Die neue Art zu Reisen? Dieser Pilot durchquerte die Schweiz nur mit Postautos
Reportage

Die neue Art zu Reisen? Dieser Pilot durchquerte die Schweiz nur mit Postautos

Im Postauto hat Tis Meyer die Schweiz umrundet. 245 Fahrten hat er dafür gebraucht – und ab und zu seine Füsse, um zur nächsten Haltestelle zu gelangen. Eine Tour de Suisse mit Haarnadelkurven, Überraschungen und einem Chauffeur, der auch mal eine Extrarunde dreht.

Annika Bangerter
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Tis Meyer sitzt in der ersten Reihe. Das ist sein Stammplatz. «Als ob man auf eine Kinoleinwand blicken würde», sagt er und schaut aufmerksam geradeaus. Links vor ihm sitzt der Chauffeur, neben ihnen rauscht die Landschaft vorbei. An diesem Morgen sieht der 32-Jährige nasse Wiesen, die in der Sonne silbrig glänzen, sanft geschwungene Hügel und rot leuchtende Balken, die gediegene Fachwerkhäuser zieren.

Wir haben Meyer kurz zuvor am Bahnhof in Kaiserstuhl getroffen. Hier, im kleinen Städtchen, das sich an den Rhein schmiegt, ist er auch schon vorbeigekommen. Denn Kaiserstuhl liegt an der Schweizer Grenze. Und dieser Grenze ist Tis Meyer gefolgt. Im Postauto.

Heute arbeitet Tis Meyer als Pilot. Vor seiner Ausbildung erkundete er im Postauto die Schweiz.

Heute arbeitet Tis Meyer als Pilot. Vor seiner Ausbildung erkundete er im Postauto die Schweiz.

Bild: Sandra Ardizzone, 2020

Die Idee dazu hatte er in den USA. In Fernbussen reiste er drei Monate lang durch jenes Land, in dem Passagiere meistens nur aus einem Grund den ÖV nutzen: Weil sie sich kein Auto leisten können. Meyer kam mit Sitznachbarn ins Gespräch.

Ein Mann erzählte ihm, dass er eben erst aus dem Gefängnis entlassen worden sei, eine Frau von ihrem Drogenentzug, eine Grossmutter von ihren Enkeln. Während der damalige Jus-Student ihren Geschichten lauschte, veränderte die Landschaft hinter den Fenstern fortwährend ihr Gewand. Tis Meyer wusste: Seine eigene Heimat will er auf diese Weise ebenfalls besser kennen lernen. Fernab von Intercity-Zügen oder Autobahnen mit ihren anonymen Raststätten – und über die touristischen Hotspots hinaus.

Als Stadtkind erinnert ihn das «Poschti» an Ferien

Im Sommer 2015 war es so weit. Denn Tis Meyer musste warten. Eben sein Jus-Studium beendet, konnte er erst im Herbst mit seiner Ausbildung zum Piloten beginnen. Er beschloss, die Schweiz entlang ihrer Grenze kennen zu lernen. Sie würde ihn durch die vier Sprachregionen, durch Städte und durch entlegene Bergtäler führen. Einzig erlaubtes Transportmittel auf dieser Tour de Suisse: das Postauto. Aufgewachsen in der Stadt Zürich, war das «Poschti» für Meyer etwas Besonderes. Es stand für Ferien. Für Familienausflüge. Für Freizeit.

In diesem Sinn präsentiert sich heute auch sein Blog. Auf seiner Seite Postauto-Schweiztour.ch veröffentlicht er wöchentlich zwei Reiseberichte. Alle sind online, 58 Touren lassen sich mühelos nachreisen. Die Einträge beschreiben Sehenswürdigkeiten entlang der 3575 Kilometer langen Strecke und führen einige historische Fakten auf – Wikipedia war Meyers’ treueste Begleiterin. Bus-Affine finden zudem Angaben zu den Fahrzeugen. Wer durch den liebevoll gestalteten Blog mit den unzähligen Fotos scrollt, dem wird klar, weshalb er erst vier Jahre nach der eigentlichen Tour de Suisse fertig wurde.

Inzwischen hat sich der Bus der Linie 510 ab Kaiserstuhl etwas gefüllt. Die hübschen Aargauer Fachwerkhäuser liegen hinter uns, die ländliche Umgebung ist geblieben. Wir rollen durch das Zürcher Unterland, als TisMeyer an die Scheibe tippt:

«Das ist das Neeracher Ried.»

Das Wasser des Weihers strahlt in kühlem Blau, sanft umarmt von einem Schilfgürtel. Im Hintergrund türmen sich die schneebedeckten Alpen. Die Schönheit, an der das Postauto vorbeirollt, kommt unverhofft. Etwas überrumpelt, starren wir durch die Fenster.

«Solche Momente erlebte ich immer wieder auf meiner Reise»

, sagt Meyer. Etwa im Prättigau, als er in die Bergdörfer hinaufkurvte. Zuvor war er nur auf der Schnellstrasse durch den Talboden gefahren – eher öde hatte er ihn in Erinnerung. Nun stand er plötzlich in einer faszinierenden Bergwelt. Ähnlich überrascht war er, als er nach fast 40 Haarnadelkurven im Tessiner Dorf Indemini aus dem Bus stieg und zwischen alten, gut erhaltenen Steinhäusern flanierte.

Nicht alle Orte waren zauberhaft. Es gab auch gesichtslose Abschnitte, in denen sich Autogarage an Autogarage reihte. Einen Eindruck davon bekommen wir, als der Bus sich dem Flughafen Zürich nähert. Blöcke, grau und beige, liegen wie Würfel am Wegrand. Eine grossflächige Werbung der Fleischlobby hängt neben einem Plakat, das euphorische Neumieter von «Businessflächen» zeigt.

«Solche Abschnitte gehören dazu», sagt Meyer und zuckt mit den Schultern. In gesichtslosen Agglomerationen oder Industriezonen stieg er nur aus, wenn er die Postauto-Linie wechseln musste, sonst fuhr er durch. «Jede Region hat schöne Ecken, die Schweiz ist enorm, reich an Naturschätzen und hübschen Orten», sagt er.

Ein Buch hatte er auf seinen insgesamt 245 Postauto-Fahrten nie in der Hand, dafür lag seine Kamera stets griffbereit neben ihm. Auf seinem Stammplatz in der ersten Sitzreihe schaute er durch die hohen Fenster und plauderte ab und zu mit den Chauffeuren. Von ihnen schwärmt er: Sie haben ihm vor Ort immer wieder Tipps für weitere Abstecher gegeben. Einer stoppte extra an einem Aussichtspunkt, damit Meyer ein Foto schiessen konnte. Ein anderer verliess kurzzeitig die vorgeschriebene Route, um seinem Passagier eine Sehenswürdigkeit zu zeigen, die dem Chauffeur am Herzen zu liegen schien – einen eigenwillig dekorierten Kreisel.

Wer den Platz neben dem Chauffeur wählt, wird mit einer besonders beeindruckenden Aussicht belohnt.

Wer den Platz neben dem Chauffeur wählt, wird mit einer besonders beeindruckenden Aussicht belohnt.

Im Wallis und entlang des Genfersees wandern

Gab es keinen Postauto-Anschluss, schnürte Tis Meyer seine Wanderschuhe und machte sich zu Fuss zur nächsten Haltestelle auf. Dafür stieg er in Schluchten hinunter, überquerte Hügel oder durchschritt Ebenen. Rund 230 Kilometer legte er wandernd zurück. Einen Zug oder einen Bus zu nehmen, der kein Postauto war, kam nicht in Frage. Meyer hielt sich an seine eigenen Spielregeln. Vor allem im Wallis und entlang des Genfersees musste er deshalb längere Strecken zu Fuss überwinden. Die längste war 28 Kilometer lang – von Sierre nach St. German.

Heute ist Reisen Tis Meyers’ Beruf. Als Pilot fliegt er Menschen durch ganz Europa. Als wir die Endstation der Postauto-Fahrt erreichen, steigen wir an seinem Arbeitsort aus. Wir sind am Flughafen Zürich. Von hier wird Meyer bald wieder einen Linienflug in mehrere tausend Meter Höhe steuern – und die Schweizer Grenzen innerhalb weniger Minuten hinter sich lassen.

Hinweis
Tis Meyer hat die Routen geplant und die Reisen selber bezahlt. Erst im Nachhinein entstand eine lose Kooperation mit Postauto Schweiz. Insgesamt 58 Beiträge umfasst der Blog, wenn alle Reiseberichte veröffentlicht sind. www.postauto-schweiztour.ch

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