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«Eine solche Stärke ist unmöglich» - neue Bücher aus dem schwarzen Amerika

Junge Autorinnen erzählen von Übergriffen der Polizei, vom knappen «Sorry» des «guten» Weissen und von der besonderen Stärke, die Schwarzen immer abverlangt wird.
Bernadette Conrad
Patrisse Kahn-Cullors ist Mitgründerin der Bürgerbewegung #Black Lives Matter. (Bild: Getty)

Patrisse Kahn-Cullors ist Mitgründerin der Bürgerbewegung #Black Lives Matter. (Bild: Getty)

Als Patrisse Khan-Cullors neun Jahre alt ist, sieht sie es zum ersten Mal. Weisse Polizisten stossen ihre 11- und 13-jährigen Brüder «gegen die Hauswand, zwingen sie, die Hemden hoch- zuziehen und die Taschen auszuleeren, dabei fassen sie meine Brüder grob an, selbst an intimsten Stellen, während ich hinter dem Tor wie erstarrt alles beobachte.» Ihrer Mutter werden die Brüder nichts erzählen. Mit Beginn der Pubertät erwarteten sie nicht mehr, dass es anders sein könnte.

«Als ich zwölf wurde, lernte ich, dass mich meine Hautfarbe und Armut eher definierten als Klugheit, Neugier und Leistungsbereitschaft», schreibt Cullors. Und bevor sie richtig erwachsen war, sah sie ihren psychisch labilen Bruder aus dem Gefängnis zurückkommen, keiner normalen Kommunikation mehr fähig, und Wasser aus der Kloschüssel trinken. Er hatte ganz offensichtlich Foltererfahrungen gemacht.

Automatismus der Kriminalisierung auch bei Kindern

Die schwarze Amerikanerin erzählt nicht von Ereignissen, die 50 Jahre zurückliegen. Khan-Cullors, 34, beschreibt in ihrem Buch «When They Call You a Terrorist», wie das Aufwachsen im eher armen, von Latinos und Schwarzen bewohnten Viertel Van Nuys im Norden von Los Angeles auch heute noch einen Automatismus der Kriminalisierung mit einschliesst, der vor Kindern nicht haltmacht – und Menschen von früh an ruiniert und jeder Hoffnung beraubt.

Als im Februar 2012 der 17-jährige Trayvon Martin auf seinem Weg zurück vom Kiosk von einem Weissen erschossen wurde, der sich einer Nachbarschaftswehr angeschlossen hatte, wartete Khan-Cullors wie viele andere auf den Prozess. Aber Martins Mörder wurde 2013 freigesprochen. Auch jener Polizist, der 2014 in New York Eric Garner trotz seines Schreis nach Luft im Würgegriff gehalten hatte, so dass er starb, kam davon – wie einen Monat später der Mörder von Michael Brown in Ferguson.

Tief verankertes Überlegenheitsgefühl

Der Aufschrei des Entsetzens, der seither nicht verstummt – sondern im Gegenteil in die von Khan-Cullors mitgegründeten Bürgerbewegung #BlackLivesMatter mündete –, kommt derzeit geballt auch in der schwarzen Literatur aus USA zu uns. Denn es geht ja nicht nur um einzelne Täter, sondern auch um einen Rechtsstaat, der versagt.

Hautfarbe allein kann immer noch bedeuten , urplötzlich attackiert und wie Freiwild gejagt zu werden.

Darüber schrieb 2014 auch die junge, zur schwarzen Mittelschicht gehörige Amerikanerin Brit Bennett in ihrem Essay «I Don`t Know What to Do With Good White People». Eines Abends sei ihr Vater, damals junger Bezirksstaatsanwalt, auf der Strasse angehalten und von Polizisten umstellt worden, die auf seinen Kopf zielten. Zum Glück, schrieb Bennett, sei er ruhig geblieben; zum Glück habe er die Hände nicht bewegt. Bis die Polizisten herausfanden, dass sie den falschen Verdächtigen angehalten hatten. «Sorry, Buddy», entschuldigten sie sich.

Brit Bennetts Essay «I Don't Know What to Do With Good White People» wurde in wenigen Tagen 3 Millionen Mal gelesen. (Bild: Imago)

Brit Bennetts Essay «I Don't Know What to Do With Good White People» wurde in wenigen Tagen 3 Millionen Mal gelesen. (Bild: Imago)

Ihr ganzes Leben lang habe sie diesen «guten» Weissen erlebt, schreibt Bennett. Menschen, die sich ihres «Gutseins» bewusst sind; die sich zivilisiert entschuldigen, wenn ihr tief verankertes Überlegenheitsgefühl gegenüber Schwarzen dann doch zu einem Fauxpas geführt hat. Jene Frau, die sich in der Schlange am Check-in vor sie drängte und nachher im Flugzeug zu ihr sagte: ‹Sorry, ich habe Sie gar nicht gesehen.› Überinterpretiere ich, wenn ich das rassistisch finde, fragt sich Brit Bennett. Bin ich paranoid? Warum muss mein Alltag überhaupt voll von dieser Art Situationen sein?

Was nützt alles «Sorry» und «Ich habe es nicht böse gemeint», wenn am Schluss doch schwarze Menschen erschossen werden?

Gerade ist auch Bennetts erster Roman «Die Mütter» erschienen, an dem die heute 28-Jährige zehn Jahre arbeitete. Mit jener Selbstverständlichkeit, mit der weisse Autoren und Autorinnen seit jeher die Hautfarbe ihrer ­Figuren unerwähnt lassen – sie sind natürlich weiss –, erzählt Bennett souverän ihre in einer schwarzen Kirchgemeinde Kaliforniens angesiedelte Geschichte. In einer Gemeinde – wie übrigens auch James Baldwins berühmter – und gerade in neuer Übersetzung erschienener – Erstling «Go Tell it On the Mountain» («Von dieser Welt») spielt. Bennetts Heldin, die 15-jährige Nadia, ist vom Selbstmord ihrer Mutter traumatisiert und stürzt sich in die Liebe zum Pastorensohn Luke. Sie wird schwanger.

Mütter als «Hüterinnen» der Black Community

Wie sie die von der Pastorenfamilie stillschweigend finanzierte Abtreibung mutterseelenallein durchsteht, ist nur das erste Ereignis in einer ganzen Kette von Verschwiegenem. Geheimhaltungen binden, ja ketten Menschen aneinander. Aus dem einen Ungelösten und Verdrängten geht mit grosser Zuverlässigkeit das nächste Unheil hervor. Auch diese Fähigkeit, tiefinnere Zusammenhänge über Geschichten zu transportieren, verbindet die junge Brit Bennett mit Grossmeister James Baldwin, auf den sich von Toni Morrison bis Ta Nehisi Coates alle nachfolgenden Generationen schwarzer Schreibender beziehen und berufen.

Was die Thematisierung von Rassismus betrifft, begnügt sich Bennett – anders etwa als die gerade sehr gefeierte Jesmyn Ward – mit knappen Andeutungen. «Schwarze Jungs konnten sich keinen Übermut leisten», heisst es einmal bei Bennett.

«Übermütige weisse Jungs wurden Politiker und Banker, übermütige schwarze Jungs starben.»

Wie bei Jesmyn Ward gehören Schlüsselrollen auch in Bennetts Roman Müttern. Die «Mütter» sind eine Art Chor der älteren Frauen, die das Leben der Gemeinde tragen und aufrechterhalten; sie sind die «Hüterinnen» der Black Community. Sie müssen halten und tragen, denn die Männer sind im Gefängnis oder gegangen.

Und so sind es neben den Büchern von Ta-Nehisi Coates besonders Bücher von Frauen, die in diesem Frühjahr erzählen von – wie Cullors beschreibt – dieser «besonderen Stärke, die von Schwarzen immer verlangt wird. Die unmögliche Stärke. Die Stärke, die keinen Raum lässt, um über die eigene Verletzlichkeit nachzudenken.»

Bücherliste

  • Patrisse Khan-Cullors, #Black Lives Matter, KiWi
  • Brit Bennett, Die Mütter, Rowohlt
  • Jesmyn Ward, Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt! Kunstmann
  • Toni Morrison, Die Herkunft der anderen, Rowohlt
  • Ta-Nehisi Coates, We Were Eight Years in Power, Hanser Berlin

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