Die Rauchzeichen der Zeit

Ab heute ist in den St. Galler Restaurants ausgeraucht. Nichts Weltbewegendes – und trotzdem bringt das Thema die Gemüter in Wallung wie kaum ein zweites. Ein paar Überlegungen, warum das so sein könnte.

Peter Surber
Drucken
Teilen
Als Rauchen noch Sexappeal hatte: Monica Bellucci im Film «Der Zauber von Malena». (Bild: Cinetext)

Als Rauchen noch Sexappeal hatte: Monica Bellucci im Film «Der Zauber von Malena». (Bild: Cinetext)

Ganz neu ist der Streit ums Rauchen nicht. Ein Beispiel: «Vielleicht soll sich zu Zeiten der Mensch mehr betäuben, und dann ist es wohl nützlich, dass er jenen alten verrufenen blauen Dunst für ein wirkliches Gut hält. Nicht bloss Tabak, auch philosophische Phrasen, Systeme und manches andre wird heut zu Tage geraucht, und beschwert den Nichtrauchenden ebenfalls mit unleidlichem Geruch.»

Das Zitat stammt aus der Einleitung zu Ludwig Tiecks Roman «Phantasus». Fünf Freunde reden über Geselligkeit und Freundschaft. Und darüber, was es für eine Wohltat sei, wenn dabei niemand raucht! Es ist das Jahr 1812. 2008 sagt die Mehrheit dasselbe. Und die Minderheit beklagt genau das Gegenteil: Geselligkeit, Gemütlichkeit und freier Sinn gingen vor die Hunde, wenn keiner mehr öffentlich rauchen dürfe.

Wir verbieten uns zu Tode

Ja was nun? Eine Antwort gibt es darauf nicht. Hingegen ein paar Fragen grundsätzlicherer Art: zur steigenden Kadenz von Verboten, zur seltsamen Tatsache, dass dieses Rauchverbot öffentliche Erregung provoziert wie schon lange kein anderes Thema mehr. Und zu Vermutungen, worum es bei dem Streit in Wirklichkeit geht.

Rauchverbot. Saufverbot. Ausgehverbot für Jugendliche. Lärmgrenzwerte. Rayonverbot für Störefriede. Stadionverbot. Vermummungsverbot. Litteringverbot. Die jüngsten Verbotskaskaden betreffen verschiedene Dinge, aber ihnen gemeinsam ist: Sie propagieren allesamt ein gesellschaftliches Wohl- oder wenigstens Normalverhalten. Das Ziel heisst: Ruhe und Ordnung. Wer diese stört, wird bestraft.

Der öffentliche Raum ist zur umstrittenen Zone geworden. Das lässt sich einigermassen simpel damit erklären, dass wir immer mehr werden. Der Raum wird eng, die Freiheit des einen ist die Unfreiheit des andern, nicht mehr bloss philosophisch abgehoben, sondern zunehmend körperlich spürbar. Wir sind uns im Weg – in der kleinen Stadt, in der kleinen Schweiz, auf der kleinen Weltkugel. Wir stören uns. Und gehen daher denen mit Verboten an den Kragen, die noch ein bisschen mehr stören.

Das schwierige daran ist: Toleranz ist kein messbarer Grenzwert. Deshalb ist es unumgänglich, das richtige Mass zu finden. Der St. Galler Kantonsrat hat letzte Woche gleich doppelt Mass genommen, mit verschiedenen Ellen. Zum einen beim Qualm: Das rigide Rauchverbot in Restaurants schien der Mehrheit angemessen. Und zum andern beim Ausgehverbot für Jugendliche: Das ging ihm zu weit. Einleuchtend das Argument einer Parlamentarierin, Ausgehverbote seien das letzte Mittel in Bürgerkriegen. Zivilgesellschaften jedoch müssten ihre Konflikte anders bewältigen.

Sind wir im Krieg? Manchmal könnte man es beinah meinen, wenn man die qualmenden Köpfe der Gegner und Befürworter sieht. Aber im Ernst wird niemand behaupten wollen, dass die Raucherei eine existenzielle Frage sei oder ein «wirkliches Gut», wie es im anfänglichen Zitat von Tieck hiess. Und doch regt sie uns gewaltig auf. Warum?

Der moderne Mensch ist in eine komplizierte Welt hineingeraten. Er ist Rädchen in einer Vielzahl von Grossmaschinen, die kaum noch zu durchschauen sind und schon gar nicht zu kontrollieren. Ein paar wahllose Beispiele: Wer sichert oder streicht meinen Job, wenn die Konzernzentrale irgendwo in London oder Hongkong sitzt? Ist dem Internet zu trauen? Was hilft mein Alusammeln, wenn wir auf einen Klimakollaps zusteuern? Wer dreht an der Strompreisspirale? Wo liegt mein Geld sicher, wenn sogar Grossbanken bankrott gehen?

Die grosse Kränkung

Fragen dieser Art stellt man sich zwar nicht gerade dauernd, aber sie sind da, sie nagen am Sicherheitsgefühl, an den materiellen und moralischen Gewissheiten. Und sie unterhöhlen unsere Überzeugung, selbstbestimmte und eigen-willige Individuen zu sein. Individualität und Selbstverantwortung, das ist einer der zentralen Werte unserer modernen «conditio», der westlichen Zivilisation seit der Aufklärung. Je anonymer und undurchschaubarer die Systeme werden, in denen wir stecken, umso mehr ist dieser Wert in Frage gestellt. Was mich persönlich angeht, wird über meine Person hinweg anderswo, irgendwo verhandelt – und vielleicht verscherbelt. Das ist die grosse Kränkung der Gegenwart.

Und darum brauchen wir Dinge, die wir (noch) kapieren. Für die wir uns stark machen können, für oder gegen die wir mit Kopf, Hand und Herz einstehen. Nicht weil wir beschränkt sind, sondern weil die globalisierte Welt so unbeschränkt, entgrenzt ist, dass wir oft nicht mehr mitkommen, intellektuell und emotionell. Umso mehr gehen die Emotionen da hoch, wo jeder und jede betroffen ist. Da, wo «Freiheit» keine leere Phrase ist, sondern gelebte Erfahrung – allerdings: die Freiheit des Rauchens oder die Freiheit des Nichtrauchens.

1812 brauchte es dazu noch keine Verbote. Vom Kreis der Romantiker um Tieck könnte man denn auch am ehesten lernen: Das Glück hängt nicht vom Rauch ab, sondern von Freundschaft, von Neugier aufs Gegenüber, solidarischer Streitlust, Respekt…

Das Rauchen sei sowieso eine Ersatzhandlung, erkannten schon Tiecks fünf Freunde, lange vor Sigmund Freud: «Vielleicht ist dieses Bedürfnis zu rauchen ein Surrogat für so manches verlorene Bedürfnis des öffentlichen Lebens, der Galanterie der Gesellschaft, der Freiheit und der Feste.» Am Ende aber heisst es versöhnlich: «Die Berge rauchen oft und die Thäler sind voll Nebel, so lasst denn unserem guten Zeitalter auch seinen Dampf.»

Aktuelle Nachrichten