Die Pistole haben sie beinahe übersehen: Ostschweizer Polizeischüler trainieren Stresssituationen

Ein betrunkener Mann schlägt seine Frau: Das ist Polizeialltag. ­Polizeischüler trainieren in einer Lernarena in Amriswil, wie man in solchen Stresssituationen angemessen eingreift. Schauspieler verkörpern Opfer und Täter.

Melissa Müller
Drucken
Teilen
Roland Lötscher verkörpert den krankhaft eifersüchtigen Ehemann verblüffend lebensecht. (Bilder: Reto Martin)
7 Bilder
Eine Aspirantin befragt das Opfer in der Küche.
Nach langer Diskussion macht der Täter einen Alkoholtest.
Die angehenden Polizisten legen den Mann in Handschellen.
Das Geschehen wird gefilmt und ins Schulzimmer übertragen.
Einsatzleiter Valentin Aggeler (l.): «Zu Hause fühlt sich der Täter zu sicher.»
Die Aspiranten verfolgen, wie ihre Kollegen die Situation bewältigen.

Roland Lötscher verkörpert den krankhaft eifersüchtigen Ehemann verblüffend lebensecht. (Bilder: Reto Martin)

Der Mann mit dem halb aufgeknöpften Hemd torkelt durch die Stube. Er schwankt, stösst seine Frau aufs Sofa. Sie heult auf. «Schlampe», sagt er, drückt mit dem Fuss auf ihren Rücken, reisst sie an den Haaren: «Du hast mich betrogen!» Da klopft es an der Tür, zwei Polizisten stürmen herein: «Aufhören», befehlen sie. «Gopfertelli», ruft der Mann aus. «Moment, das ist ein Missverständnis!» Doch ehe er sich versieht, haben ihn die blau uniformierten Gesetzeshüter schon in Handschellen gelegt.

Die Szene ist von Schauspielern nachgestellt. Roland Lötscher vom Theater Bilitz spielt den gehörnten Ehemann. Wir besuchen ein Reality Training an der Polizeischule Ostschweiz mit Sitz in Amriswil. Das Training mit Schauspielern ist fixer Bestandteil der einjährigen Polizeiausbildung. In einer Lernarena, die aus zwei komplett eingerichteten Wohnungen und einem polizeilichen Anzeigebüro besteht, üben die Aspiranten typische Situationen aus dem Polizeialltag ein: Einbruchdiebstahl, Anzeigeerstattung, das Überbringen einer Todesbotschaft oder häusliche Gewalt. Die Übung wird gefilmt und live ins Schulzimmer übertragen. Wird es den jungen Polizisten gelingen, die Lage zu entschärfen?

«So kann der Täter das Gesicht wahren»

Der betrunkene Ehemann protestiert: «Muss das sein mit den Handschellen?», bellt er die Polizistin und den Polizisten an. Seine Ehefrau hat dunkle Schatten unter den Augen; Sie ist barfuss und nur mit einem Bademantel bekleidet. Die Polizistin legt ihr die Hand auf die Schulter und führt sie in die Küche. Da lässt sie sich auf die Eckbank sinken und vergräbt den Kopf in den Händen. Sie weint.

Marcus Kradolfer, der Direktor der Polizeischule, sitzt neben der Besucherin im Schulzimmer und kommentiert die Szene flüsternd. «Es ist gut, dass die Polizeischülerin das Opfer beiseite nimmt in die Küche, während ihr Kollege den Täter in der Stube befragt. So kann der Täter das Gesicht wahren.»

Drei weitere Experten sitzen im Schulzimmer und besprechen den Einsatz danach mit den Aspiranten: Valentin Aggeler, Einsatzleiter der St. Galler Kantonspolizei, Philipp Maier, Jurist und Chef der Kriminalpolizei Schaffhausen, und Samuel Krattenmacher, Polizeipsychologe der Pädagogischen Hochschule St. Gallen.

Die Situation in der Lernarena spitzt sich zu. Der Täter steht vom Sofa auf, tigert rastlos durch die Wohnung. «Wenn sie fremd geht, dann ist doch das eine Straftat, oder?», schnaubt er, vulgäre Ausdrücke vor sich hin murmelnd. «Wir reden hier normal mit Ihnen, also reden Sie bitte auch normal», fordert ihn der Polizeischüler höflich auf. Aber der Mann tobt weiter. «Schlampe, Schlampe, Schlampe!», brüllt er in Richtung Küche. Trotzdem will ihm seine Frau helfen. «Wenn du dich beruhigst, kommt alles gut», ruft sie ihm mit weinerlicher Stimme zu.

«Ist Fremdgehen ein Delikt?»

Zurück im Schulzimmer. Schuldirektor Kradolfer erklärt der Besucherin: «Das sollte die Ehefrau nicht machen, hier müsste die Polizei sie stoppen.» Auch Jurist Philipp Meier kommt auf diese Situa­tion zu sprechen. «Was denken Sie, ist Fremdgehen strafbar?», fragt er die Aspiranten. Ein paar zucken mit den Schultern. «Moralisch ist es schon nicht gut», meldet sich einer. «Es geht nicht darum, den Moralapostel zu spielen. Natürlich ist Fremdgehen keine Straftat», sagt der Jurist. «Hingegen begeht der Täter grobe Ehrverletzungen – nicht nur gegen seine Frau, auch gegenüber den angehenden Polizisten. Das ist Beamtenbeleidigung.» Meier ergänzt: 

«Wenn ihr seht, dass einer aktiv tätlich ist, dann muss er weg. Wer schlaht, gaht.»

Der Aspirant in der Lernarena lässt dem Täter Zeit, sich zu beruhigen. Weil das nicht fruchtet, bietet er via Funk eine zweite Patrouille auf. «Jetzt kommen noch zwei Polizisten», sagt er dem Täter.

«Ein Fehler. Es wäre aus polizeitaktischer Sicht besser, das nicht anzukündigen, um den Täter zu überraschen», sagt Direktor Marcus Kradolfer. Er lobt aber, dass sich der Aspirant Unterstützung holt.

Nun kommen zwei weitere Aspiranten hinzu. Sie beraten sich. «Kommt, wir bringen den Angeschuldigten auf den Polizeiposten und befragen ihn dort», schlägt der Aspirant vor, der Verstärkung angefordert hat. Aber seine Kollegen wollen den Mann lieber in der Wohnung befragen.

Der Kommentar von Schuldirektor Marcus Kradolfer gegenüber der Besucherin: «Der erste Aspirant hatte recht. Er hätte sich durchsetzen sollen, schliesslich hatte er den Lead.» Dieser Ansicht ist auch Einsatzleiter Valentin Aggeler. Bei der Besprechung doppelt er nach: Es wäre besser gewesen, den Täter auf dem Polizeiposten zu befragen. Zu Hause fühle sich der Täter zu sicher. «Statt lange zu fackeln und mit dem Täter zu diskutieren, sollten Sie ihn gleich mitnehmen.» Ein betrunkener gewalttätiger Mann, eine geschlagene Frau. Da sei eine Wegweisung gerechtfertigt, sagt Aggeler. Häusliche Gewalt ist ein Offizialdelikt. Seit 2004 gilt sie nicht mehr als Bagatell- und Privatangelegenheit. «Häusliche Gewalt ist eine strafbare Handlung, und die Staatsanwaltschaft muss diese von Amtes wegen verfolgen», sagt Marcus Kradolfer.

Meist kommt der Mann mit ­Blumen wieder zurück

Durch eine Wegweisung des Mannes hat eine Frau Zeit, sich zu organisieren. Der Umgang mit Opfern erfordert Fingerspitzengefühl: Die Polizei muss alle Verletzungen fotografieren, Beweise sichern und Aussagen im Rapport festhalten. «In der Realität schaffen es viele Frauen nicht, sich von ihrem gewalttätigen Mann zu lösen», sagt ein erfahrener Polizist und Instruktor der Polizeischule. «Es hiesse, den Familienzusammenhalt zu verlieren.» Meist komme der Mann wieder zurück mit Blumen und beteuere seine Reue. Doch die Probleme werden damit nicht gelöst, finanzielle Probleme führen etwa erneut zu Spannungen. Oft habe es die Polizei bei häuslicher Gewalt mit Ehepaaren mit Migrationshintergrund zu tun. Da muss die Polizei dann auch noch zwischen den Kulturen vermitteln. «Manche dieser Männer sind empört, wenn die Polizei ihnen sagt, dass sie ihre Frau nicht schlagen dürfen», sagt Kradolfer. 

«Sie kommen aus Ländern, in denen die Polizei korrupt ist, haben kein Vertrauen in den Verwaltungsapparat und misstrauen auch der Polizei in der Schweiz.»

Endlich hat sich der Täter in der Lernarena beruhigt. Um ihn zu befragen, nehmen ihm die Aspiranten die Handschellen ab, er darf rauchen und ein Glas Wasser trinken. «Solche Goodies sind gut, wenn sie der Polizeiarbeit dienen», sagt der Polizeipsychologe.

Der Täter hat etwas versteckt

Die Polizeischüler machen mit dem Mann noch einen Alkoholtest. «Ich soll blasen!?» Das animiert den Widerspenstigen erneut zu obszönen Bemerkungen. «Meine Frau sollten Sie mal testen.» Der Täter wird wieder aggressiv, die Wut kocht in ihm hoch. Zwei Aspiranten halten ihn fest, legen ihn erneut in Handschellen, der dritte tastet ihn von Kopf bis Fuss ab. Da kommt unter dem Hemd des Mannes ein Gegenstand zum Vorschein: eine Pistole. Die Polizeischüler sind sprachlos vor Schreck. Am Ende des Vormittags haben sie viel gelernt. Etwa, dass sie vor einer Befragung einen Bodycheck machen sollten. Denn was, wenn der Befragte plötzlich eine Waffe zückt?

«Früher haben sie die Pistole in meinem Gürtel fast nie gefunden», sagt Schauspieler Roland Lötscher. Man merke, dass Bodychecks einen grösseren Stellenwert in der Ausbildung hätten.

Den Eltern eine Unglücksbotschaft überbringen

Ein Reality Training kann man nicht einfach nach Schulbuch abarbeiten. Polizisten müssen blitzschnell auf Menschen eingehen, oft in stressigen, bedrohlichen Situationen. In der Polizeischule werden auch psychologische Feinheiten trainiert; etwa die Kunst, den richtigen Ton zu treffen. In einer anderen Übung müssen die Aspiranten einem Elternpaar mitteilen, dass ihre Tochter bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Roland Lötscher spielt jeweils den Vater. «Ihr Vorname?», fragte ihn ein Jungpolizist einmal im militärischen Befehlston. Der Schauspieler sagt:

«Das ist natürlich nicht angemessen, wenn Eltern gerade erfahren, dass sie ihr Kind verloren haben.»

Um einen gewalttätigen Mann zur Vernunft zu bringen, kann ein autoritäres Auftreten dagegen angebracht sein. Die Rolle des gewalttätigen Ehemanns fordert Roland Lötscher körperlich einiges ab. Einmal sagte er zum Polizeischüler: «Fass mich nicht an.» Als ihn dieser trotzdem packte, raufte er sich mit ihm und zerriss dabei das Hemd des Aspiranten. «Da hatte ich nichts mehr zu berichten. Plötzlich lag ich gefesselt auf dem Bauch. Das haben sie extrem gut drauf.»

Lötscher hat Respekt vor der Arbeit der Polizisten. Sie müssen nicht nur das Strafgesetz aus dem Effeff kennen und psychologisch geschickt reagieren, sondern auch je nachdem dominant oder empathisch sein. Dienst nach Vorschrift genügt nicht.

So wird man Polizist: Vom Hundeführer bis zur Opferbefragerin

Um Polizistin oder Polizist werden zu können, muss man ­einen Eignungstest bestehen. Voraussetzung ist auch der Abschluss einer Berufslehre oder einer Maturität mit einem Jahr Erwerbs­tätigkeit. Angehende Polizeimitglieder müssen körperlich und psychisch fit und belastbar sein, einen Führer­schein und Kenntnisse im Tastaturschreiben haben.

Der Lehrgang für die Grundaus­bildung an der Polizeischule Ostschweiz mit Sitz in Amriswil dauert ein Jahr. Während dieses Jahres sind die Schüler von ihrem zukünftigen Polizeikorps ­angestellt und beziehen einen Lohn. Im Unterricht befassen sie sich etwa mit häuslicher Gewalt, Rechtsmedizin, polizeilicher Medienarbeit, Strafrecht, Opferhilfegesetz, Unfallfotografie und Kriminaltaktik.

Polizistinnen mit eidgenössischem Fachausweis können danach in den unterschiedlichsten Bereichen tätig sein. Sie können etwa Hundeführer werden, sich darauf spezialisieren, minderjährige Opfer zu befragen oder als Mitglied einer Sondereinheit gefährliche Ein­sätze leisten. Weitere Infos: polizeischule-ostschweiz.ch