Internetkriminalität

Maus hoch, Kohle her! – Die Hacker-Gauner sind mit fiesen Erpressungs-Softwares zurück

Die Gefahr durch Erpressungs-Trojaner schien bereits gebannt, seit einiger Zeit erleben sie jedoch eine Renaissance. Vor allem kleine Betriebe geraten ins Fadenkreuz.

Fabian Hock
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Trojaner-Software

Trojaner-Software

Keystone

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen morgens am Schreibtisch, nehmen einen Schluck aus dem Kaffeebecher und schalten Ihren Laptop ein – doch statt Ihrer Katze auf dem Hintergrundbild begrüsst Sie Adolf Hitler mit ausgestrecktem Arm. Darunter finden Sie eine Nachricht: «Hier ist die Hitler-Erpresser-Software. Ihre Dateien wurden verschlüsselt.» Der virtuelle Adolf bietet Ihnen ein Geschäft an: Gegen eine Lösegeldzahlung werden die Dateien wieder entschlüsselt und der Spuk ist vorbei. Eine gruselige Vorstellung.

Illustration: Marco Tancredi

Der Hitler-Trojaner ist einer der skurrilsten und zugleich geschmacklosesten Erpressungstrojaner, die derzeit zu Hunderten im Umlauf sind. Dabei zählt er noch zu den harmloseren Vertretern. Weitaus schlimmere Trojaner suchen Privat- und Geschäfts-Computer weltweit heim. Auch die Schweiz gerät zunehmend ins Visier. Die Bedrohungslage sei hoch, sagen die Sicherheits-Experten der IT-Stiftung Switch.

Tipps gegen Ransomware: So schützen Sie sich

Die IT-Stiftung Switch rät zu drei Massnahmen, die jeder private Internetnutzer und jede Firma zum Schutz vor Ransomware präventiv ergreifen sollte:

- Erstellen Sie regelmässig eine Sicherungskopie (Back-up) Ihrer Daten. Die Sicherungskopie sollte offline, das heisst auf einem externen Medium wie beispielsweise einer externen Festplatte, gespeichert werden. Stellen Sie daher sicher, dass Sie das Medium, auf welches Sie die Sicherungskopie erstellen, nach dem Back-up-Vorgang vom Computer trennen. Ansonsten werden bei einem Befall durch Ransomware möglicherweise auch die Daten auf dem Back-up-Medium verschlüsselt und unbrauchbar.

- Seien Sie vorsichtig bei E-Mails. Öffnen Sie keine E-Mail-Anhänge, die Sie unerwartet bekommen oder dessen Absender Sie nicht kennen. Klicken Sie auf keine Links.

- Halten Sie installierte Software und Plug-ins immer aktuell. Stellen Sie sicher, dass sämtliche installierte Software, Apps sowie auch Web-Browser Plug-ins (Beispielsweise Flash Player, Java) stets auf dem aktuellen Stand sind. Verwenden Sie, wenn immer möglich, die automatische Update-Funktion der jeweiligen Software.

Und wenn es doch mal passiert? Wenn sich ein Verschlüsselungstrojaner im PC eingenistet hat und Geld gefordert wird? Die Melde- und Analysestelle Informationssicherung (Melani) empfiehlt, das geforderte Geld nicht zu bezahlen, da damit noch nicht sichergestellt ist, dass man den Zugriff auf die Daten dann auch tatsächlich erhält. Hinzu kommt, dass mit einer Bezahlung die Angreifer wiederum finanzielle Mittel erhalten, um ihre Infrastruktur auszubauen. (FHO)

Wer nistet in meinem Computer?

Zuerst stellt sich die Frage, womit wir es hier eigentlich zu tun haben. Die sogenannten Erpressungstrojaner (englisch: Ransomware), gelangen auf herkömmliche Wege in den Computer, etwa im Anhang einer Email. Wird dieser geöffnet, steht dem Trojaner der Weg ins eigene System offen. Dort nistet er sich ein. Unbemerkt hockt er da und fängt nicht etwa an, irgendwas kaputtzumachen. Die Zeiten, in denen Hacker plumpen Cyber-Vandalismus betrieben, sind vorbei. Heute haben sie ganz anderes im Sinn.

Sitzt die Erpressersoftware erstmal im Computer des Opfers, beginnt sie, Dateien zu verschlüsseln. Nicht alle auf einmal, sondern peu à peu. Still und leise, im Hintergrund. So kriegt das Opfer gar nichts davon mit. Wenn der Trojaner sein Werk vollendet hat, schickt der Hacker eine Nachricht. Das Opfer soll einen Geldbetrag überweisen, dann bekommt es – wenn es Glück hat – die Daten wieder zurück. Meist werden Bitcoins gefordert. Die Internetwährung hinterlässt keine Spuren, die zum Erpresser führen könnten. «Die grosse Masse machen durchschnittliche Haushalte aus, wobei aktuell 1-2 Bitcoins (600-1200 Franken) verlangt werden», teilt Switch mit. Jedoch: «In Einzelfällen werden 5-6-stellige Beträge verlangt.»

200 Millionen Dollar verdient

Der Hacker von heute schickt also keine virtuellen Schlägertrupps mehr los, die auf der Festplatte alles kurz und klein hauen. Stattdessen wurde ein Geschäftsmodell entwickelt. Das ist das Gefährliche daran — und der Grund für die Renaissance der Erpressersoftware.
Letztere ist in vollem Gange. Die Kantonspolizei Aargau etwa teilt auf Anfrage mit, «dass in jüngster Zeit vermehrt solche sogenannte Ransomware im Umlauf ist». Betroffen seien «einerseits Privatpersonen, die im wahllosen Massenversand verbreitete E-Mails erhalten». Andererseits seien im Kanton Fälle bekannt, «bei denen Unternehmungen mit Ransomware gezielt angegriffen und teilweise auch geschädigt wurden». Aus Solothurn heisst es: «Aktuell stellt die Kantonspolizei gegenüber den Vorjahren eine Zunahme der Gefahren für private Internetnutzer und KMU durch Verschlüsselungstrojaner fest.»

Eine Küche voller schutzloser Soldaten

Zwei US-Sicherheitsforscher haben es bereits vorgemacht: Auf der Hackerkonferenz DefCon in Las Vegas im Sommer zeigten sie erstmals, welche Gefahren ganz konkret im Haus der Zukunft lauern. Dieses ist nämlich vollgepackt mit vernetzten Geräten — und bietet so jede Menge Angriffspunkte. Andrew Tierney und Ken Munro nahmen sich den Thermostaten vor. Sie fanden eine Sicherheitslücke in einem bestimmten Modell und infizierten ihn mit einem Trojaner. Hätten sie wirklich Böses im Schild geführt, könnte die Drohung etwa so lauten: Bezahle einen Betrag X, sonst stellen wir dir die Heizung ab.

Die Gefahr, die vom vernetzten Haushalt ausgeht, kommt dabei gleich von zwei Seiten. Denn die vielen vernetzten und oftmals schutzlosen Haushaltgeräte dienen nicht nur als Ziel für Angriffe. Sie können auch als Waffe eingesetzt werden. Auch hier gibt es bereits ein praktisches Beispiel. Vor einigen Wochen kaperten Hacker unzählige vernetzte Geräte, die über kaum nennenswerten Schutz verfügten und deshalb leicht zu infizieren waren, und setzten sie für einen Angriff auf die Website des Journalisten Brian Krebs ein.

Internet der Dinge ist anfällig

Dass Hacker eine Armee aus Toastern, Kühlschränken und allerlei anderem vernetzten Gerät rekrutieren und den Angriff befehlen, ist alles andere als abwegig. Während Computer und Firmennetzwerke zumindest teilweise über guten Schutz verfügen, kommen Geräte aus dem Internet der Dinge in Sachen Sicherheit oftmals recht nackt daher. Die Sicherheitsexperten der IT-Stiftung Switch erklären dazu auf Anfrage: «Das Internet der Dinge ist generell gegen Malware sehr anfällig und kann für Angriffe missbraucht werden.» Und der IT-Sicherheitsexperte Matthias Borchardt von der Beratungsfirma KPMG nimmt die Firmen in die Pflicht: Er fordert Hersteller von vernetzten Geräten auf, bereits bei der Produktion auf das Thema Sicherheit besonderen Wert zu legen — und zwar nicht nur physisch, sondern auch bei der Software. (siehe Interview unten)

Dass dies schnell geschehen muss, zeigt die Tatsache, dass die Schweiz in Sachen Infrastruktur für das Internet der Dinge relativ rasch vorwärtsmacht. Im März hatte die Swisscom den Aufbau eines eigenen, schweizweiten Netzes für Geräte und Maschinen angekündigt. Dieser Tage verkündet das Unternehmen: «Mittlerweile sind bereits 75 Prozent der Schweizer Bevölkerung mit dem ergänzenden Netz für das Internet der Dinge versorgt.»

Kommt die Aufrüstung bei der Sicherheit zu langsam, dann wundern Sie sich nicht, wenn Ihr Toaster bald Geld verlangt, dass er das Brot nicht anbrennen lässt. Oder der Staubsauger nur gegen Bezahlung die Wohnung nicht wieder dreckig macht.

Über genaue Zahlen verfügen die Behörden nicht. Die zuständige Melde- und Analysestelle Informationssicherung (Melani) erklärt: «Da in der Schweiz keine Meldepflicht besteht, verfügt Melani über keine Zahlen bezüglich Erpressungsversuchen. Wir gehen jedoch davon aus, dass die Anzahl der Opfer stark zugenommen hat und die Tendenz weiter steigen wird.» Wie lukrativ das Geschäft für die Cyberkriminellen ist, zeigt eine Zusammenstellung des US-Softwareunternehmens Landesk. Demnach wurden Hackern in diesem Jahr bereits mehr als 200 Millionen Dollar Lösegeld bezahlt. Das perfide: Sie beschränken sich nicht auf Firmen und Privatnutzer. Angriffe werden auch auf Einrichtungen wie Krankenhäuser verübt.

Da Patientendaten hochbrisante Ware ist, fordern Kriminelle wesentlich mehr Geld, wie Anfang Jahr bei mehreren Krankenhäusern im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen geschehen.
Den angefragten Polizeistellen der Kantone seien derartige Fälle in der Schweiz nicht bekannt, liessen sie wissen. Fragt man bei den IT-Experten von Switch nach, ob es Fälle gab, in denen hiesige Behörden oder Krankenhäuser angegriffen wurden, lautet die Antwort: «Es sind uns Fälle in verschiedenen Sektoren bekannt.» Und bei MELANI heisst es geheimniskrämerisch: Man erteile keine Auskünfte «ob und falls ja, welche Einrichtungen oder Firmen Opfer einer Cyber Attacke geworden sind».

Während in der Schweiz keine offiziellen Zahlen existieren, zeigt ein Blick nach Deutschland die Dimension: Laut dem dortigen Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) gab im Zuge einer Umfrage ein Drittel der Firmen an, in den letzten sechs Monaten von Ransomware betroffen gewesen zu sein. Die Auswirkungen reichten von einigen einzelnen befallenen Arbeitsplatzrechnern bis zum Verlust von Firmendaten. In jedem fünften betroffenen Unternehmen kam es zu einem erheblichen Ausfall von Teilen der IT-Infrastruktur.
Behördenchef Arne Schönbohm erklärt dazu: «Die Ergebnisse der BSI-Umfrage machen deutlich, wie verwundbar viele Unternehmen in Deutschland für Cyber-Angriffe sind.» Es gibt keinen Grund anzunehmen, warum das hierzulande anders sein sollte.

Matthias Bossardt ist Leiter Cyber Security bei der Beratungsfirma KPMG.

Matthias Bossardt ist Leiter Cyber Security bei der Beratungsfirma KPMG.

Daniel Hager Photography

IT-Sicherheitsexperte: «Kleine Firmen sind für die Kriminellen spannende Ziele»

Herr Bossardt, wie gross ist aktuell die Bedrohung durch Internetkriminalität für Firmen?

Matthias Bossardt: Cyberkriminalität nimmt insgesamt zu. In unserer letzten Studie gaben 50 Prozent der befragten Firmen an, betroffen zu sein. Bei 44 Prozent kam es wegen Cyberattacken zu Geschäftsausfällen.

Welche Rolle spielen Erpressungstrojaner dabei?

Es gibt einen starken Anstieg dieser sogenannten Ransomware. Waren vor zwei bis drei Jahren vor allem private Nutzer betroffen, geraten heute zunehmend Firmen ins Visier. Besonders kleine und mittelgrosse Unternehmen sind für die Kriminellen spannende Ziele.

Warum gerade die KMU?

KMU betrachten sich oftmals nicht als potenzielles Opfer und sind deshalb leichter anzugreifen.

Was können kleinere Unternehmen tun, um sich zu schützen?

Sie sollten ihre Mitarbeiter sensibilisieren und zu einem kritischen Verhalten im Umgang mit E-Mails und dem Umgang mit dem Internet im Allgemeinen anhalten. Ferner sollten sie ihre Systeme auf dem neusten Stand halten – übrigens auch die mobilen Systeme, denn vermehrt werden auch Smartphones angegriffen. Ebenfalls müssen sie sicherstellen, dass aktuelle Back-ups erstellt werden. Und sie sollten genau wissen, welche kritischen Daten sie besonders gut schützen müssen. Es lohnt sich auch, regelmässig die Empfehlungen von der Melde- und Analysestelle Informationssicherung (Melani) zu konsultieren.

Ist die Schweiz gewappnet gegen die aktuellen Cyberattacken?

Wir sind nicht besonders gut gewappnet. Andere Länder – etwa England und die USA – sind aktiver, insbesondere hinsichtlich der Zusammenarbeit zwischen der Verwaltung und der Privatwirtschaft.

Bräuchte es eine Meldepflicht für Erpressungsversuche im Internet?

Was man nicht misst, kann man nicht managen. Wenn wir das Cyberrisiko bekämpfen wollen, müssen wir dieses besser verstehen. Ohne einer überbordenden Bürokratie Vorschub leisten zu wollen, erscheint die Einrichtung einer zentralen Meldestelle für Cyberangriffe prüfenswert.

Im Kommen ist das Internet der Dinge, also die Vernetzung von Geräten und Maschinen. Entstehen hier neue Angriffspunkte für Erpressungsversuche? Etwa dass der Kühlschrank nicht mehr aufgeht und das Auto nur noch gegen Lösegeld startet?

Die Sicherheit im Internet der Dinge ist ein ganz grosses Thema, welches uns in nächster Zeit noch stark beschäftigen wird – und auch schon heute tut. Um den Kühlschrank mache ich mir dabei am wenigsten Sorgen. Internet der Dinge bedeutet ja auch: Steuerung von Industrieanlagen, Gebäuden, Fahrzeugen oder auch Kraftwerken. Angreifer können Fahrstühle lahmlegen, Zutritt zu Gebäuden ermöglichen oder verhindern, Hochöfen zerstören oder die Sicherheit von Fahrzeugen gefährden. Oder im eigenen Zuhause die Überwachungskamera auch mal gegen Sie verwenden.

Es bleibt also nicht im virtuellen Raum.

Die möglichen Schäden sind sehr real: Wird zum Beispiel ein vernetzter Herzschrittmacher, ein Transportmittel oder eine Industrieanlage gehackt, kann es sogar lebensbedrohlich werden.

Wie kann so etwas künftig verhindert werden?

Die Hersteller von vernetzten Produkten für das Internet der Dinge müssen das Thema Sicherheit unbedingt in ihren Entwicklungsprozess miteinbeziehen. Tun sie das nicht, können ihre Produkte grossen Schaden anrichten, bis hin zur Gefährdung von Menschenleben.