Digital
Im Café, auf der Strasse, im Migros: Wie das Internet die Computer verlässt

Bald wird das Internet überall sein. Die Virtualität des Webs und die Realität der Welt verschmelzen zur Mixed Reality. Auch die Grenze zwischen digital und physikalisch wird verschwinden.

Raffael Schuppisser
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Wer gerne durchs Internet flaniert, wird die Zukunft lieben. Denn wer in der Zukunft durch eine Stadt schlendert, wird das Gefühl haben, er spaziere durchs Web. Das Internet wird aus seinen kanalisierten Bahnen der Breitbandleitungen ausbrechen und die begrenzenden Rahmen der Bildschirme überfluten. Das Netz wird bald überall sein. Es wird uns umgeben. Und uns überall in unserem Alltag begegnen: ob wir ein Café betreten, die Strasse überqueren oder einkaufen gehen.

Zuerst wird sich diese Entwicklung beim Shoppen zeigen. Die Mechanismen, die Amazon und Co. in ihren Online-Versandhäusern entwickelt haben, werden bald auch in den Verkaufshäusern der Städte anzutreffen sein. Bevor wir ein Geschäft betreten, werden uns personalisierte Empfehlungen auf unser Handy geschickt, die uns hineinlocken sollen. Dort erwartet uns ein Verkäufer, der nach einem kurzen Blick auf sein Tablet uns mit unserem Namen begrüsst und weiss, was wir bisher in diesem Geschäft gekauft haben und welche Produkte des neuen Sortiments uns besonders gefallen könnten.

Wie der Supermarkt der Zukunft aussehen könnte, zeigt derzeit das Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz in Karlsruhe an der IT-Messe Cebit in Hannover. Suchen Kunden ein bestimmtes Produkt, können sie sich mit dem Smartphone zu ihm navigieren lassen. Wollen Allergiker wissen, ob sie ein bestimmtes Müsli vertragen, brauchen sie bloss die Kamera ihres Mobiltelefons darauf zu richten und schon werden ihnen die Information auf dem Display angezeigt.

In den letzten Jahren haben die lokalen Geschäfte gegenüber dem globalen Online-Versandhandel an Terrain verloren. Doch nun werden sie sich mit neuen Technologien ausrüsten und zurückschlagen. Davon ist IBM überzeugt und bezeichnet das smarte Shoppen in lokalen Geschäften als einen der fünf wichtigsten Technik-Trends der nächsten fünf Jahre. Denn hier verschmelzen die Vorteile von realen Läden mit jenen des Internets: Man kann Produkte anfassen, Kleider anprobieren und sieht gleichzeitig auf dem Smartphone, welche davon Freunde von uns gekauft und «geliked» haben.

In Geschäften, in denen das GPS-Signal nicht funktioniert, bieten Technologien wie NFC (Near Field Communication) und Bluetooth dem Smartphone Orientierung. Kleine Module, sogenannte Beacons (Leuchtfeuer), lassen sich an bestimmten Positionen in Shops anbringen. Sobald sich ein Handy in der Nähe befindet, fängt es das Signal auf und transportiert die Information zu einem Sortiment oder einem einzelnen Produkt auf das Display.

Das Verkaufspersonal indes kann so das Verhalten der Kunden analysieren: Welchen Weg hat einer durch das Geschäft genommen? Bei welchen Regalen ist er wie lange stehen geblieben? Und was hat er am Schluss tatsächlich gekauft? Genau diese Analyse hat Amazon so reich gemacht. Jetzt werden auch lokale Geschäfte im Netz davon profitieren können. Durch die Ausbreitung des Netzes. Die Virtualität des Netzes und die Realität der Umgebung werden sich überlagern und zu einem einzigen Raum zusammenwachsen – zu einem cyberphysischen System.

«Die Grenze zwischen Digitalem und Physischem wird immer weiter schwinden», sagt Jack Ramsay, der für das Beratungsunternehmen Accenture die technischen Visionen der Zukunft skizziert. Eingeleitet wird dieser Trend vom Smartphone, das anders als der Laptop ständig eingeschaltet ist und dank einer Vielzahl von Sensoren die Umgebung wahrnimmt. «Das Smartphone macht den grossen Unterschied», sagt Ramsay.

Um die Jahrtausendwende standen die Zeichen auf virtuelle Realität. Den Menschen der Zukunft stellte man sich in einem Sessel liegend oder sitzend vor: Der Geist agiert fernab wie im Film «The Matrix» in einer Parallelwelt – in der virtuellen Realität eben –, während der Körper verkümmert. Die Computerwelt «Second Life» und das Online-Rollenspiel «World of Warcraft», in die viele Menschen eintauchten und einige gar nicht mehr auftauchen wollten, waren die Vorboten dieser Zukunftsvision.

Die virtuelle Realität ist die Umkehrung der Realität und damit ihre Antithese. Sie stellt sich als falsche Zukunftsvision heraus. Viel wahrscheinlicher ist eine Synthese von Virtualität und Realität zur erweiterten Realität. Augmented Reality oder Mixed Reality nennt man das im Englischen.

Die Realität ist uns viel zu wichtig, als dass wir uns vor ihr verschliessen wollten. Hier erfahren wir unsere Körperlichkeit. Und Körper faszinieren uns nun einmal – nicht nur beim Sex, auch beim Sport. Wir bewundern einen wie Iouri Podladtchikov, der mit seinem Snowboard fünf Meter aus der Halfpipe herausspringt und dabei durch die Luft wirbelt, als gäbe es keine Schwerkraft. Nicht halb so gern würden wir ihm zuschauen, wenn es sich beim Snowboarder nur um eine virtuelle Marionette handeln würde, die mit dem Joystick respektive mit Gedankenkraft vom Sessel aus gesteuert wird.

In der erweiterten Realität haben jedoch Körper und digitale Informationen Platz. So gibt es beispielsweise eine Snowboard-Brille von Oakley, die in einem kleinen Display am unteren Brillenrand dem Sportler Angaben wie Geschwindigkeit, Höhenmeter oder auch eine Karte des Skigebiets anzeigt. Wer durch die Brille schaut, blickt nicht mehr bloss auf die Realität, sondern auf die – durch digitale Informationen – erweiterte Realität. Bekanntlich entwickelt auch Google eine Datenbrille, die noch dieses Jahr offiziell auf den Markt kommen soll. Dem Träger werden nützliche Informationen wie etwa der Weg zur nächsten Busstation oder der aktuelle Fahrplan direkt ins Sichtfeld eingeblendet.

So wie uns im Internet ein Link zur nächsten Website führt, navigiert uns die Brille zum nächsten Point of Interest. Und so wie im Internet farbige Werbebanner um unser Interesse buhlen, die nur für uns kreiert wurden und sich nach unseren persönlichen Neigungen richten, könnten wir in einer nicht allzu fernen Zukunft auch in der realen Welt auf blanke Reklametafel stossen, die ihre Werbebotschaft erst dann erhalten, wenn wir sie durch unsere persönliche Brille betrachten. Die Brille lässt uns Dinge sehen, die eigentlich gar nicht da sind. Die Überlagerung von Realität und Virtualität ist damit perfekt; die Datenbrille wird den nächsten grossen Unterschied ausmachen.

Mithilfe der Videogame-Brille Oculus Rift hat beispielsweise Will Steptoe vom University College London ein System entwickelt, das virtuelle Avatare direkt in die Realität einblenden kann. Videogame-Figuren könnten einen also in Zukunft im eigenen Wohnzimmer besuchen und zum Kampf auffordern. Und irgendwann wäre es denkbar, dass wir, wenn wir einen Menschen anrufen, ihn nicht nur hören und auf dem Display in der Brille sehen, sondern ihn einfach in unser Sichtfeld projizieren.

Doch auch die Personalisierungsmechanismen, die im Netz dafür sorgen, dass sich eine Website unseren persönlichen Vorlieben anpasst, werden uns in Zukunft überall begegnen. Das könnte sehr weit gehen: Ein Haus beispielsweise könnte seine Fassade verändern – je nachdem welcher Brillenträger es anschaut. Die Brille, durch die wir blicken, verändert unsere Wahrnehmung auf die Welt dann buchstäblich. Und Leben werden wir dann nicht mehr in der Realität, sondern eben in der Mixed Reality.