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Die meistgehasste Frau der Schweiz

In Genf werden drei Frauen brutal zusammengeschlagen. Gewalt an Frauen wird zum Thema. Die Juso-Präsidentin Tamara Funiciello exponiert sich und wird dafür von Männern aufs Übelste beschimpft. Und in einer Zeitung sexistisch karikiert.
Katja Fischer De Santi
Die Präsidentin der Juso Schweiz Tamara Funiciello anlässlich der Delegiertenversammlung der Juso Schweiz vom Samstag, 10. September 2016 in der BSZ Stiftung in Seewen im Kanton Schwyz. (KEYSTONE/Urs Flüeler)

Die Präsidentin der Juso Schweiz Tamara Funiciello anlässlich der Delegiertenversammlung der Juso Schweiz vom Samstag, 10. September 2016 in der BSZ Stiftung in Seewen im Kanton Schwyz. (KEYSTONE/Urs Flüeler)

Es ist nur ein Nebensatz in einer siebenminütigen Rede. Ein Satz, der dazu geführt hat, dass Tamara Funiciello diesen Sommer zu einer der meistgehassten Frauen der Schweiz wird.

Die 28-jährige Juso-Präsidentin will mit einer engagierten Rede gegen Gewalt an Frauen ankämpfen. Nun ist sie selbst zur Zielscheibe übelster verbaler Gewalt geworden. Die Anfeindungen, Drohungen und Beleidigungen gipfelten letzten Samstag in einer Karikatur in den «Schaffhauser Nachrichten». Auf der Meinungsseite schreibt eine Journalistin darüber, wie schrecklich es sei, dass es in der Schweiz Männer (ausländischer Herkunft) gebe, die in patriarchalen Gesellschaften aufgewachsen seien und für die Frauen Menschen zweiter Klasse seien.

Karikatur von Pascal Coffez, erschienen am Samstag 18. August in den "Schaffhauser Nachrichten"

Karikatur von Pascal Coffez, erschienen am Samstag 18. August in den "Schaffhauser Nachrichten"


Auf der gleichen Seite erscheint eine Karikatur von Pascal Coffez. Er zeichnet Funiciello als dicke, hexenhafte Figur, die sich den BH vom Körper reisst und das Musiker-Duo Lo & Leduc anschreit, warum diese nicht sie anrufen. Daneben wird ihre Handynummer abgedruckt. Oben die bösen ausländischen Männer, die Schweizer Frauen verprügeln – unten die Schweizer Frau, die sagt «Gewalt gegen Frauen ist ein Männer-, nicht ein Ausländerproblem!», karikiert und beleidigt von Schweizer Männern.


Gesungene Stalking­geschichte


Es ist der Tiefpunkt einer Geschichte, die am 12. August auf dem Bundesplatz Bern ihren Anfang nimmt. Die Juso-Präsidentin spricht an der Demonstration über ihre Angst, nachts alleine nach Hause zu gehen. Darüber, dass weltweit das Risiko für junge Frauen, durch männliche Gewalt zu sterben, grösser ist als durch Krebs, Malaria, Krieg und Verkehrsunfälle. Und sie spricht auch darüber, dass der zurzeit meistverkaufte Song der Schweiz «079» von Lo & Leduc eigentlich ja eine Stalkinggeschichte erzählt, in der das «Nein» einer Frau als Antwort gewertet wird, es nochmals zu versuchen und nochmals und nochmals. Es gibt viel Applaus.

Eine aufmüpfige Jungsozialistin wird zur Zielscheibe


Doch es ist Sommer: Gewalt an Frauen ist ein schweres, ein anstrengendes Thema – vor allem für die Männer. Eine aufmüpfige Jungsozialistin, die den neuen Lieblingshit der Schweizer sexistisch findet, kommt da wie gerufen. Skandalös findet das die SVP, eine Frechheit deren Jungpartei. Die Kommentarspalten quellen über. Tamara Funiciello wird mit Vergewaltigung und Mord gedroht, sie wird als Hexe bezeichnet, als Männerhasserin, die nicht mehr alle Tassen im Schrank hat.

Funiciello muss viel einstecken, teilt aber auch aus

Meist geschieht das anonym in den sozialen Medien. Damit hat die in Italien aufgewachsene Bernerin gelernt zu leben. Seit 2016 ist sie die erste Frau an der Spitze der Schweizer Jungsozialisten. Als forsche Anführerin dieser Truppe muss Funiciello vieles einstecken. Sie teilt aber auch gerne aus. Als sie im letzten Jahr oben ohne posiert, um in einem Akt feministischen Protestes ihren BH zu verbrennen, gehen Hunderte Drohungen bei ihr ein. Gestandene Politiker spotten über ihren Körper. Sie nimmt es hin und macht weiter.

Die Geschichtsstudentin gilt als schlagfertig und witzig, geht keiner Debatte aus dem Weg. Doch die Karikatur mit ihrer Telefonnummer, die sie als ausser Kon­trolle geratene Furie zeigt, beleidigt, weil kein Mann sie anruft, sei ein «Tiefschlag von nicht erwartetem Ausmass». Auf Facebook schreibt sie:

«Ich wurde wegen eines Nebensatzes beleidigt, bedroht, lächerlich gemacht, angegriffen, angefeindet, karikiert, meine Telefonnummer wurde auf Facebook und in Zeitungen gestellt. (...) Diese Gesellschaft ist bereit, jede absurde Diskussion zu führen – ausser die über Männergewalt an Frauen.»


Ein gezeichneter Aufruf zur Belästigung


Robin Blanck, Chefredaktor der «Schaffhauser Nachrichten», verteidigt auf «Watson.ch» die Darstellung von Funiciello. «Karikatur darf grundsätzlich alles und muss zuweilen auf das Mittel der Zuspitzung zurückgreifen.» Auch dass durch die Publikation von Funiciellos Handynummer ihre Persönlichkeitsrechte verletzt worden seien, will Blanck nicht gelten lassen. Die Nummer sei auf ihrer Webseite zu finden. Die Telefonnummer allein ist nicht das Problem. Die ganze Karikatur kann als Aufruf gelesen werden, Funiciello anzurufen, sie anzumachen. Ein Aufruf zur verbalen Gewalt an einer Frau, die gegen Gewalt an Frauen kämpft.

Allgegewärtiger Frauenhass im Netz


Immer wieder werden in der Schweiz Frauen, die öffentlich Position beziehen, sexistisch beleidigt und bedroht. Frauenhass ist den sozialen Medien allgegenwärtig. Keine Politikerin, keine Schauspielerin oder Autorin, die davon nicht schon betroffen war. Die Täter dieser verbalen Gewalt sitzen an ihren Computern und füllen die Kommentarspalten mit Häme und Hass. Nicht der Intellekt, die politische Position der Frauen wird angefeindet, sondern ihr Körper, ihre Sexualität.

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