Virtual Reality

Diese Brille verwandelt das Wohnzimmer in ein Spielerparadies

Virtual Reality war lange ein Versprechen für die Zukunft. Mit der Playstation VR ist nun die erste Brille für den Massenmarkt da. Wir haben sie uns aufgesetzt – und gestaunt.

Raffael Schuppisser
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Spieler sollen mit der Brille Playstation VR in virtuelle Welten eintauchen können. Die Branche erwartet, dass der Markt für solche Geräte und Anwendungen bald durchstarten wird und erhoffen sich kräftige Umsätze.

Spieler sollen mit der Brille Playstation VR in virtuelle Welten eintauchen können. Die Branche erwartet, dass der Markt für solche Geräte und Anwendungen bald durchstarten wird und erhoffen sich kräftige Umsätze.

KEYSTONE/AP/EUGENE HOSHIKO

Als mich Frank in einem Pub in London instruiert, wie der bevorstehende Diamantenraub ablaufen soll, greife ich nach der Zigarre und dem Feuerzeug auf dem Tisch. Ich zünde sie und ziehe kräftig dran. Im Rachen glaube ich, ein Kratzen zu spüren, und muss husten. Dabei ziehe ich gar keinen Rauch in mich hinein. Die Zigarre gibt es bloss virtuell, dennoch fühlt sich das Rauchen gerade sonderbar real an. Mein Hirn spielt mir einen Streich.
Es ist nicht das erste Mal, dass ich darüber staune, welche Wirkung Virtual Reality (VR) auf mich hat.

«Ich habe die Zukunft des Videospiels gesehen», schrieb ich, als ich vor zweieinhalb Jahren an der Game-Messe E3 in Los Angeles zum ersten Mal eine VR-Brille aufgesetzt bekommen habe. Diese Woche ist die Zukunft bei mir eingezogen. Mit der Playstation VR ist das erste Headset da, welches sich an ein Massenpublikum richtet.

Wuchtig aber nicht unbequem

Die bisher erschienenen Systeme von HTC und Oculus, einem von Facebook aufgekauften Start-up, kosten bis zu 1000 Franken und setzten einen noch teureren Computer voraus. Das Playstation-VR-Headset ist jedoch mit 479 Franken vergleichsweise günstig. Damit wird VR erschwinglich – zumindest für alle, die bereits eine Playstation 4 besitzen. Daran wird das VR-Headset angeschlossen, was garantiert in einem Kabelsalat enden wird. Denn das ganze System besteht aus sechs Komponenten: Playstation 4, Kamera, VR-Prozessor, Headset und Kopfhörer. Und alle werden per Kabel miteinander verbunden. Das Wireless-Zeitalter ist definitiv noch nicht da.

Man merkt, dass das System nicht von Grund auf als Einheit konzipiert wurde. So kommen etwa als Tracking-Instrument, das die Bewegungen des Spielers erfasst, die herkömmliche PS-Kamera und die Move-Controller zum Einsatz. Es kann also das gleiche Zubehöre verwendet werden, das etwa auch bei Tanzspielen benötigt wird. Wer es noch nicht besitzt, muss es allerdings zusätzlich erwerben. Kostenpunkt: 150 Franken.

Das Headset, das aussieht wie aus einem Retro-Science-Fiction-Film ist zwar wuchtiger als jene der Konkurrenz, weist aber einen hohen Tragekomfort auf, da sich das Gewicht angenehm über den ganzen Kopf verteilt. Ich setze es auf und befinde mich in Londons Untergrund, wo ich auf Frank treffe, der mich auf Diamantenraubzug schickt. Als Hände dienen mir die Move-Controller. Ich kann damit Schubladen öffnen, Zigarren rauchen, eine Waffe halten, nachladen und schiessen. Letzteres tue ich ziemlich oft im kurzen aber heftigen Ego-Shooter «The London Heist», der im Spiele-Paket «Playstation VR Worlds» enthalten ist.

Das Tracking-System mit Move-Controller und Kamera ist nicht ganz so präzise wie bei der Oculus und der Vive. Wenn man die Kamera aber im richtigen Abstand positioniert, funktioniert es genügend gut. Auch die Grafik ist nicht so bestechend wie bei der Konkurrenz. Das liegt einerseits daran, dass die Leistung der Playstation 4 nicht so hoch ist wie bei teuren PCs, andererseits löst die PS-Brille nur mit 960 mal 1080 Pixel auf (statt 1080 mal 1200 Pixel). Das reicht aber, um, in die virtuelle Welt hineingezogen zu werden.

Andere Tester berichten, dass es ihnen in hektischen Spielpassagen übel wurde. Das war bei mir nie der Fall. Länger als 45 Minuten am Stück habe ich dennoch selten gespielt, dermassen extrem ist das Erlebnis in der virtuellen Realität. Im Spiel «Ocean Descent» (auch auf «VR Worlds» enthalten) taucht man buchstäblich ein – in einen tiefen Ozean. Aus einem Gitterkäfig beobachte ich die facettenreiche Unterwasserwelt. Das ist sehr entspannend, bis ein Hai auftaucht.

Schier zu Tode erschrocken

Es zeigte sich, dass Games, die man mit den Move-Controllern spielen kann, viel intensiver sind, als jene, bei denen das herkömmliche Gamepad zum Einsatz kommt. Wenn man mit den Augen der Spielfigur sieht und ihre Hände mit den eigenen Bewegungen steuert, bekommt man ein Gefühl von Präsenz in der virtuellen Realität.

Ein Problem ist das Gehen. Mit einem Joystick zu navigieren fühlt sich unnatürlich an. In vielen Spielen muss man sich deshalb nicht aktiv Fortbewegen. In «The London Heist» sitzt man etwa auf dem Beifahrersitz eines Autos. Und in «Rush of Blood» – jenem Spiel, das mich bisher am meisten überzeugt hat – nimmt man im Wagen einer Geisterbahn Platz. Es beginnt eine wilde Fahrt durch einen verlotterten Vergnügungspark, die immer wie surrealer wird. Man schiesst auf Clowns mit hässlichen Fratzen, bückt sich vor scharfen Sägeblättern und erschrickt schier zu Tode, wenn sich plötzlich eine knochige Gestalt in den Wagen beugt. Noch nie habe ich mich in einem Horrorgame so geängstigt.

Fazit: Die PS-VR ist gut genug, um damit eine Menge Spass zu haben, und genug «günstig», dass sie sich die Playstation-Nutzergemeinde leisten kann. Das Potenzial ist gross.