Videospiel
Wenn Superhelden-Figuren lebendig werden

Super Mario und andere Helden gibts jetzt zum Anfassen. Als sogenannte Amiibos erwachen die Helden-Figürchen in Videospielen zu virtuellem Leben.

Marc BOdmer
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Superhelden als Amiibos

Superhelden als Amiibos

Nordwestschweiz

Ich will Super Mario!» – diesen Wunsch oder wohl eher Befehl dürften Eltern Ende November vermehrt zu hören bekommen. Dann stellt nämlich Nintendo handlich-hübsche Figürchen ihrer Helden in die Ladenregale. Doch die sogenannten Amiibos sind nicht normale Puppen, sondern solche, die in Videospielen zu virtuellem Leben erwachen.

Die Vorstellung, einer Puppe Leben einzuhauchen, ist nicht erst seit Pinocchio der Traum jedes Kindes. Beseelt wurden sie in der Vergangenheit in spielerischer Manier mit der Fantasie und bestanden fantastische Abenteuer. Getrieben von diesem kindlichen Wunsch machten sich die Entwickler des US-Game-Studios Toys for Bob ans Werk und kreierten die Skylanders, ein bunter Haufen kurioser Figuren mit unterschiedlichen Fähigkeiten. Diese kommen zur Geltung, wenn sie auf ein Portal gestellt werden, das mit der Spielkonsole verbunden ist.

Dank Near-Field-Communication-Technologie (NFC) wie man sie auch von modernen Zahlungsmitteln oder Skiliftanlagen zum Lesen der Tickets kennt, werden die kleinen Puppen ins Spielgeschehen auf dem Bildschirm katapultiert. Einmal im virtuellen Raum angekommen, können sie gesteuert werden wie andere Game-Figuren auch. Sämtliche Punkte und Verbesserungen, die vom Avatar im Abenteuer gesammelt werden, werden in der realen Puppe gespeichert. So kann diese zum Freund mitgenommen und dort mit der eigenen Figur weitergespielt werden, unabhängig davon, ob dieser die gleiche Spielkonsole besitzt oder nicht.

Eltern lieben die Figuren

Die geradezu geniale Spielidee schlug vor drei Jahren ein wie eine Bombe und bescherte dem Verleger Activision bis dato weit über zwei Milliarden Dollar Umsatz. Im Zeitalter der zunehmenden Virtualisierung bleibt eben das Bedürfnis nach Greifbarem bestehen und die Skylander-Puppen bedienten es auf geniale Weise.
Nur logisch, dass ein solcher Erfolg Nachahmer auf den Plan ruft. Im Herbst 2013 kopierte Disney das Spielprinzip und konnte den ersten richtigen Hit für das Haus der Maus verbuchen, das sich bisher schwertat mit der Umsetzung ihres cineastischen Fundus in Games. Die Figürchen aus Filmen wie «Monsters, Inc.» oder «The Pirates of the Caribbean» avancierten augenblicklich zu Bestsellern.

Kürzlich ist nun bereits die zweite Edition von Infinity erschienen. Spielbar werden darin die Superhelden des Comic-Verlags Marvel, den Disney vor fünf Jahren für 4,6 Milliarden Dollar gekauft hat. «Infinity 2.0» wirkt dynamischer als der Vorgänger. Das hat natürlich auch mit den bekannten Heldenfiguren wie Hulk, Captain America oder Ironman zu tun, deren Fähigkeiten in der Regel recht wuchtig ausfallen. Auch die Skylanders rüsten auf mit dem neusten Kapitel «Trap Team». Dafür wurden 60 neue Charaktere erschaffen, die es ab 15 Franken zu kaufen gibt – pro Figur, versteht sich.

Nun, wer kauft all die spassigen Figürchen? – Die Eltern. Manche tun dies, ohne zu wissen, dass es sich um ein Videospiel handelt, weil die Skylanders Spyro, Painyatta und Co. witzig und schön gemacht sind und den Sammeltrieb ansprechen. Gleiches gilt natürlich für Disneys Spider-Man, Thor und Co. Besonders Letztere sprechen auch ein «älteres» Publikum an wie Comic-Fans, die schon zuvor Action-Figuren ihrer Helden gesammelt und ausgestellt haben.

Diese Kultur des Sammelns und Ausstellens von sauber gefertigten, oft auch in limitierten Editionen erhältlichen Game-, Film- oder Comicfiguren hat in Japan Tradition. Deshalb erstaunt es, dass der japanische Videospiel-Hersteller Nintendo erst Ende November in das lukrative Geschäft einsteigen wird. Mit ein Grund dürfte eine Fehleinschätzung des Potenzials vonseiten Nintendos gewesen sein: So sollen Toys for Bob und Activision Nintendo ursprünglich eine Partnerschaft bei der Skylanders-Marke angeboten haben, doch die Japaner schlugen die Offerte damals aus.

Super Mario kämpft eigenständig

Mit Amiibo hat nun Nintendo seine eigene Figurenreihe lanciert, zu deren ersten Dutzend Super Mario, Yoshi und Pokémon Pikachu gehören werden. Doch während die Skylanders und Infinity-Helden stets vom Spieler gesteuert werden, kämpfen die Amiibos auch mal eigenständig, wenn sie vom NFC-Lesegerät im Wii-U-Controller erfasst wurden. Dies ermöglicht neue Spielvarianten auf den Nintendo-Plattformen, soll doch im kommenden Jahr auch die portable Konsole 3DS über eine Amiibo-Schnittstelle verfügen. So kann zum Beispiel ein Amiibo an der Seite einer vom Spieler kontrollierten Figur in «Super Smash Bros.» unterstützend ins Spielgeschehen eingreifen.

In einer Welt der zunehmenden Virtualisierung, in der die Sorge der Eltern wächst, dass vor lauter Bildschirmmedien den Kindern das haptische Erlebnis abhandenkommt, liefern ausgerechnet die Videospiele-Produzenten «Handgreifliches». Ältere Kinder werden den fein gearbeiteten Figürchen bestimmt Sorge tragen und sie Trophäen gleich ins Regal stellen. Es sind schliesslich ihre Helden, mit denen sie Abenteuer bestanden und deren Fähigkeiten sie verbessert haben. So real war das Virtuelle noch nie.