Die Macht der Ideen

Lesbar Sachbuch Vor wenigen Wochen ist der britische Historiker Tony Judt gestorben. Sein letztes Werk, «Das vergessene 20. Jahrhundert», vereinigt Essays und Porträts, die zwischen 1994 und 2006 erschienen sind.

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Lesbar Sachbuch

Vor wenigen Wochen ist der britische Historiker Tony Judt gestorben. Sein letztes Werk, «Das vergessene 20. Jahrhundert», vereinigt Essays und Porträts, die zwischen 1994 und 2006 erschienen sind. In der Einleitung lässt Judt noch einmal die Katastrophen und grossen Entwicklungen des vergangenen Jahrhunderts Revue passieren – eines Jahrhunderts, das, wie Judt staunend feststellt, schon beinahe «im Dunkel der Vergessenheit» verschwunden sei.

Immerfort als «Lehren» beschworen, würden die Erfahrungen dieses Jahrhunderts in Tat und Wahrheit ignoriert. Von all den Veränderungen jedoch, die in den letzten drei Jahrzehnten zu beobachten waren, ist nach seiner Ansicht der Abgang der Intellektuellen vielleicht die symptomatischste. Heute gibt es zwar jede Menge Experten, aber kaum mehr Männer und Frauen der Wissenschaft, der Literatur, der Kunst, die sich in die grossen Debatten einmischen und sie prägen. Figuren wie Arthur Koestler, wie Hannah Arendt, wie Albert Camus.

Wenn wir aber «die Welt verstehen wollen, die wir erst seit kurzem hinter uns gelassen haben», schreibt Tony Judt, «müssen wir uns an die Macht der Ideen erinnern und daran, welch starken Einfluss vor allem der Marxismus im 20. Jahrhundert hatte».

Tony Judt: Das vergessene 20. Jahrhundert. Die Rückkehr des politischen Intellektuellen, Hanser, München 2010, Fr. 39.90

Mission gescheitert

Die Macht der Ideen, von denen Tony Judts oben besprochenes Buch handelt, ist auch aus der Geschichte des Irakkrieges nicht wegzudenken. Unter dem Schock der Terroranschläge vom 11. September 2001 habe die Regierung Bush sich und das Land «in einer Mischung aus Alarmismus, Selbsttäuschung und Allmachtsphantasien» in das Projekt der Entmachtung Saddam Husseins getrieben, stellt Stephan Bierling fest, der eine erste Geschichte des Irakkrieges vorlegt.

Und wie so oft in der Geschichte wurde das Ziel grandios verfehlt: Der Irakkrieg hat Länder wie Nordkorea nicht daran gehindert, Nuklearwaffen zu entwickeln. Und er hat weder den internationalen Terrorismus noch die Ausbreitung eines militanten Islamismus gebremst.

Stephan Bierling: Geschichte des Irakkrieges, Beck, München 2010, Fr. 20.50

Rolf App