Die Noblesse der Thuner Schlösser

Königlich erhebt sich das Dreigestirn von Eiger, Mönch und Jungfrau am Horizont, während die Thunerseeflotte majestätisch über den See gleitet. Am Ufer des Thunersees trutzen märchenhafte Schlösser und Burgen dem Lauf der Zeit und geben Einblick in eine längst vergangene Epoche.

Claudia Schneider
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Der Aufstieg von der Thuner Altstadt über viele Treppenstufen hoch zum Schlossberg veranlasst mehrmals zu Verschnaufpausen zwischen den restaurierten Altstadthäusern. Die Anstrengung lohnt sich, auch im Schloss, wo weitere Stufen zu einem der vier Türme hinaufführen. Von oben überblickt man die Stadt Thun in ihrem ganzen Ausmass, die abfliessende Aare, den Thunersee und die ringsum gen Himmel hochragenden Gebirge des Berner Oberlands. Das Unterland ist aber nicht minder reizvoll, jedenfalls vom Frühling bis in den Spätherbst, wenn die Thunerseeflotte täglich unterwegs ist, um unter anderem in Oberhofen und in Spiez anzulegen, zwei weiteren Stationen dieser Schlösser-Tour.

Die Maske des «Fule Hung»

Die dicken Mauern von Schloss Thun sind über 800jährig und beherbergen ein Museum mit lokalhistorischen Schaustücken. Das eigentliche Prunkstück ist eine Maske, die «Fule Hung» (fauler Hund) genannt wird und jedes Jahr im September Anlass zu einem grossen Fest gibt. Die Maske ist ein Beutestück aus der Schlacht von Grandson und soll dem Hofnarren Karls des Kühnen gehört haben. In der damals kriegerischen Zeit war das trutzige, die Stadt dominierende Schloss in Besitz der Berner, die ihren Einfluss im Oberland ab dem 14. Jahrhundert vehement geltend machten. Lange war Schloss Thun ein Ausdruck der Berner Macht im Oberland. Im vergangenen Herbst hat der Kanton Bern das Schloss jedoch der Stadt Thun verkauft, und diese beabsichtigt, den Prunkbau im nächsten Jahrzehnt für die Umgestaltung zu einem Hotel zu veräussern.

Bereits seit 1925 ist Thun in Besitz des zweiten Stadtschlosses, des Schlosses Schadau. Das Bauwerk der Romantik wirkt wie ein real gewordenes Märchen und liegt traumhaft am Seeufer im Schadau-Park. Auf der Schlossterrasse lassen sich die Gäste des Restaurants «Arts» kulinarisch verwöhnen. Das Interieur ist raffiniert mit Eichentäferung, Ledertapeten und kunstvollen Parkettböden ausgestattet, und in der oberen Etage präsentiert ein Museum schweizerische Gastronomie-Geschichte.

In der englischen Parklandschaft, die Schloss Schadau umgibt, ist in einem Rundbau auch das älteste Grosspanorama der Schweiz erhalten. Das Werk des Basler Künstlers Marquard Wocher zeigt eine lebhafte Inszenierung der Stadt Thun zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Der Kern der Zähringerstadt hat sich seit dem frühen Mittelalter nicht wesentlich verändert und verleitet zum Verweilen. Doch die «Blüemlisalp», ein nostalgischer Zwei-Deck-Salondampfer aus der Belle Epoque, hornt zur Abfahrt und nimmt Kurs auf die kleinen Küstenorte am Nordufer. Nun muss ein Entscheid gefällt werden: Hilterfingen oder Oberhofen? Denn beide Nachbarorte locken mit einem sehenswerten Schloss.

Gehobene Lebensart

In Hilterfingen hatte sich im 19. Jahrhundert der preussische Baron von Parpart niedergelassen und sich für den Bau eines Renaissanceschlosses im Stil der Loire-Schlösser entschlossen. Nur sieben Jahre, nachdem er das Schloss bezogen hatte, verstarb er jedoch. Der Neffe des Barons, der das Schloss erbte, verkaufte einen Grossteil der reichen Kunstschätze seines Onkels und schliesslich auch das Schloss selbst. Ende des 19. Jahrhunderts wurde Gustav Lemke-Schuckert, ein Architekt aus Wiesbaden, neuer Schlossherr. Er liess das Gebäude aus- und umbauen und die Innenräume mit reichhaltigen Jugendstilelementen ergänzen. Auch der Park wurde leidenschaftlich gepflegt und mit exotischen Gewächsen bepflanzt. Obwohl es weitere Besitzerwechsel gab, ist die Gestaltung durch Lemke-Schuckert noch heute prägend. Um eine weitere Bebauung des Guts zu vermeiden, erwarb Mitte des letzten Jahrhunderts die Gemeinde Hilterfingen das Schloss mit finanzieller Unterstützung aus Bern. Noch heute wirkt das Schloss, als wären die Herrschaften nur eben kurz ausser Haus.

Einen belebten Eindruck vermitteln auch die Räumlichkeiten im Schloss Oberhofen, dessen romantische Ausstrahlung am Seeufer nur Schloss Chillon am Genfersee zu übertreffen vermag. Der mächtige Bergfried war vermutlich im 12. Jahrhundert errichtet worden. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts erhielt die Wehrburg den Charakter eines vornehmen Schlosses. Der neuenburgisch-preussische Graf von Pourtal?s liess darin um 1855 gar einen türkischen Rauchsalon einrichten.

Stolze Vergangenheit

Das elegante Motorschiff «Stadt Thun» nimmt nach der Station Gunten Kurs auf die gegenüberliegende Seeseite und fährt, stets mit Blick auf den Niesen, nach Spiez, wo über einem Felssporn sich stolz das Schloss erhebt. Direkt am See locken mehrere Restaurantterrassen und das Seebad mit grosszügiger Liegewiese. Vom Hafen kann man durch die Rebhänge hoch zum Schloss steigen. Im Gegensatz zu Hünegg und Oberhofen, wo die feine Lebensart der beiden letzten Jahrhunderte zelebriert wird, lebt in Spiez der Geist des späten Mittelalters auf, als Adrian von Bubenberg erfolgreicher Heerführer in den Schlachten von Grandson und Murten war. Mit kulturellen Veranstaltungen, einem Abendrestaurant im Sommer und der Kirche auf der Landzunge, in der sich regelmässig Liebespaare vermählen, ist die Gegenwart in Schloss Spiez dennoch auf ansprechende Art präsent.

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