«In Wirklichkeit sieht ein Schwein nie ein Stück Wiese» – warum die intelligenten Nutztiere kein artgerechtes Leben führen dürfen

Ein normales Mastschwein in der Schweiz kann nie in der Erde wühlen oder im Schlamm suhlen, ihm stehen wenige Quadratmeter Betonboden zu. Dabei gibt es gute Beispiele von Freilandhaltung – nur will der Konsument den Preis nicht zahlen.

Christa Kamm-Sager
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Schweine sind intelligente und reinliche Tiere: Im Freiland gehalten werden sie in der Schweiz aber nur selten. (Bild: Getty)

Schweine sind intelligente und reinliche Tiere: Im Freiland gehalten werden sie in der Schweiz aber nur selten. (Bild: Getty)

Wenn ein Schwein tun dürfte, was seiner Natur entspricht, dann würde es zusammen mit seinen Artgenossen fast den ganzen Tag in der Erde wühlen und nach Fressbarem suchen. Es würde sich weit weg vom Nachtlager auf einem Kotplatz versäubern, denn das Schwein hat ein ausgeprägtes Reinlichkeitsbedürfnis und würde nie dort koten, wo es schläft. Schweine sind fast so schlau wie Delfine, mit etwas Dressur können sie kleinere Zahlen addieren oder einzelne Buchstaben lesen. Der amerikanische Schriftsteller Edgar Allen Poe bezeichnete die Schweine als «horizontale Menschen» – und Menschen als «senkrechte Schweine».

Die Schweinerealität in der Schweiz sieht allerdings anders aus. Das normale Durchschnittsschwein im Maststall kann nie in der Erde wühlen. Ihm stehen laut Schweizer Tierschutzgesetz wenige Quadratmeter Betonboden zu.

Nur 65 Prozent der Schweine sehen wenigstens von einem Hartplatz aus den freien Himmel und können frische Luft atmen.

Den Mastschweinen wird fertig aufbereitetes Futter verabreicht, das in kurzer Zeit ohne Graben und Wühlen verschlungen wird. Stroh und Raufutter sollen den grossen Beschäftigungsdrang befriedigen. Gemäss einer Fachinformation Tierschutz des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen treten bei Sauen, die nicht in den etwas tierfreundlicheren Label-Mastställen gehalten werden, nicht selten Verhaltensstörungen auf wie Stangenbeissen, Leerkauen oder Schwanzbeissen.

«Bei unseren Schweinen stinkt es nicht»

Dass Schweinehaltung auch im Freiland geht, zeigt das Beispiel der «Mein Schwein GmbH»: Zehn bis zwanzig Schweine leben bei diesem jungen Unternehmen pro Weide im Raum Zürich, Winterthur und Schaffhausen das ganze Jahr draussen. «Einmal am Tag gehen wir bei den Weiden vorbei, kontrollieren, ob es den Tieren gut geht, ob mit dem Wasser und Futter alles in Ordnung ist», sagt Fabio Müller, Gründer der «Mein Schwein GmbH».

Damit sei der Aufwand pro Tier sicher etwas grösser, als wenn in vollautomatisierten Ställen 1000 Tiere gehalten werden. «Dafür musste ich noch nie einen Stall ausmisten und stinke kein bisschen nach Schweinestall, nachdem ich bei den Tieren war.» Krankheiten kennt Fabio Müller bei seinen Tieren nicht.

«Wir brauchen keine Antibiotika, die Tiere werden draussen sehr robust und sind immer gesund.»

Mit der Freiland-Schweinehaltung hat Fabio Müller eher hobbymässig angefangen. «Ich wollte sehen, was aus der Perspektive des Tieres am besten ist.» Ein Schwein sei sehr anpassungsfähig; es überlebe, auch wenn man es unter schlechtesten Bedingungen halte. Doch wenn man die ureigenen Bedürfnisse des Tieres ernst nehme, dann sei eine Stallhaltung eigentlich undenkbar. Schweine haben einen noch deutlicher ausgeprägten Geruchssinn als Hunde. Sie in einem Stall in den eigenen Ausscheidungen zu halten, gehe total gegen die Natur der reinlichen Tiere. «Zudem ist es nur lächerlich, den Tieren lediglich ein bisschen Stroh als Beschäftigungsmöglichkeit anzubieten», drückt sich Müller aus. Ein Schwein, auch wenn es noch nie draussen war, fängt sofort an zu wühlen, kaum wird es auf eine Weide gelassen. «Das Bedürfnis danach ist enorm gross.»

Es sei tragisch, dass Schweine in der Schweiz fast ausschliesslich in Ställen auf beengten Verhältnissen leben müssen, so ­Müller. Der Konsument werde getäuscht. «Auf einigen Fleischverpackungen sind Wiesen und Bäume abgebildet, in Wirklichkeit sieht ein Schwein nie ein Stück Wiese.»

«Doch schlussendlich entscheidet der Konsument, wie Fleisch in der Schweiz produziert werde. Wenn jemand über die mangelhafte Tierhaltung ­entrüstet ist, dann aber doch das günstige Aktionsfleisch kauft, dann wird sich nie etwas ­ändern.»

Viele Freiheiten in Grossbritannien

In Grossbritannien ist die ganzjährige Freilandhaltung von Schweinen weit verbreitet. Rund ein Drittel aller Zucht- und Jungsauen werden dort draussen gehalten. Die Investitionskosten- sowie Arbeitskosten sind denn auch bedeutend tiefer als bei der Stallhaltung.

Ansonsten gibt es bei den Schweinen in Europa ein industrielles Massensterben. Allein in Deutschland wurden im Jahr 2017 5,6 Millionen Tonnen Schweinefleisch erzeugt, viele davon für den Export nach China. Die Haltungsbedingungen der intelligenten Tiere sind zudem überall noch deutlich schlechter als in der Schweiz.

In der Schweiz werden jedes Jahr 2,5 Millionen Schweine gezüchtet und 1,5 Millionen geschlachtet.

Früher wurden Schweine in Herden durch die Wälder getrieben, wo sich die Allesfresser an Eicheln, Haselnüssen und Bucheckern satt frassen. Der Spruch «Die besten Schinken wachsen an Eichen» stammt aus diesen Zeiten. Später, aber noch vor der Massentierhaltung, hatte ein Bauer meist nur wenige Sauen, die allerdings oft in einer dunklen Stallecke ein tristes Dasein fristeten. Die Glücklicheren durften mithelfen, abgeerntete Äcker leer zu putzen. Vor dem Winter, wenn das Futter knapper wurde, war Metzgete angesagt.

Immer wieder ein Schrittchen vorwärts

Die Masthühner in der Schweiz schafften am 1. Januar 1992 die Befreiung von der Käfighaltung ins Freiland - oder mindestens in einen Wintergarten, wo sie picken und scharren können, wie es ihrer Natur entspricht. Warum darf das Schwein, der beliebteste Fleischlieferant des Schweizers, nicht wühlen und graben?

«In den letzten Jahren ging es immer wieder ein Schrittchen vorwärts zum Wohl der Schweine», sagt Roland Weber vom Zentrum für Tiergerechte Haltung in Tänikon. Seit dem Jahr 2008 gilt beispielsweise ein Verbot für Vollspaltenböden in Schweizer Schweinemastbetrieben mit einer Übergangsfrist von zehn Jahren. Das Schwein sei nun mal kein Weidetier, sondern ein Allesfresser, das den Boden durchwühlt. «Bei den schweren Schweizer Böden ist das ein Problem. Man müsste die Parzellen zu oft wechseln bei Freilandhaltung von Schweinen.» Immerhin würden rund 65 Prozent der Schweinefleischproduzenten in der Schweiz nach den Richtlinien der «Besonders freundlichen Tierhaltung» (BTS) und «Regelmässiger Auslauf ins Freie» (RAUS) produzieren. Hier gebe es wenigstens eingestreute Liegeflächen. «In der Tierhaltungsproblematik geht es immer darum, Kompromisse zwischen Tierwohl und politisch Machbarem zu suchen», sagt Weber.

Jedes halbe Jahr Weide wechseln

Es gibt aber durchaus noch weitere Beispiele dafür, dass Freilandhaltung bei Schweinen möglich ist. Auf dem Hof von Werner und Marianne Siegrist aus Wil im Kanton Zürich werden die Schweine draussen gehalten – auch weil die Landwirte keinen teuren Stall bauen und flexibel bleiben wollten. Im Stall sind die Sauen einzig zum Abferkeln und bis die Ferkel drei Wochen alt sind. Dann geht es mit dem Anhänger raus aufs doppelt eingezäunte Freiland. Dort übernachten die Schweinegruppen in verschiedenen, einfach gebauten, mit Stroh ausgelegten Drahtgitterhütten.

Auch Markus Brühlmann und Reto Kropf, Bauer und Wirt in der Gemeinde Egnach, halten zusammen Freilandschweine. Das Fleisch wird im Gasthof verwertet und direkt vermarktet. Die Nachfrage ist gross. «Bei uns war noch nie eine Sau krank», sagt Landwirt Markus Brühlmann, «Antibiotika brauchten wir bis jetzt nicht.» Halbjährlich wird die Weide gewechselt. Dort wo die Sauen den Boden umgepflügt haben, wird frisch angesät – Mäuse sind auf diesem Landstrich vorerst ausgerottet.