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Die schlaflose Elite: Vier Stunden Schlaf müssen reichen

Staatspräsidenten wie Trump und Macron brüsten sich, mit wenig Schlaf besonders produktiv zu sein. Schlaf sei etwas für Schwache, Kurzschläfer hätten Karrierevorteile. Experten widersprechen.
Adrian Lobe
Das Schäfchenzählen hat ausgedient. (Bild: Grafik)

Das Schäfchenzählen hat ausgedient. (Bild: Grafik)

Tim Cook ist ein Frühaufsteher. Der Apple-Chef, schrieb das Magazin «Time» in einem Porträt, stehe jeden Morgen um 3.45 Uhr auf. Zuerst beantwortet er eine Stunde E-Mails, von denen er täglich zwischen 700 und 800 erhält, dann geht er ins Fitness- studio und schliesslich ins Büro. Pepsi-Chefin Indra Nooyi beginnt ihren Tag um vier Uhr morgens, und auch US-Präsident Donald Trump ist ein Frühaufsteher: Während die meisten noch im Bett liegen, feuert er bereits seine Twitter-Salven in die Welt.

Trump kommt nach eigenen Angaben mit vier Stunden Schlaf aus. Auch sein Amtskollege, der französische Staatspräsident Emmanuel Macron, benötigt lediglich vier Stunden Schlaf. Von Napoleon Bonaparte stammt das Bonmot: «Vier Stunden schläft der Mann, fünf die Frau, sechs ein Idiot.»

Hochleistungsfähige Kurzschläfer bringen es weiter

Das «Wall Street Journal» prägte den Begriff der «schlaflosen Elite», jene ein bis drei Prozent der Bevölkerung, die mit einem Kurzschlaf-Gen ausgestattet seien und dank eines schnellen Stoffwechsels physische und psychische Belastungen leichter wegsteckten als andere – und daher ganz oben auf der Karriereleiter stünden. Unternehmensberater und Investmentbanker arbeiten nicht selten nächtelang durch, nicht nur, um ein Projekt zu finalisieren, sondern, um den anderen im Team die eigene Fitness und körperliche Robustheit zu demonstrieren. Die schaflose Elite will mit ihrem zur Schau getragenen geringen Schlafbedürfnis den Konkurrenten signalisieren: Seht her, wir brauchen keine Ruhepausen, wir sind hochleistungsfähig! Während ihr schlaft, arbeiten wir! Die unterschwellige Botschaft lautet: Schlaf ist etwas für Schwache.

Der amerikanische Essayist Jonathan Crary beschreibt in seinem Buch «24/7: Schlaflos im Spätkapitalismus», wie mit der Industrialisierung und Urbanisierung die Nachtruhe immer mehr beschnitten wurde. Mit dem Aufkommen der kontinuierlichen Produktion und des Schichtbetriebs wurde Nachtarbeit zum Normalfall, dank Globalisierung und Outsourcing von Callcentern in andere Zeitzonen sind Hotlines rund um die Uhr verfügbar. In den USA, wo es kein Ladenschlussgesetz gibt, haben Geschäfte 24 Stunden lang geöffnet.

Schlaf wird zum Distinktionsmerkmal

Der Schlaf ist in der Logik des Kapitalismus etwas Unproduktives, ein Stillstand, in dem das Humankapital nicht zur Verfügung steht. «Der Schlaf in seiner tiefen Nutzlosigkeit und Passivität», schreibt Crary, «mit den von ihm verursachten, unkalkulierbaren Verlusten in der Zeit der Produktion, Zirkulation und Konsumtion, wird mit den Ansprüchen einer 24/7-Welt stets kollidieren.» Der Kapitalismus, im Speziellen die Aufmerksamkeitsökonomie, versuche daher, immer mehr vom Schlaf abzuknabbern. Nicht der Kapitalismus hat sich dem Biorhythmus angepasst, sondern die menschliche Uhr der Taktung des Kapitalismus.

Schlaf wird in bestimmten sozialen Milieus zu einem Distinktionsmerkmal, mit dem man sich gegenüber anderen Gruppen abgrenzen kann – wer weniger schläft, ist produktiver und wertiger. Andererseits wird er einer ständigen Optimierung zugeführt. Google richtet in seinen Hauptquartieren Schlafkapseln ein, damit ermattete Programmierer beim Power-Nap Kraft tanken und neue Ideen schöpfen können. Smarte, mit Sensoren und Technik vollgestopfte Betten überwachen das Schlafverhalten und mit Fitness-Trackern lässt sich zudem die Schlafqualität messen. Durch die Digitalisierung wird der Schlaf zu einer Metrik. Der amerikanische Fitnessbandhersteller Jawbone hat in einer Statistik aufgeschlüsselt, in welcher Stadt die Menschen im Durchschnitt am spätesten ins Bett gehen (Moskau, 0.46 Uhr), am wenigsten schlafen (Tokio, im Durschnitt 5 Stunden und 44 Minuten) und am spätesten aufstehen (Moskau, im Durchschnitt um 8.08 Uhr).

Laut einer repräsentativen Gallup-Umfrage ist die durchschnittliche Schlafzeit in den USA von 7,9 Stunden am Tag im Jahr 1942 auf 6,8 Stunden 2013 zurückgegangen. Schliefen 1942 noch 84 Prozent der Bevölkerung sieben Stunden oder mehr am Tag – ein von Medizinern empfohlener Wert – sind dies 2013 nur noch 59 Prozent. Die USA sind eine unausgeschlafene Nation. Und das hat Folgen: gesundheitliche, ökonomische und vielleicht sogar politische.

Schlafentzug kostet Milliarden

Die amerikanische Denkfabrik Rand Corporation ist in einer Studie zu dem Ergebnis gekommen, dass Schlafmangel erhebliche wirtschaftliche Kosten verursacht. Allein in den USA beläuft sich der Schaden auf 411 Milliarden US-Dollar im Jahr. Das sind 2,3 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Auch in anderen OECD-Staaten wie Deutschland, Grossbritannien und Kanada resultiert mangelnder Schlaf in Kosten in zweistelliger Milliardenhöhe. Die Industrienation Japan, wo die Arbeitsbelastung im internationalen Vergleich überdurchschnittlich hoch ist und viele sich aus falsch verstandenem Ehrgeiz zu Tode schuften, kostet Schlafentzug im Jahr 138 Milliarden Dollar. Der Grund: Arbeitnehmer, die zu wenig schlafen, haben ein erhöhtes Risiko für Übergewicht, Diabetes und Infektionen, weil die Immunabwehr geschwächt ist.

«Zu wenig Schlaf macht dick, dumm und krank.»

So brachte es der Schlafforscher Jürgen Zulley auf den Punkt. Wer weniger schläft, ist häufiger krank, hat mehr Fehlzeiten und ist damit weniger produktiv.

Es findet ein Umdenken statt

Die britische Volkswirtschaft hat in dieser Dekade das geringste Produktivitätswachstum seit 1820 verzeichnet. Das könnte auch im Schlafmangel begründet liegen, sagen Wirtschaftsexperten. Die «Financial Times» titelte: «Grossbritanniens Produktivitätsproblem beginnt im Schlafzimmer.»

Inzwischen ist auch in der City die Erkenntnis gereift, dass weniger Schlaf nicht zu mehr Produktivität führt. 2013 sorgte der Fall eines deutschen Praktikanten bei Merrill Lynch für Aufsehen, der tot zusammenbrach, nachdem er drei Nächte lang bis morgens um 6 Uhr durchgearbeitet hatte. Das Missverständnis ist, dass Schlaf mit dem Kapitalismus nicht kompatibel sei. Der Schlaf als kognitives und physisches Klärwerk des Menschen ist dabei sehr wohl produktiv, indem er die Akkus wieder auflädt. Wer mehr schläft, ist am Ende produktiver – und gesünder.

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