Essay
Das Internet wird manipuliert. Sollen wir wieder offline gehen?

Das Internet wird überwacht und manipuliert. «Analoganer» sehen nur einen Ausweg: Offline gehen.

Raffael Schuppisser
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Zurück zur Schreibmaschine: Ist das wirklich die einzige Möglichkeit, um sich vor den IT-Konzernen und den Geheimdiensten zu verstecken?

Zurück zur Schreibmaschine: Ist das wirklich die einzige Möglichkeit, um sich vor den IT-Konzernen und den Geheimdiensten zu verstecken?

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Alles so schön smart hier. Die Zahnbürste sagt mir, dass ich meine Zähne zu 100 Prozent sauber geputzt habe. Der Fernseher weiss, was ich mir heute Abend anschauen möchte. Und das Tennisracket teilt mir mit, dass sich meine Rückhand um drei Qualitätspunkte verbessert hat. Es teilt den Erfolg automatisch auf Facebook. «Gefällt mir», drücken meine Freunde. Bequem lehne ich mich zurück.
Gegenstände sind nicht mehr einfach Gegenstände, sondern smarte Gadgets.

Was mit dem Mobiltelefon begann – das sich zum Smartphone entwickelte –, hat längst auch die Fernseher und Kameras erreicht und setzt sich nun bei Objekten fort, die bis dato frei von Digitalem waren: etwa Zahnbürsten und Tennisrackets. Von aussen sehen wir diesen Gegenständen gar nicht an, dass sie einen digitalen Kern haben. Ihre «Intelligenz» zeigt sich erst im Gebrauch, wenn sie mit uns kommunizieren und sich untereinander zum «Internet der Dinge» vernetzen. So entsteht eine Sphäre des Digitalen, die uns allmählich komplett einhüllt. Eine Grenze zwischen dem, was wir «analog», und dem, was wir «digital» nennen, ist immer schwieriger zu ziehen.

Smarte Macht und Manipulation

Diese Digitalisierung des Analogen hat eben erst begonnen. Dadurch werden Internetriesen wie Google noch einflussreicher, und so wie die Geräte smart sind, die sie entwickeln, so ist es auch die Macht, die von ihnen ausgeht. Die «smarte Macht», wie sie der deutsch-südkoreanische Philosoph Byung-Chul Han in seinem neuen Buch «Psychopolitik» beschreibt, ist eine Machttechnik, die nicht verbietet, sondern verführt. «Sie erlegt uns kein Schweigen auf. Vielmehr fordert sie uns permanent dazu auf, mitzuteilen, zu teilen, teilzunehmen, unsere Meinungen, Bedürfnisse, Wünsche und Vorlieben zu kommunizieren und unser Leben zu erzählen.» Um die Menschen zu observieren, braucht es keinen Telescreen mehr wie in George Orwells «1984», um sie zum Reden zu bringen, keine Beugehaft. Die «Nutzer» entblössen sich freiwillig, und zwar bis in die tief verborgenen Winkel ihrer Psyche. «Smartphone ersetzt Folterkammer. Big Brother macht nun ein freundliches Gesicht», hält Byung-Chul Han fest.

Diesen neuen Big Brother hat wohl keiner besser beschrieben als der amerikanische Schriftsteller Dave Eggers in seinem neusten Roman «The Circle». Dieser handelt vom gleichnamigen fiktiven IT-Konzern, der die Geschäftsfelder von Google, Apple, Facebook und Twitter geschluckt hat. Das öffentliche Gesicht dieses Konzerns ist der Co-Chef Eamon Bailey, ein Mann vom Typ «geliebter Onkel», der dauernd lächelt, und mit seiner zuvorkommenden Art überzeugend darlegt, warum wir uns ständig mitteilen sollen.

«Teilen ist heilen», lautet einer seiner griffigen Slogans. Wer Wissen für sich behält, handelt in einer Welt, in der alle mit allen vernetzt sind, egoistisch – und macht sich damit gleichsam verdächtig. Wenn alle alles ständig kommunizieren, ist nicht kommunizieren – ein Geheimnis wahren also – bereits eine Lüge. Um ihre Integrität zu beweisen, verzichten Politiker auf ihre Privatsphäre und hängen sich eine Kamera mit einem Mikrofon um den Hals. Natürlich tun sie das freiwillig, niemand verpflichtet sie dazu. Die Sache ist nur: Bald werden nur noch Politiker gewählt, die transparent geworden sind; den andern wird misstraut.

Doch auch die Bürger werden gläsern. Sie tragen smarte Armbänder, die den Blutdruck überwachen, Herzschläge zählen, Temperaturwerte aufzeichnen und den Kalorienverbrauch analysieren. Der Körper, eines der komplexesten analogen Systeme, wird vermessen, mit exakten Gesundheitswerten indexiert, und damit in die digitale Sphäre überführt. Und so wie der Körper quantifiziert wird, so auch der Geist. Was wir suchen, teilen, liken, posten, wird ausgewertet. Unsere Wünsche, Bedürfnisse, Ängste und Vorlieben lassen sich so erkennen und gleichsam manipulieren. Facebook und Google bestimmen, was wir von der digitalen Sphäre sehen – welche Links und Likes zu uns vorstossen und welche abgeblockt werden. Und was wir wahrnehmen, beeinflusst, was wir wollen, was wir tun und wer wir sind.
Das wird bereits heute gemacht: Es sind mindestens zwei wissenschaftliche Experimente bekannt, in denen Forscher die Facebook-Nutzer erfolgreich manipuliert haben – bei einem ging es um die Stimmabgabe zur US-Präsidentenwahl. Die Demokratie steht auf wackligen Beinen. Durch die Snwoden-Enthüllungen wurde bekannt, dass der britische Geheimdienst Tools entwickelt hat, um Internet-Nutzer zu manipulieren und Abstimmungen zu fälschen.

Analog ist das neue Bio

Wie entzieht man sich dieser permanenten Quantifizierung, Observation und Manipulation? Eine radikale Methode beschreibt der deutsche Autor und Journalist Christian Schwägerl in seinem Buch «Die analoge Revolution», in dem sich fiktive Zukunftsszenarien mit wissenschaftlichen Erläuterungen abwechseln. So wie sich heute Menschen gegen die ausbeuterischen Auswüchse der Globalisierung und gegen die grausame Massentierhaltung auflehnen, indem sie Vegetarier werden und bei Biobauern einkaufen, werden sie sich künftig wieder analogen Geräten zuwenden, um sich der Digitalisierung zu entziehen. «Analog ist das neue Bio!», lautet die Losung der Bewegung.

Analog-Klubs entstehen, in denen Menschen gemeinsam Do-it-yourself-Bücher aus der vordigitalen Zeit lesen. Die «Analogen» ersetzten ihre smarten Gadgets durch Schreibmaschinen und Briefpapier und treffen sich wieder zu persönlichen Gesprächen. Schwägerl beschreibt sogar die Untergruppen, die sich bilden: Die «Analoganer» schwören jedem digitalen Medium komplett ab, was bei vielen dazu führt, dass sie ihren Job verlieren. Die «Analogitarier» erlauben ein Minimum an digitalen Geräten während der Arbeit, üben aber privat totalen Verzicht. Und die «Flexanaloger» machen sich zur Gewohnheit, wenigstens jeweils halbe Tage oder auch ganze Wochen offline zu verbringen. Google, Facebook und Co. erleiden ob dieser Entwicklung Milliarden-Einbussen.

Datenautonomie und Entstöpselung

Um sich im Markt halten zu können, bleibt den grossen IT-Firmen nichts anderes übrig, als sich der Ängste der «Analogen» anzunehmen. Google wird demokratisch organisiert, jeder kann mitbestimmen, «welche Werte und Ziele in die Algorithmen einfliessen, mit denen die (...) Datenschätze strukturiert und aufbereitet werden». Datenautonomie wird zum obersten Gebot. Jeder Mensch kann sich mithilfe von Quantenverschlüsselung oder durch «simple Entstöpselung» unsichtbar machen. Neue digitale Techniken entwickeln sich aus der analogen Revolution.

Das ist natürlich utopisch. Aber dennoch ist diese Zukunftsvision sehr wertvoll – selbst wenn sie am Schluss ins Esoterische abdriftet. Dystopische Science-Fiction kennen wir zur Genüge. Punkto Überwachungstechnik wurde Orwells «1984» von der Realität eingeholt, und dem freundlichen Big Brother von Dave Eggers fallen wir gerade anheim. Umso wichtiger ist es deshalb – im Modus des Fiktionalen –, eine neue Perspektive auf die Technik zu finden. Visionen sind gefragt, in denen Technik nicht zur Überwachung missbraucht wird, sondern dem Menschen hilft.