Die neuen und die alten Krisenwörter

Wörter lernen war schon in der Schule eine Plage. Aber im wirklichen Leben, für das wir ja lernen, ist es mit den neuen Wörtern noch schlimmer. Nicht weil sie nicht in den Kopf hineingingen, sondern weil, was sie benennen, unfasslich ist.

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Wörter lernen war schon in der Schule eine Plage. Aber im wirklichen Leben, für das wir ja lernen, ist es mit den neuen Wörtern noch schlimmer. Nicht weil sie nicht in den Kopf hineingingen, sondern weil, was sie benennen, unfasslich ist.

2004 musste die Welt das Wort Tsunami lernen. Heute kennt es jeder, aber die Realität, jetzt in Japan, übersteigt alle Vorstellung.

Und schon müssen wir, herzklopfend und mitleidend, ein anderes Fremdwort repetieren, den GAU und seine monströse Steigerungsform, den Super-GAU: den grössten, ausserhalb aller menschlichen Vorsicht und vielleicht auch göttlichen Vorsehung liegenden Unfall.

Dieser droht in Fukushima, wenn das Containment bricht. Wer nachblättert, findet: Der Begriff war geläufig im Kalten Krieg, als die USA mit ihrer «containment policy» den Kommunismus eindämmen wollten –

jetzt kommt das Wort aus der Bruthitze des Reaktors zurück: Containment heisst der Sicherheitsbehälter um den Atomkern. «Eindämmung, Beherrschung, Zurückhaltung, Schadensbegrenzung» lauten weitere Übersetzungen – lauter Hoffnungswörter gegen die Angst vor der Katastrophe.

Diese wiederum wäre, wortgeschichtlich, nicht einmal so schlimm.

Sie setzt sich zusammen aus griechisch kata, «gegen» und strophein, «wenden»: wörtlich also die «Umkehr», die «Wende». Erst später engt sich die Bedeutung rein negativ ein. Ähnlich ging es der Apokalypse. Die Wörter apo, «fern» und kalypsos, «Verschleierung» ergeben zusammen die Nicht-Verschleierung: die Enthüllung oder Offenbarung.

Auch Krise bezeichnet ursprünglich nur eine «(Ent-)Scheidung» – abgeleitet wie Kritik vom griechischen krinein, «trennen» oder «scheiden». Im Deutschen ist das Wort seit dem 16. Jahrhundert da, zuerst in der Medizin. Dort meint Krise die sensibelste Krankheitsphase, der bei glücklichem Verlauf die Genesung folgt. «Dass es sich bei der Krise um einen Wendepunkt handelt», sagt Wikipedia trocken, «kann jedoch oft erst konstatiert werden, nachdem die Krise abgewendet oder beendet wurde.»

In den Berichten aus Japan ist inflationär von Katastrophe und Apokalypse die Rede – bleibt die schwache Hoffnung, dass sich die Wörter an ihre Etymologie halten und die Krise zur Umkehr führt.

Peter Surber