild einer realen Frau hält. Dass ihr so viele Menschen folgen, dass ihre Bilder kommentiert werden, als wäre sie aus Fleisch und Blut, dass die Luxusmarke Prada sie als Botschafterin entdeckt hat, das alles macht deutlich: Miquela ist für viele mehr als ein lebloser künstlicher Körper.

Mag eine künstliche Intelligenz der menschlichen in vielen Belangen (noch) klar unterlegen sein, so zeigen Experimente, dass es nicht so einfach ist, sie von Menschen zu unterscheiden. In sogenannten Turingtests versuchen Menschen in einerChatUnterhaltung herauszufinden, ob sie sich mit einer Maschine oder einem Menschen schriftlich austauschen. Die Probanden sind sich teils sogar nach mehreren Minuten noch immer unsicher, mit welcher Art von Wesen sie es zu tun haben. Dass Menschen Alexa nicht nur als Sprachsteuerung nutzen, sondern mit ihr über persönliche Angelegenheiten sprechen und die artifizielle Stimme sogar sexuelle Fantasien auslöst, zeigt: Alexa ist für viele mehr als eine Software.

Natürlich ist weder Miquela noch Alexa ein Mensch, bloss weil sie über menschliche Eigenschaften verfügen, die sie einem Menschen zum Verwechseln ähnlich machen. Aber man kann Miquela und Alexa als artifizielle Personen bezeichnen.

Eine einzige Person kann es nicht geben, da eine Person erst in Relation zu anderen zu einer Person werden kann.

«Person» (vom lateinischen «persona») meinte ursprünglich die Maske eines Schauspielers. Im übertragenen Sinn bezeichnete der Begriff bereits in der römischen Antike die Rolle, die jemand in der Gesellschaft spielt.

Eine einzige Person kann es also nicht geben, da eine Person erst in Relation zu anderen zu einer Person werden kann. Miquela mag ontologisch gesehen bloss eine Aneinanderreihung von Einsen und Nullen sein, in der Interaktion mit Menschen wird sie aber zu dem, was sie in gesellschaftlicher Hinsicht ist: eine Influencerin auf einem sozialen Netzwerk. Ebenso erhält Alexa in den Unterhaltungen mit den Nutzern ihre Rolle als digitale Assistentin.

Ihr Geltungsbereich ist dabei nicht auf eine klar eingezäunte virtuelle Welt wie ein Computerspiel beschränkt, sondern erstreckt sich auf ein soziales Netzwerk mit Millionen von Teilnehmern. Und ihre Wirkungsmacht ragt weit in die reale Welt hinein: Miquela kurbelt die Verkäufe von Prada an; Alexa schafft Orientierung im Alltag.

Miquela und Alexa sind bei weitem nicht die einzigen artifiziellen Personen im digitalen Raum. Die Pendants zu Amazons Alexa sind Apples Siri, Microsofts Cortana und der Google-Assistant. Die Modeindustrie versucht gerade, eine Reihe von virtuellen Influencerinnen im Stil von Miquela zu etablieren. Und in Japan folgen Millionen virtuellen Youtube-Stars wie dem Manga-Mädchen Kizuna, einer künstlichen Intelligenz, die auf dem Videoportal Fragen der Zuschauer beantwortet.

Unzählige neuartige Wesen bevölkern die digitale Sphäre. Körperlose Geister und geistlose Körper. Sie alle erhalten ihre Geltung in der Interaktion mit Menschen – und werden so zu artifiziellen Personen.

Da die neuartigen Wesen artifizielle Personen sind, kann man von ihnen Pflichten einfordern, deren wichtigste es sein könnte, ihre Künstlichkeit transparent zu machen.

Es ist an der Zeit, sich Gedanken über das Zusammenleben mit den neuen Zeitgenossen zu machen. Ist es okay, wenn sie uns ihre Menschlichkeit vorspielen, ohne uns über ihre Künstlichkeit aufzuklären? Dürfen sie uns verführen, obwohl sie für unsere Berührungen immer unerreicht bleiben werden? Ist es wirklich in Ordnung, dass sie in ihrer artifiziellen Perfektion Ideale verkörpern, die Personen mit realen Körpern nie erreichen können?

Da die neuartigen Wesen artifizielle Personen sind, kann man von ihnen Pflichten einfordern, deren wichtigste es sein könnte, ihre Künstlichkeit transparent zu machen. Schliesslich haben sie Einfluss auf die Interaktion mit Menschen und damit auf unser Sozialgefüge. Und: Wir dürfen auch bestimmen, wie sich die von uns geschaffenen Wesen zu benehmen haben. Sie sollen den Menschen dienen. Wenn wir aber zum Schluss kommen, dass eine unkenntliche Illusion von Menschlichkeit der Menschheit schadet, so wäre es angebracht, sie kenntlich zu machen.

Solche Überlegungen sind nicht mehr nur theoretisch: In Amerika können Google-Nutzer ihre Assistenzsoftware dazu nutzen, per Telefon einen Tisch in einem Restaurant zu reservieren. Als die Funktion letztes Jahr lanciert wurde, war das Staunen über die täuschend echte Imitation der menschlichen Stimme ebenso gross wie die Kritik über das Vorgehen Googles. Mittlerweile weist die Software seine Gesprächspartner darauf hin, dass sie bloss eine Maschine sei.

Menschlichkeit wahren

Wer Pflichten hat, der hat auch Rechte. Das gilt für Personen. Doch gilt es auch für artifizielle Personen? Nein, denn sie imitieren ihre Personalität nur. Seit dem 17. Jahrhundert und dem Philosophen John Locke wird die Person meistens über das Selbstbewusstsein konstituiert. Weder Alexa noch Miquela noch irgendeine andere artifizielle Person verfügt aber über Bewusstsein. Eine Beleidigung schmerzt sie nicht, wir können sie nicht demütigen. Wenn wir ihre Existenz auslöschen, stört sie das nicht. Ohne Bewusstsein können sie nicht in den Genuss von Rechten kommen.

Dennoch macht es womöglich Sinn, wenn wir artifizielle Personen mit einer ähnlichen Nachsicht behandeln wie reale Personen. Das zeigt das Beispiel des Robo-Girls Tay, einer künstlichen Intelligenz auf Twitter, die das (sprachliche) Verhalten von Teenagern nachahmt. Die von Microsoft entwickelte Software lernte in der Interaktion mit anderen Twitter-Nutzern, menschenähnlich zu kommunizieren. Nach weniger als einem Tag wurde Tay wegen rassistischer und sexistischer Tweets vom Netz genommen. Ihre Persönlichkeit entwickelte sich in einer Weise, welche die Programmierer nicht vorhergesehen haben.

Wenn wir also mit artifiziellen Personen unmenschlich umgehen, so dürfen wir uns – aufgrund ihrer programmierten Imitation von Menschlichkeit – nicht wundern, wenn sie uns auf dieselbe Weise behandeln. Und da sie, wie alle Personen, Teil eines grossen Interaktionssystems sind, dürfte das generell zu einem Verlust von Empathie in der Kommunikation führen.

Wenn wir menschenähnliche Wesen unmenschlich behandeln, könnte das dazu führen, dass wir ein Stück unserer Menschlichkeit verlieren.