Risiko
Die Mimose unter den Früchten: Kirschen sind nicht nur süss, sondern auch heikel

Die Kirsche ist köstlich – aber die Mimose unter den Schweizer Früchten. Wer sie anbaut, muss risikofreudig sein.

Delphine Conzelmann (Text) und Claudio Thoma (Fotos)
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Sie brauchen ein Dach über dem Kopf: Kirschen.

Sie brauchen ein Dach über dem Kopf: Kirschen.

Thinkstock

Kirschen sorgen jedes Jahr für eine Überraschung: Entweder es gibt viel zu wenige, wie im vergangenen Jahr, oder es ist die Rede von einer Kirschenschwemme. Eine solche wird dieses Jahr erwartet.

Was es neben gutem Wetter für das Gedeihen einer Ernte braucht, das weiss der Fricktaler Kirschenbauer August Schmid. Als Bub hatte er eine Vision. Eine, über die die Erwachsenen lachen, eine Schnapsidee eben. Als er seiner Mutter in den Schulferien beim «Chirsigünne» half, sagte er zuversichtlich: «Eines Tages werde ich auch in strömendem Regen Kirschen pflücken können, und zwar unter einem riesigen Zelt. Dann wird den Früchten nichts passieren.» So etwas solle er nicht sagen, sonst würden die Leute ihn noch für verrückt erklären, meinten seine Eltern.

Aber Schmid verfolgte seinen Traum weiterhin, begann eigenen Kirschbäume zu pflanzen und als er nach seiner Schulzeit von seinem Vater ein Stück Land geschenkt bekam, wusste er, dass er auch vor scheinbar utopischen Innovationen in der Kirschenbranche nicht zurückschrecken würde. Vor 14 Jahren hat er sich dann seinen Kindheitstraum erfüllt und als einer der ersten Bauern in der Schweiz einen Witterungsschutz für seine Kirschen installiert.

 Die Abdeckung für die Bäume müssen gut gesichert werden. Kirschen sind nicht sehr pflegeleicht. Sie benötigen für eine ertragsreiche Ernte Schutzmassnahmen vor Wind und Wetter. August Schmid zeigt seine Kirschbäume und deren Schutz auf seinem Feld in Gipf. (13. Juni 2018)
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 Kirschen sind nicht sehr pflegeleicht. Sie benötigen für eine ertragsreiche Ernte Schutzmassnahmen vor Wind und Wetter. August Schmid zeigt seine Kirschbäume und deren Schutz auf seinem Feld in Gipf. (13. Juni 2018)
 Die geschützen Kirschen erinnern an eine Zeltstadt. Kirschen sind nicht sehr pflegeleicht. Sie benötigen für eine ertragsreiche Ernte Schutzmassnahmen vor Wind und Wetter. August Schmid zeigt seine Kirschbäume und deren Schutz auf seinem Feld in Gipf. (13. Juni 2018)
 Die Abdeckung für die Bäume müssen gut gesichert werden. Kirschen sind nicht sehr pflegeleicht. Sie benötigen für eine ertragsreiche Ernte Schutzmassnahmen vor Wind und Wetter. August Schmid zeigt seine Kirschbäume und deren Schutz auf seinem Feld in Gipf. (13. Juni 2018)
 Kirschen sind nicht sehr pflegeleicht. Sie benötigen für eine ertragsreiche Ernte Schutzmassnahmen vor Wind und Wetter. August Schmid zeigt seine Kirschbäume und deren Schutz auf seinem Feld in Gipf. (13. Juni 2018)
 Kirschen sind nicht sehr pflegeleicht. Sie benötigen für eine ertragsreiche Ernte Schutzmassnahmen vor Wind und Wetter. August Schmid zeigt seine Kirschbäume und deren Schutz auf seinem Feld in Gipf. (13. Juni 2018)
 Kirschen sind nicht sehr pflegeleicht. Sie benötigen für eine ertragsreiche Ernte Schutzmassnahmen vor Wind und Wetter. August Schmid zeigt seine Kirschbäume und deren Schutz auf seinem Feld in Gipf. (13. Juni 2018)
 Die Bäume werden zum Schutz vor Wind und Wetter mit Netzen geschützt. Kirschen sind nicht sehr pflegeleicht. Sie benötigen für eine ertragsreiche Ernte Schutzmassnahmen vor Wind und Wetter. August Schmid zeigt seine Kirschbäume und deren Schutz auf seinem Feld in Gipf. (13. Juni 2018)
 Die Bäume werden zum Schutz vor Wind und Wetter mit Netzen geschützt. Kirschen sind nicht sehr pflegeleicht. Sie benötigen für eine ertragsreiche Ernte Schutzmassnahmen vor Wind und Wetter. August Schmid zeigt seine Kirschbäume und deren Schutz auf seinem Feld in Gipf. (13. Juni 2018)

Die Abdeckung für die Bäume müssen gut gesichert werden. Kirschen sind nicht sehr pflegeleicht. Sie benötigen für eine ertragsreiche Ernte Schutzmassnahmen vor Wind und Wetter. August Schmid zeigt seine Kirschbäume und deren Schutz auf seinem Feld in Gipf. (13. Juni 2018)

Claudio Thoma

Eine Schutzmassnahme, die sich bei vielen Schweizer Bauern nun grosser Beliebtheit erfreut, sind Hagelnetze. Sie haben den Vorteil, dass sich unter ihnen an heissen Sommertagen kaum warme Luft staut. Die Schmids aber setzen auf eine klassischere Methode: Sie spannen Plastikfolien über ihre Niederstammbäume und können die Früchte so auch bei schlechtem Wetter in Handarbeit ernten. Vier Personen und eine Hebebühne braucht es, um die Folie auf über drei Metern Höhe über eine Unterkonstruktion zu ziehen. Im Winter wird die Folie wieder aufgerollt und ihrerseits mit einer besonders UV-resistenten Folie geschützt, bis die Früchte der nächsten Saison wieder Schutz bedürfen.

Im ersten Jahr, in dem Schmid in einen solchen Schutz investierte, schien es allerdings anfänglich so, als wäre er überflüssig: «Wir hatten blendendes Wetter und keine Niederschläge. Die Schutzfolie kam nicht zum Zug», erzählt er. Dann, plötzlich: Drei Tage ununterbrochener Regen brachten die Ernte der gesamten Region in Gefahr. Schmid erinnert sich gut: «Wir haben mit ansehen müssen, wie unsere benachbarten Bauern in ihren Regenkleidern verzweifelt versuchten zu pflücken, was zu retten war, während wir uns um unsere Ernte keine Sorgen machen mussten.»

Seither lacht niemand mehr über Schmids Traum. In den letzten Jahren ist Witterungsschutz im Kirschanbau zum Standard geworden. Dies auch deshalb, weil Schadenfreude und Konkurrenzkampf in der Branche keinen Platz haben, so Schmid. Zu sehr sei man auf die Expertise der anderen angewiesen. Technologische Innovationen, wie sie Schmid früh in seiner Karriere vorangetrieben hat, sind nie nur Eigennutz. «Wir sehen uns immer in Kooperation mit anderen Bauern, auch überregional. Wir treffen uns regelmässig und tauschen uns über aktuelle Fragen und Lösungsansätze aus», erzählt Schmid.

Nicht nur vom Wetter droht Gefahr

Kirschenbauern halten zusammen, weil sie es mit einer besonders heiklen Ware zu tun haben: Die Kirsche ist die Mimose unter den Schweizer Früchten. Schon 24 Stunden Regen können eine Ernte ruinieren. Dabei ist das Wetter nicht der Kirsche einziger Feind. Seit ein paar Jahren zittern die Bauern am meisten vor der sogenannten Kirschessigfliege. Aus Asien in die Schweiz verschleppt, hat das Insekt in der hier keine natürlichen Feinde. Chemische Waffen möchten viele Bauern, wie auch Schmid, nicht einsetzen. Lediglich mit speziellen Netzen kann er die Ernte schützen, doch auch das ist nur bei Niederstammbäumen möglich. Schmid züchtet, aus Traditionsbewusstsein, auch Hochstammbäume. Das wurde ihm trotz Warnungen vor drei Jahren zum Verhängnis. Damals hatte die Kirschessigfliege viele der regionalen Bäume angegriffen. «Wir waren sicher, dass wir die wenigen Bäume, die nicht eingenetzt waren, im Griff haben würden, doch als wir eines Morgens nach den Kirschen sehen wollten, rochen wir die Fäule schon von Weitem», berichtet Schmid. Zu sicher darf man seiner Sache im Kirschengeschäft nie sein.

Prognosen wichtig für den Handel

Ob es ein Neophyt, der Ausbruch einer Krankheit oder ein besonders regnerisches Jahr ist, das die beliebten Früchte in Gefahr bringt: Der Kirschenanbau ist eine Gratwanderung zwischen Planung und Flexibilität, zwischen Erfahrung und Innovation. Es ist eine Spannung, die Schmid immer wieder zu wahren hofft: «Mein Sohn, der meinen Betrieb übernehmen wird, ist in der Forschung tätig, hat aber die Praxis des Anbaus schon seit seiner Kindheit hautnah miterlebt. Es ist die Übersetzung von der Theorie in die Praxis, die in unserer Branche so wichtig ist.»

So bilden Erfahrungswerte und Forschungsergebnisse gemeinsam die Basis für Ernteprognosen. Sie müssen möglichst früh gestellt werden, sodass sich nicht nur die Bauern, sondern auch der Schweizer Handel auf einen Kirschenmangel oder auf eine Schwemme vorbereiten kann. Es könne durchaus sein, meint Schmid, dass in den Läden einfach keine Regale mehr frei sind. So sei es letztes Jahr vielen Bauern ergangen: «Wir haben wegen des schlechten Wetters mit Ernteausfällen gerechnet, doch die Früchte zeigten sich hartnäckiger als erwartet. Das hätten wir anhand unserer Bäume voraussehen können, doch aus Bescheidenheit haben wir das nicht an die grosse Glocke gehängt. Das war ein Fehler», meint Schmid. Auch wenn es selten so weit komme, dass Kirschen entsorgt werden, müssen Bauern oft spontan nach anderen Absatzmöglichkeiten suchen. Der Export ihrer Früchte jedoch ist für viele keine Option: «Das würde heissen, dass man jedes Jahr eine konsistente Menge liefern muss, und eine solche Sicherheit können die meisten Bauern nicht gewährleisten», erklärt Schmid.

Auch Jahrzehnte der Erfahrung und detaillierte Prognosen ändern nichts daran, dass der Anbau von Kirschen zu den riskantesten Unterfangen in der Landwirtschaft gehört. Lohnt es sich dennoch? Schmid ist sich dessen sicher: «Worauf es wirklich ankommt, ist die Freude.» - So wie sie das Volkslied «Chumm mir wei go Chrieseli günne» ausstrahlt. Dann gibt es oft an einem Ort «grüseli vill». «Wer enthusiastisch bei der Sache ist, kann auch mit einem relativ kleinen Stück Land einen guten Ertrag erzeugen und sich ein Einkommen sichern.» Viel Herzblut und Arbeit sei allerdings unverzichtbar. Die Schmids beginnen mit ihrer Arbeit um sechs Uhr morgens, und Feierabend ist oft erst nach neun Uhr abends.

Doch auch die harte Arbeit hat in all den Jahren für Schmid nichts an seiner Liebe zu seinen Kirschen geändert: Keine Frucht könne es mit ihr aufnehmen. Besonders nicht mit der Nordwestschweizer Kirsche: «Die kalkigen Böden und das sonnige Wetter sorgen für ein unvergleichliches Aroma. Natürlich spricht hier der Stolz auf meine Region, überzeugt bin ich trotzdem.» Bereits wenn er im Frühling die ersten, noch unreifen Früchte koste, fülle sich sein Herz mit Vorfreude auf die Kirschsaison.