Die weisse Pracht und ihre Gefahren: Was Sie jetzt über Lawinen wissen müssen

Sogar an Orten, wo dies seit Jahrzehnten nicht mehr geschehen ist, sind Lawinen niedergegangen. Die Erfahrung zeigt: Wer die Ratschläge der Lawinenforscher missachtet, spielt mit dem Leben.


Rolf App, Illustration: Martina Regli, Stefan Bogner
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Es ist eine Geschichte von vielen – aber eine, die um die Welt ging. Am
11. März 1988 war eine Gruppe um Prinz Charles im Gotschna­gebiet bei Davos unterwegs. Dabei ­waren ein befreundetes Ehepaar, ein Begleitoffizier des englischen Thronfolgers, ein Sicherheitsbeamter der Kantonspolizei und ein Bergführer – allesamt routinierte Skifahrer, die sich das Fahren ausserhalb der gesicherten Pisten zutrauten. Als sie sich am frühen Nachmittag auf einem leichten Vorsprung im Steinhang trafen, um die weitere Route zu besprechen, löste sich oberhalb von ihnen abrupt die Schneedecke mit einem lauten Knall und glitt in grossen Blöcken den Hang hinunter.

«Go, go, go!» rief der Bergführer.

Ein Teil der Gruppe konnte sich in Sicherheit bringen, zwei Personen aber wurden erfasst und über einen Felsabbruch mitgerissen. Die eine Person fanden rasch alarmierte Retter fünfzehn Minuten später, sie konnte wiederbeatmet werden. Für den Begleitoffizier hingegen kam jede Hilfe zu spät.

Unesco-Kulturerbe: Umgang mit Lawinengefahr 

So etwas kann jeden Winter passieren – vor allem dann, wenn sehr viel Schnee fällt oder die Schichtung die Schneedecke an steilen Hängen instabil macht. Wobei der Mensch auch noch eine nicht unbedeutende Rolle spielt: Neunzig Prozent aller durch Lawinen verschütteten Personen haben «ihre» Lawine selbst ausgelöst.

Umso ernster müssen jene Warnungen genommen werden, die das Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos in seinem Lawinenbulletin ausspricht. Es teilt die Schweiz in Gefahrenstufen ein, analysiert Schneedecke und Wetter und gibt Empfehlungen ab. Sie zu befolgen ist in jedermanns Inter­esse. Denn von jenen Menschen, die verschüttet werden, überlebt nur etwas mehr als jeder Zweite. Hilfe muss rasch kommen, weil Erstickung droht. In jedem Winter sterben aktuell im Schnitt 23 Menschen. Das ist im Vergleich zu früheren Jahren ein Erfolg. Der Umgang mit der Lawinengefahr findet sich denn auch auf der Liste der Unesco für immaterielles Kulturerbe.

Die wichtigsten Vorkehrungen für den Lawinenschutz in der Schweiz

Aufforstung Der Lawinenwinter 1951 mit fast hundert Toten hat die Schweiz aufgerüttelt. «Damals wurde klar: entweder man siedelt ganze Täler ab oder investiert viel», erklärte der Klimahistoriker Christian Rohr kürzlich in einem Radiobericht. So wurden teils jahrhundertealte Schutzwälder aufgeforstet.

Stützverbauung Die wichtigste und auch am besten sichtbare bauliche Vorkehrung gegen Lawinen sind die Stützverbauungen. Rund fünfhundert Kilometer solcher Stützwerke aus Stahl, Aluminium, Holz, Drahtseilen oder Beton verhindern das Anbrechen von Lawinen oder halten sie auf.

Ablenkdamm Hat sich eine Lawine gelöst, so muss sie zumindest dorthin gelenkt werden, wo sie möglichst wenig Schaden anrichtet. Diese Ablenkdämme sind oft billiger als Stützverbauungen, aber sie brauchen viel Platz und verändern das Landschaftsbild. Oft schützen sie aber auch vor Hochwasser.

Galerie Lawinengalerien oder -tunnels stellen den klassischen Schutz für Verkehrsachsen dar. So konnte 1984 die zuvor immer wieder unterbrochene Verbindung von Klosters nach Davos gesichert werden.