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Die Schweizer haben es erfunden: Weshalb uns das Ausland ums Flussschwimmen beneidet

Schnell in den kühlen Fluss springen, wenn die Sonne brennt. In vielen Schweizer Städten ist das Kult und selbstverständlich. Dass es ein Privileg ist, worum uns das Ausland beneidet, zeigt eine aktuelle Publikation.
Katja Fischer De Santi
Mitten durch Zürichs City: Nicht nur beim Limmatschwimmen herrscht hier im Sommer Hochbetrieb. (Bild: Keystone)

Mitten durch Zürichs City: Nicht nur beim Limmatschwimmen herrscht hier im Sommer Hochbetrieb. (Bild: Keystone)

16 Grad Wassertemperatur: für normale Menschen keine Temperatur, um in einen Fluss zu springen. Für Berner schon. Ihrer grünblauen, oftmals eiskalten Aare messen sie eine mythische Bedeutung zu. Im Sommer ist ein Bad im Fluss ein Muss. Aber nicht nur in Bern. Auch in Zürich, Basel oder Genf wird an warmen Tagen der Schwumm in Limmat, Rhein oder Rhone zum geliebten Feierabendritual.

Sich treiben zu lassen, inmitten der städtischen Hektik, vorbei an Betonmauern und Wohnsilos, ist Kult und Lebensqualität. Dabei hat das Flussschwimmen, an heissen Tagen längst zum Massenvergnügen geworden, seinen anarchischen, unorganisierten Charme erhalten. In Basel muss man schon mal einem Frachtschiff ausweichen, in Genf Ein- und Ausstiege mühsam suchen, in Bern ebendiese ja nicht verpassen und in Zürich auf schmalen Betonvorsprüngen balancieren.

Sauberes Wasser ist keine Selbstverständlichkeit

Nun hat das Flussschwimmen, eine sehr schweizerische Erfindung, ein eigenes Buch und eine Ausstellung dazu bekommen. «City Swim» betrachtet das Phänomen von der soziologischen und städteplanerischen Perspektive aus. Schliesslich reisen immer wieder ausländische Delegationen nach Bern, um sich erklären zu lassen, wie es funktionieren kann, dass im Sommer bis zu 5000 Menschen in einem alles andere als ungefährlichen Gewässer mitten durch die Stadt treiben.

Einige Bedingungen müssen erfüllt sein. Erstens: Das Flusswasser muss sauber sein. Das war es auch in der Schweiz lange Zeit nicht. Die Flüsse wurden als Abfluss für den Dreck der Stadtbewohner und später der Industrie missbraucht. Erst mit den modernen Kläranlagen Ende der 1980er-Jahre wurde das Flussschwimmen, etwa in Basel, wieder so populär, wie es im 16. Jahrhundert war – damals aus hygienischen wie sportlichen Gründen. Zweitens: Die Behörden müssen das Flussschwimmen tolerieren. Lange Zeit entsprach es nicht der Sitte und Moral, sich öffentlich zu baden, und schon gar nicht Männlein und Weiblein gemischt. Manches Frauenbad, etwa in Zürich, zeugt heute noch von diesem Moralverständnis.

Männer und Frauen bunt gemischt beim Schwimmen – in früheren Jahren war das undenkbar. (Bild: Keystone)

Männer und Frauen bunt gemischt beim Schwimmen – in früheren Jahren war das undenkbar. (Bild: Keystone)

Ein Luxus, von dem anderen nur träumen

Das Buch und die gleichnamige Ausstellung im Basler Architekturmuseum belassen es aber nicht bei einer historischen Betrachtung. Die Autoren rund um Herausgeber Andreas Ruby, Direktor des Architekturmu­seums, interessieren sich dafür, wie sich die Stadtbewohner ihre Flüsse zu eigen gemacht haben. Oder wie Behörden mit der steigenden Popularität des Flussbadens und den dafür nötigen Sicherheitsmassnahmen umgehen. Aber auch die sinnliche Seite kommt in der Publikation (praktischerweise mit wasserdichten Schutzumschlag) nicht zu kurz. Essays von Autorinnen aus den jeweiligen Städten wechseln sich ab mit Bildstrecken, wie sie perfekt in diesen Sommer passen: voller Leben, halbnackter Menschen und kühlem Nass.

Im letzten Teil des Buches wird es international. Sechs Projekte aus Städten wie London, Berlin oder Paris, welche den Bewohnern ihre Flüsse zurückgeben möchten, werden vorgestellt. Erst da realisiert man, was für ein Glück es ist, dass in der Schweiz der nächste Fluss, See oder Teich nie zu weit weg ist, um sich abends hineinstürzen.

Das ist ein Luxus, von dem etwa die Brüssler seit Generationen träumen. Die belgische Hauptstadt nennt kein einziges öffentliches Freibad ihr Eigen, und die Kanäle sind für Schwimmer gesperrt. Eine Gruppe aus Architekten, Designern und Soziologen hat darum die Initiative «Pool is Cool» gegründet mit dem Ziel einer besseren Infrastruktur und Sensibilisierung für das Freischwimmen.

Niemand schwimmt freiwillig im Hudson River

Auch in New York geht niemand freiwillig in den Hudson River, und nur die härtesten Londoner würden es wagen, in die Themse mehr als einen Fuss hineinzuhalten, auch wenn ihr Zustand längst nicht mehr so berüchtigt ist wie 1858. Damals bekam sie den Namen «Great Stink» verpasst, weil so viel Abwasser eingeleitet wurde, dass es aufgrund des heissen Wetters in dem Jahr unerträglich stank.

Auch heute noch reicht die Wasserqualität nicht zum Baden. Architekt Chris Romer-Lee und seine Kollegen wollen trotzdem einen grossen Pool in die Themse setzen. Das «Thames Baths» soll das Flusswasser mithilfe eines speziellen Systems reinigen. Ob es je zustande kommt, ist fraglich. Berner schütteln darüber nur den Kopf. Ein Pool im Fluss? So was kann nur bauen wollen, wer sich noch nie in der 16 Grad kalten Aare hat treiben lassen.

Publikation: SWIM CITY. Christoph Merian. 220 S., Fr. 44.– Ausstellung: SWIM CITY, Schweizerisches Architekturmuseum Basel, bis 29.9.2019

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