Die «Sorgenfänger»

Strafvollzug Gefangene haben ein Recht auf seelsorgerische Betreuung. Die Kirchen müssen darum die Bedeutung der Gefängnisseelsorge auch immer wieder deutlich machen, ob sie willkommen ist oder nicht. Besorgnis wecken die neusten Entwicklungen im Strafvollzug. Josef Osterwalder

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Gefangene haben ein Recht auf seelsorgerische Betreuung. Und manchmal hilft auch ein Gebet. (Bild: ap/Miguel Villgran)

Gefangene haben ein Recht auf seelsorgerische Betreuung. Und manchmal hilft auch ein Gebet. (Bild: ap/Miguel Villgran)

«Eingesperrt werden, heisst, dass der Kontakt zu den engsten Angehörigen und Freunden sofort abreisst oder nur mehr im Notprogramm läuft», so schildert ein Langzeitgefangener seine Situation. «Abgehörte Telefongespräche, amtlich mitgelesene Briefe und der Besuch hinter einer dicken Glaswand»– da bleibe dann oft nur noch der Seelsorger, die Seelsorgerin, als «Sorgenfänger, Klagemauer und Ausweinbecken».

Erklärungsbedarf

Wenn Gefängnisseelsorger solche Äusserungen hören, wissen sie, wie wichtig ihr Dienst für die Gefangenen ist. Er wird vom Gesetz auch verbürgt. Und doch müssen sich die Seelsorger immer wieder neu erklären. Denn oft werden sie von den Aufsehern mit Argusaugen beobachtet, ob sie nicht etwas Unerlaubtes hinein- oder Berichte über den Zustand des Gefängnisses hinausschmuggeln.

Weil der Dienst an den Gefangenen so wichtig, aber auch so heikel ist, treffen sich die Gefängnis-Seelsorgerinnen und -Seelsorger regelmässig zu Aussprache und Weiterbildung. Als besonders hilfreich erweist sich die jährliche Konferenzwoche, die die Seelsorgenden aus der Schweiz, aus Österreich und Bayern zusammenführt. Dies, weil sich auch im Strafvollzug gesamteuropäische Standards herausbilden, denen sich kein Land entziehen kann.

Die Würde des Gefangenen

Das diesjährige Dreiländer-Treffen zur Gefängnisseelsorge fand kürzlich in Luzern statt; eine Tagung, an der vor allem die Besorgnis über die neusten Entwicklungen im Strafvollzug zur Sprache kamen. Sie endete darum mit einem bewegten Appell an die Öffentlichkeit: «Wir fordern alle Verantwortlichen in Justiz und den Kirchen auf, ein Menschenbild zu vertreten, das auch allen Gefangenen als Ebenbild Gottes eine neue Chance einräumt und die Menschlichkeit nicht abspricht.

Daher muss jedem einseitigen Sicherheitsvollzug, der teuer und unmenschlich zu werden droht, widersprochen werden.» Ein ebenso überraschender wie beunruhigender Appell, gibt es doch eine weit verbreitete Meinung, Gefangene würden zu sanft angefasst. «Ganz im Gegenteil», sagt dazu der Lausanner Ethiker Alberto Bondolfi in seinem Tagungsbeitrag: «Früher wurde der Straftäter als anspruchsvoller Teil der Gesellschaft angesehen, heute ist er ihr Feind.

» Mit der provokativen Formulierung spielt er auf die Verschiebung vom klassischen Schuldstrafrecht zum Risikostrafrecht hin an.

Die Rolle der Experten

Beim Schuldstrafrecht wird ein Täter bei seiner Verantwortung genommen und zu einer klar definierten zeitlichen Strafe verurteilt. Immer mehr aber komme nun nach Abbüssung der Strafe eine weitere Beurteilung hinzu, bei der nicht mehr der Richter, sondern psychologisch-psychiatrische Experten die hauptsächliche Rolle spielen.

«Der Richter wird zum Briefträger der Experten. Das Strafrecht soll nun dazu dienen, Risiken von der Gesellschaft fernzuhalten.»

Die Gefängnisseelsorger berichten, wie unsicher sich heute die Gefangenen fühlen, seit es immer häufiger zur Verwahrung komme. In ihrer Resolution betonen sie darum, dass es niemals eine absolute Sicherheit geben könne und jede totale «Versicherung» der Gesellschaft eine Fiktion sei. Die Seelsorger rufen aber auch die Medien auf, ihre Verantwortung wahrzunehmen.

«Denn Strafrecht, Urteil und Strafvollzug sind im Grunde ein Kommunikationsprozess», sagt die Basler Juristin und Dozentin Nadja Capus. Ein Strafprozess sei eben nicht nur für den Täter, sondern vor allem für die Gesellschaft von Bedeutung. Es helfe ihr, sich der eigenen geltenden Normen zu vergewissern; sich über sich selbst bewusst zu werden.

Da kommt es nun ganz darauf an, wie geschickt sich die Strafbehörden bei diesem Kommunikationsvorgang verhalten und wie verantwortungsvoll die Medien ihre Rolle wahrnehmen. Denn die Gültigkeit von Normen kann man nicht nur im Gerichtssaal deutlich machen.

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