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Die vermessenen Kinder – ein neuer Test für Dreijährige

Wenn Kinder in ihrer Entwicklung zurückbleiben, sollte das so schnell wie möglich entdeckt werden. Doch mit welchen Tests und wer legt fest, was der Norm entspricht? An der Universität Zürich werden neue Normdaten festgelegt.
Bruno Knellwolf

Die Neurophysiologin Tanja Kakebeeke schleppt einen schweren Koffer in ein Zimmer des Kinderspitals Zürich, Abteilung Entwicklungspädiatrie. Aus dem Koffer nimmt sie verschiedene Utensilien und hält schliesslich eine Stoppuhr in der Hand. «Achtung, fertig, los!», sagt sie. So schnell wie möglich, müssen viele kleine Stecker in die Löcher einer Tafel gesteckt werden. 16 Sekunden mit der rechten Hand, 22 Sekunden mit der linken dauert es, bis alle Plastik­stecker platziert sind. «Sie sind ein ausgesprochener Rechtshänder», sagt die Zürcher Professorin. Würde ein 16-Jähriger diesen Test machen, sie wäre zufrieden. Auch beim Einfädeln kleiner Perlen und beim Schrauben zeigt der Proband, wäre er denn ein Kind, genügend Reife, was seine feinmotorischen Fähigkeiten betrifft.

15 Tests in 15 Jahren

Die Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie (SGP) empfiehlt 15 Vorsorgeuntersuchungen, die für die zentralen pädiatrischen Altersstufen vorgesehen sind. 15 Checks von der ersten Lebenswoche bis zum 15. Altersjahr. Sie haben zum Ziel, entwicklungsspezifische und alterstypische Gesundheits- und Verhaltensstörungen des Kindes und der Jugendlichen möglichst frühzeitig zu erfassen. Damit innert nützlicher Frist eine korrekte Abklärung oder falls erforderlich eine angemessene Behandlung durchgeführt werden kann, wie die SGP schreibt. Diese stellt den Kinderärzten dafür Checklisten zu den 15 Tests zur Verfügung. (Kn.)

Um die geht es bei diesem Motorik-Test, den Kakebeeke zusammen mit Kollegen am Kinderspital Zürich weiterentwickelt hat. Grundlage dafür ist der «Zürcher Neuromotorik-Test», den der Kinderarzt Remo Largo vor 23 Jahren entwickelt hat. Largos Test prüft die fein- und grobmotorischen Fähigkeiten im Alter zwischen fünf und 18 Jahren. Heute allerdings reicht das nicht mehr. «Kinder gehen früher in den Kindergarten», sagt Kake­beeke. So möchte man heute auch um die Reife von Kita- und Kindergartenkindern wissen.

"Es geht nicht um Intelligenz"

Doch für Kleinkinder ist Largos Test schwierig, weil Drei- und Vierjährigen oft das Verständnis dafür fehlte, auch bei einfacher Übungsanlage. Nun haben die Zürcher Forscher die Tests für kleinere Kinder weiterentwickelt. Die Zürcher Forscher zogen damit, so wie im Jahr 1995 Remo Largo, durch Zürichs Schulen, Kindergärten und Horte und machten ihre weiterentwickelten Motorik-Tests mit 616 Kindern zwischen drei und 18 Jahren. Die Resultate der Studie «Neuromotor development in children» sind nun in der Fachzeitschrift «Development Medicine & Child Neurology» veröffentlicht worden und ersetzen die alten Normwerte.

Der Test dient dazu, den Entwicklungsstand eines Kindes zu beurteilen. «Wir wollen nicht wissen, wie intelligent ein Kind ist, sondern seine grob- und feinmotorischen Fähigkeiten beurteilen», sagt Kakebeeke. Ein Kind mit einem IQ von 90 kann den Test problemlos durchführen. Dabei werden die Kinder bewusst etwas gestresst. Denn die Geschwindigkeit, mit der auf beiden Beinen gehüpft wird oder die Schraube rein und raus gedreht wird, gibt Auskunft über den Entwicklungsstand. Der Test ist gemäss Kakebeeke «kulturfrei» gestaltet, damit er weltweit angewandt werden kann. Verzichtet wird auf Bälle, weil viele Kinder Fussball spielen und deshalb ­darin geübt sind. Das würde das Testresultat verfälschen.

Wichtig vor allem für Frühgeborene

Die feinmotorischen Fähigkeiten werden mit zunehmendem Alter eines Kindes besser, was berücksichtigt wird. «Der Test zeigt, wie gut ein Kind seinen Bewegungsapparat kontrollieren kann», sagt Kakebeeke. Kleine Kinder können zum Beispiel nur schlecht eine Hand ruhig halten, während sie mit der anderen schreiben. Auch das verbessert sich im Normalfall mit dem Alter.

Die Resultate werden, wie Eltern es vom Besuch beim Kinderarzt kennen, in Kurven, Percentilen, angezeigt. Die Normdaten zeigen den Kinderärzten, ob sich ein Kind im Vergleich zu seinen Altersgenossen motorisch normal entwickelt. Wichtig sei das vor allem für Frühgeborene, solche mit Herzfehlern oder Kinder, die einen Unfall erlitten hätten.

Hellhörig wird ein Kinderarzt, wenn Kinder leicht umkippen, nicht auf einem Bein hüpfen können, «oder nicht Fussball spielen wollen, das machen Buben automatisch», sagt die Neurophysiologin.

Im Zürcher Test lagen nur ­wenige Kinder ausserhalb der Norm. Feinmotorische Defizite machen ein Kind schnell zum «Looser» und eine altersgerechte motorische Entwicklung ist deshalb entscheidend für die gesunde körperliche, geistige und soziale Entwicklung. Wenn nötig muss dem Kind mit Massnahmen wie Ergotherapien oder Psychomotorik geholfen werden.

Mädchen reifen schneller als Buben

Berücksichtigt werden muss beim Test der motorischen Fähigkeiten auch, dass die Mädchen den gleichaltrigen Buben voraus sind. «Etwa zweieinhalb Jahre reifen Mädchen früher als Buben», sagt die Entwicklungsforscherin. «Deshalb besteht die Gefahr, dass Knaben zu schnell falsch eingestuft werden. Nach dem Motto, der kann das einfach nicht.» Dabei braucht der Knabe vielleicht einfach mehr Zeit für seine motorische Ausreifung.

Unsere Kinder werden oft vermessen. Das fängt im Mutterbauch an und geht bis zum Ende der Schulzeit. Liegen die Kinder unter oder über Wachstumskurven oder wird sonst ein Defizit festgestellt, geraten Eltern schnell in Sorge. Auch Kakebeeke sieht die Gefahr, dass Eltern zu schnell ein Problem daraus machen, wenn das Kind nicht oben an der Kurve ist. «Die Familien sind kleiner geworden», sagt sie. Früher, bei grösseren Familien mit vielleicht sechs Kindern, sei der Fokus weniger stark auf ein einzelnes gelegt worden. «Heute wollen die Eltern, dass jedes ihrer Kinder top ist.» Da wird dann optimiert, um ja jedes Defizit auszumerzen.

Auswirkungen des Handygebrauchs

Was die motorischen Fähigkeiten betrifft, rät Kakebeeke zu etwas mehr Demut und Gelassenheit, wenn das Kind zwar nicht top, aber in der Bandbreite der Normalität ist. «Nicht jeder Knabe wird ein Messi oder Ronaldo», sagt sie. Hat ein Kind keine guten feinmotorischen Fähigkeiten, sind die grobmotorischen vielleicht besser. «Dann wird das Kind vielleicht besser Maurer als Zahntechniker. Man muss auch akzeptieren, dass man etwas nicht so gut kann», sagt Kake­beeke. Und wenn für gewisse Dinge auch das Talent fehle, könne wenigstens ein Teil mit Übung verbessert werden. «Wir brauchen schliesslich auch drei Millionen Schritte, bis wir im sechsten Altersjahr richtig gehen können.»

Verändern könnten sich die feinmotorischen Fähigkeiten auch wegen der dauernden Nutzung von mobilen, digitalen Geräten. Noch lässt der neue Neuromotorik-Test in Sachen Handygebrauch keine Schlüsse zu. Das wird erst in den nächsten Jahren mit dem Vergleich der alten und neuen Daten möglich. Kakebeeke erwartet aber, dass sich die feinmotorischen Fähigkeiten der Jugend dadurch eher verbessern. «Dafür werden die Kinder vielleicht schlechter in der Grobmotorik, wenn sie sich zu wenig raufen und draussen spielen.»

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