Polemik
Weder Fisch noch Vogel: Warum es das iPad gar nicht braucht

Apple hat in den letzten drei Monaten deutlich weniger iPads verkauft als in der gleichen Vorjahresperiode. Ist der Tablet-Hype bereits vorbei? Es wäre kein Rückschritt für unsere Zivilisation.

Thomas Schlittler
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Kein Unternehmen hat unser Leben im letzten Jahrzehnt so stark geprägt wie Apple. Viele Erfindungen des US-Konzerns veränderten unseren Alltag nachhaltig: Der iPod erleichterte Joggern das Leben und revolutionierte die Musikindustrie. Das MacBook setzte neue Massstäbe betreffend Kompaktheit und machte das Notebook transportfähig.

Und das iPhone . . . ja, was gibt es zum iPhone zu sagen? Es hat schlicht ein neues Zeitalter eingeleitet und unter anderem so kuriose Phänomene ausgelöst wie Phubbing (Angewohnheit, sich mit dem Smartphone zu beschäftigen, während man die Menschen, mit denen man gerade gesellschaftlich verkehrt, vernachlässigt).

Das iPad gehört definitiv nicht in diese Reihe grosser Erfindungen. Denn das iPad ist weder Fisch noch Vogel. Ein Cocktail aus MacBook und iPhone - dessen Zutaten durch die Vermischung an Geschmack verlieren. Apple hat es geschafft, die Konsumenten glauben zu machen, dass das iPad eine wichtige Lücke schliesse zwischen Computer und Smartphone. In Wirklichkeit existiert diese Lücke aber gar nicht.

Wer sich kurz und knapp informieren will, kann das auch mit dem iPhone tun. Auch der Terminkalender lässt sich mit dem Smartphone problemlos koordinieren. Für komplexere Arbeiten wiederum eignet sich das iPad nicht. Tablets können den Computer bei zahlreichen gebräuchlichen PC-Aufgaben nicht ersetzen. Das weiss jeder, der gerne mit mehreren Programmfenstern parallel arbeitet oder viel mit Kopieren und Ausschneiden beschäftigt ist.

Es scheint, als ob diese Erkenntnis bei immer mehr Konsumenten reift. Von Januar bis März 2014 hat Apple 16 Prozent weniger iPads verkauft als in der gleichen Vorjahresperiode. Statt 19,5 Millionen waren es nur noch 16,4 Millionen. Trotz dieser Zahlen ist es aber natürlich zu früh und übertrieben, das iPad bereits abzuschreiben. Die Euphorie ist aber erst mal weg.

Apple-CEO Tim Cook sieht das naturgemäss anders. Er sagte gestern, dass die enttäuschende Absatzentwicklung auf die rasche Marktakzeptanz der iPads zurückzuführen sei. In vier Jahren wurden 210 Millionen iPads verkauft. Vom iPhone wurden in den ersten vier Jahren seit dem Marktstart etwa halb so viele Exemplare abgesetzt.

Dieser Erklärung zum Trotz: Der Apple-Chef wird in den nächsten Wochen die Frage beantworten müssen, ob nicht Smartphones Tablets ersetzen. Denn die Smartphones der Apple-Konkurrenz haben tendenziell immer grössere Bildschirme. Die angebliche Lücke für Smartphones wird deshalb noch kleiner. Selbst der bekannte Apple-Blogger John Gruber schreibt: «Vielleicht haben wir die Rolle von Tablets überschätzt, und die von Telefonen unterschätzt.» Oder anders gesagt: Das iPad ist ein Zwitter, den es nicht braucht.

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