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Ein neues Zuhause für verstossene Huskys: Wieso zwei Ostschweizer mit einem Rudel nach Finnland auswandern

Viele Huskys landen in Tierheimen – weil sie gern jagen und schwer zu zähmen sind. Josephin Habermann und Markus ­Brülisauer haben zwölf solcher «schwieriger» Hunde aus dem Tierheim geholt.
Text: Melissa Müller
Markus Brülisauer und Josephin Habermann haben für ihre zwölf Huskys einen Zwinger am Waldrand gebaut. (Bild: Michel Canonica)

Markus Brülisauer und Josephin Habermann haben für ihre zwölf Huskys einen Zwinger am Waldrand gebaut. (Bild: Michel Canonica)

Schon von weitem erklingt Hundegebell am Waldrand. Nähert man sich dem Zwinger, rasen zwölf Huskys auf die Besucherin los. Freudig stupsen sie einen mit ihren Fellnasen an und springen hoch. «Heh, beruhigt euch!», sagt Josephin Habermann und verfüttert den Hunden getrocknete Kaninchen­ohren. Ihr Partner Markus Brülisauer wärmt sich die Hände über dem Lagerfeuer, es ist ein nasskalter Tag.

Die beiden trainieren mit ihren Hunden auch das Schlittenfahren. «Wir fahren aber nur gemütliche Touren – ohne Renncharakter», betont der 31-Jährige. Niemals würden sie am legendären ­Idiatorod-Rennen teilnehmen, das unter Tierschützern umstritten ist. Das längste und härteste Hundeschlittenrennen der Welt startet dieses Jahr am 2. März. Dann spannen die Leiter ihre Hunde an die Gespanne und fetzen 1600 Kilo­meter durch die Wildnis Alaskas.

Die Hunde buhlen um Aufmerksamkeit. (Bild: Michel Canonica)

Die Hunde buhlen um Aufmerksamkeit. (Bild: Michel Canonica)

Verspielt, verfressen, stur und eigensinnig

Seit eineinhalb Jahren leben Markus und Josephin auf einem Bauernhof. Sie arbeitet in einer Kita, er als Landschaftsgärtner. Jede freie Minute verbringen sie mit den Hunden. «Im Rudel können sie ihr Sozialverhalten am besten entwickeln», sagt die Besitzerin. Jeder Husky hat ­einen bestimmten Rang. Ausgerechnet Cherokee, die ruhigste und anhänglichste Hündin, ist die Rudelchefin. «Nicht der Hund mit der grössten Klappe ist der Chef», sagt Markus Brülisauer. Cherokee zeigt eine Drohgebärde, wenn ihr zwei andere Hunde nicht gehorchen: Sie zieht die Lefzen hoch und stellt die Ohren nach hinten. Sikari, mit sechs Monaten die Jüngste in der Familie, will immer spielen. Paluu ist der Verfressenste. «Wenn es um sein Futter geht, ist er besonders stur und eigensinnig», erklärt Josephin Habermann. Aber er sei auch der Sportlichste im Rudel, ziehe besonders tüchtig am Schlitten. Am meisten Sorgen bereitete dem Paar Ferox, der aus einem illegalen ungarischen Welpenhandel stammt. Der junge Hund mit rötlichem Fell war anfangs verstört. Streichelten sie ihn, legte er sich jaulend und winselnd auf den Rücken. «Wahrscheinlich wurde er geschlagen», sagt Josephin Habermann. Ferox hat zu seinen neuen Besitzern Vertrauen gefasst, aber er ist immer noch scheu: Fühlt er sich beobachtet, wird er nervös und versteckt sich.

Alles begann mit Markus Brülisauers Wunsch, einen eigenen Hund zu haben: «Huskys haben mich schon immer fasziniert», sagt der ehemalige Bauführer. Doch mehrere Hundezüchter rieten ihm davon ab, sich einen solchen Hund zuzulegen: Die temperamentvolle Rasse sei aufwendig zu halten, brauche viel Auslauf und Beschäftigung. «Der Husky ist nah am Wolf», sagt Brülisauer. «Er gehorcht nicht einfach so. Und er hat einen starken Jagdtrieb und Bewegungsdrang.» Das führt dazu, dass viele Halter anfänglich begeistert sind von den Tieren mit den eisblauen Augen – sich dann aber wieder von ihnen trennen. «Viele Huskys landen im Tierheim.»

Viele Huskys landen im Tierheim, weil sie schwer zu halten sind und einen enormen Bewegungsdrang haben. (Bild: Michel Canonica)

Viele Huskys landen im Tierheim, weil sie schwer zu halten sind und einen enormen Bewegungsdrang haben. (Bild: Michel Canonica)

Der Traum vom Husky liess Brülis­auer trotz allen Warnungen nicht los. Vor vier Jahren bricht er für drei Monate nach Finnland auf. Dort packt er in der ­Wildernesslodge Äkäskero mit an, wo 500 Huskys gehalten werden. Brülis­auer betätigt sich als Touristenführer. Er fährt mit den Gästen mit dem Hundeschlitten in die Wildnis, stellt Tipis auf, kocht auf dem Feuer. Auf der Ranch trifft er die 26-jährige Sozialpädagogin Josephin Habermann aus Deutschland, die da ebenfalls ein Praktikum macht. Schon auf dem ersten gemeinsamen Spaziergang mit Schlittenhund Naali funkt es zwischen den beiden: «Der Hund hat uns verkuppelt», sagt Habermann.

Ohne romantische Illusionen

Trotzdem machen sich die jungen Leute keine romantischen Illusionen über eine gemeinsame Zukunft, als sie zurückkehren – er in die Ostschweiz, sie nach Mecklenburg an die Ostsee. Doch sie bleiben in Kontakt, schreiben und telefonieren. «Ich habe Mühe, wieder in den Schweizer Alltag zurückzufinden», sagt er zu ihr.

«Hier in der Schweiz geht es zu sehr um Geld und Stress.»

Die Reise in den hohen Norden hat ihn verändert. «Davor war ich immer der Südtyp, flog nach Bali und Thailand.» Dann aber zog ihn die schneebedeckte Weite in den Bann. Früher legte er Wert auf Äusserlichkeiten, «ich stylte meine Haare mit viel Gel und trug teure Hemden». Heute bevorzugt er statt schicker Kleider ein praktisches Karo-Flanellhemd und Outdoor-Klamotten. Aus dem Hipster wurde ein Naturbursche mit Zausebart und langen Haaren. Auch Josephin Habermann vermisste nach der Rückkehr den Norden, die Hunde – und Markus Brülisauer. Sie besucht ihn in der Schweiz, wo sie Pläne schmieden: Sie wollen auswandern. Nach Finnland.

Doch Josephin Habermann und Markus Brülisauer sind keine naiven Auswanderer, die sich kopflos ins Abenteuer stürzen. Sie nehmen sich erst mal eineinhalb Jahre Zeit, um sich kennenzulernen. Erst zieht sie zu ihm nach Oberbüren. Am Waldrand baut er einen Hundezwinger. Mit Stoh und Holzschnitzeln, Baumstämmen und Holzplatten drauf. Sie holen einen Hund nach dem anderen aus dem Tierheim. Oft übernachten sie im Schlafsack im Zwinger – auch im Winter. Dann legen sich die Vierbeiner neben das Paar und geniessen die Nestwärme.

Josephin Habermann geniesst die Zeit mit den Hunden. Allerdings gehe die Doppebelastung Hundepflege und Beruf auch an die Substanz. (Bild: Michel Canonica)

Josephin Habermann geniesst die Zeit mit den Hunden. Allerdings gehe die Doppebelastung Hundepflege und Beruf auch an die Substanz. (Bild: Michel Canonica)

Doch nicht immer verläuft das Zusammenleben von Mensch und Tier so harmonisch. Bei der Erziehung von Sorgenkind Ferox waren sie sich nicht immer einig. Auf die Zähne beissen mussten sie auch, wenn es tagelang regnete, sie bis auf die Knochen froren und dann auch noch ein Hund krank wurde. Zudem ging die Doppelbelastung von Beruf und Hundepflege an die Substanz. Drei Mal am Tag sammeln die Besitzer Hundekot auf. Auch das Fleisch für die Hunde geht ins Geld.

Mehr Wölfe als Menschen

Nach einigen Härteproben sind sie nun bereit. Im Sommer wollen sie sich im hohen Norden eine neue Existenz aufbauen: 300 Kilometer nördlich des Polarkreises, nahe an der russischen Grenze, wo mehr Bären und Wölfe leben als Menschen. Ihr Haus mit 60 Hektaren Land und eine Holzsauna liegen am Ufer des Sees Korkiavaaranjärvi. Das nächste Dorf Ivalo ist zehn Kilometer entfernt.

Wer hier, am Rande der Zivilisation, überleben will, muss die Einsamkeit lieben, und er muss zupacken können: Holz hacken, Beeren und Pilze sammeln, Feuer machen. Sie wollen Tiertherapie und Camps für Kinder und Jugendliche in ­Tipis anbieten. Josephin Habermann hat in Deutschland bereits in einer WG für suchtkranke Jugendliche gearbeitet, wo Huskys eingesetzt wurden.

«Die Hunde sind sensibel und vorurteilsfrei. Es gelingt ihnen in Kürze, eine Verbindung zu den Jugendlichen herzustellen.»

Das Paar hat seine Ersparnisse in das Haus investiert und lernt nun Finnisch. «Wir wollen nicht nach zehn Jahren immer noch die Ausländer sein.» Das Wort ­Kalsarikännit zum Beispiel bedeute einen ganzen Satz: «Sich allein zu Hause in Unterwäsche betrinken». Die Finnen seien in ihrer Art «ganz wunderbar»: Zuerst distanziert, sturköpfig und grummelig – aber wenn man sie einmal kennen gelernt habe, seien sie verlässliche Gesprächspartner.

Das Paar denkt auch über Klimaschutz nach. Die meisten ihrer Gäste werden nach Ivalo fliegen.

«Das ist ein Dilemma.»

Brülisauer will für jeden Gast, der mit dem Flugzeug anreist, symbolisch einen Baum anpflanzen. Wer auf dem Landweg anreist, erhalte zudem eine Vergünstigung. Das dauere von der Schweiz aus mindestens drei Tage.

«Wir wollen da oben ein Leben aufbauen und ankommen», sagt Josephin Habermann. Auch Kinder sind geplant. Und wenn alle Stricke reissen? «Zur Not könnten wir temporär bei Freunden in der Schweiz unterkommen mit unseren zwölf Hunden.» Das ist ihnen das Wichtigste. «Ich würde keinen unserer Hunde jemals wieder hergeben», sagt sie.

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